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Kühle ist das neue Gold

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Es ging um Sauerstoff. Oder genauer gesagt: um seinen Mangel. Um den Sauerstoffmangel auszugleichen, forderten Ärzte Ende des 19. Jahrhunderts Ferien. Aber nicht etwa für alle, sondern vor allem für Büroangestellte, die geistige Arbeit verrichteten. Körperliche Arbeit und «Frauenarbeit» galten als weniger ermüdend und damit die Versorgung mit Sauerstoff als gewährleistet. Für sie seien Ferien also unnötig. 

Luxusgut

Hätten die Gewerkschaften dies nicht fundamental anders gesehen, gäbe es vielleicht heute noch keine Ferien. Zumindest nicht, wenn es nach der selbsternannten Volkspartei (SVP) ginge, die fast sämtliche Ferien-Vorstösse bekämpfte. Zuletzt 2012 die Initiative für 6 Wochen Ferien. Es brauchte den Landesstreik 1918, das gut organisierte Transportpersonal 1920 sowie zahlreiche kantonale Vorstösse in den 1940er und 1950er Jahren, um Ferien vom Luxusgut für Gutbetuchte zur Erholungszeit für alle zu machen. Seit 1984 gilt: Alle haben Anrecht auf vier Wochen Ferien. Wer mehr Ferien hat, verdankt dies in den meisten ­Branchen guten Gesamtarbeitsverträgen. 

Sandburg

Neun Unia-Mitglieder haben Bilder aus ihren wohlverdienten Sommer­ferien mit work geteilt: Sie scheinen erholsame Tage erlebt zu haben. Mit Städtetrips, dem Bau von Sandburgen, Familienbesuchen oder Höhlenexpeditionen (zum Beitrag). 

Dummheit

Doch ganz so unbeschwert ist er nicht, dieser Sommer 2026. Es ist der Sommer der verbrannten Erde, Wiesen und Wälder. Der Sommer, in dem in Europa bisher 31'800 Menschen zusätzlich an der Hitze starben, in der Schweiz zwischen 357 und 474. Der Sommer, in dem der Bundesrat auf Tauchgang ging, während die Arbeitnehmenden auf dem Bau, in den Pflegeheimen, in den Restaurants oder in den Schulen unter der Hitze ächzten. In dem Umweltminister Rösti und Bundespräsident Parmelin, beide SVP, so taten, als sei alles nur halb so schlimm (zum Kommentar). Und ihre Unwissenheit und ihr Desinteresse in Sachen Klimakrise erschreckend offen zur Schau stellten. 

Anpassung

Dabei ist längst klar: Die Aus­wirkungen des Klimawandels sind real. In der Schweiz ist es 2,9 Grad wärmer als im Vergleich zur vorindustriellen Zeit. Wir müssen lernen, damit umzugehen. Und auch jene schützen, die nicht in klimatisierte Büros oder in den kühlen Norden fliehen können. Damit Kühle nicht zum Luxusgut für Wohlbetuchte wird. Der Kanton Genf hat einen grossen Schritt in die richtige Richtung gemacht. Auf Druck der Gewerkschaften müssen die Bau­stellen bei Hitzewellen um 13 Uhr schliessen – zum Schutz der Bauleute. Die Unia fordert einen Baustop ab 33 Grad, wenn es keine Beschattungsmöglichkeiten gibt (zum work-Artikel). 

Rückblick

Vielleicht ist es ja wie mit den Ferien. Vielleicht werden wir eines Tages ungläubig auf die zwanziger Jahre zurück­blicken und sagen: Wenn die Gewerkschaften damals keinen Druck gemacht und keinen generellen Schutz vor Hitze an den Arbeitsplätzen gefordert hätten, würden wir jetzt noch immer ungeschützt bei 40 Grad ­draussen wie drinnen schuften.

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