Kommentar
Die Schweiz verdorrt, und Umweltminister Rösti schaut staunend zu

WAS, SO HEFTIG HEISS IST ES GEWORDEN? Das hat Umweltminister Rösti nicht kommen sehen – obwohl die Wissenschaft seit Jahrzehnten genau das voraussagt. (Foto: Keystone)
Beitrag vorlesen lassen.
0:00 / 8:31

Noch zu Beginn dieses Extremsommers relativierte Umweltminister Albert Rösti (SVP) ganz entspannt im Schweizer Radio: «Wenn wir jetzt ein paar Tage 34 oder 35 Grad haben, darf man das nicht übertreiben und sofort ein Katastrophenszenario an die Wand malen.» Jetzt, nach Wochen der höllischen Hitze auf dem Bau, in Schulen, Spitälern, Pflegeheimen, sagte er im «Tages-Anzeiger»: «Eine derartige heftige Hitze wie in diesem Sommer hätte ich nicht erwartet.» Aber den Klimawandel habe er nie in Frage gestellt. Immerhin. Auch das ist bei Trump-Sympathisanten nicht selbstverständlich. Der «Tagi» lässt beide Aussagen unkommentiert.

Kalter Kaffee

Dabei wäre es doch durchaus von Interesse, zu wissen, wieso unser Umweltminister überrascht ist von extrem hohen Temperaturen und extremer Trockenheit im Jahr 2026? Seit den 1930er Jahren ist bekannt, dass menschengemachte CO2-Emissionen die Erde erwärmen. 1990 (Rösti studiert an der ETH) veröffentlichte der Weltklimarat (IPCC) seinen ersten Bericht. Darin steht: Wenn wir den Ausstoss von klimaschädlichen Gasen nicht reduzieren, erreichen wir bis 2025 eine globale Erwärmung von 1 Grad. Der Bericht lag damit fast richtig. Im globalen Durchschnitt ist es heute 1,4 Grad wärmer als im Vergleich zur vorindustriellen Zeit. Die Schweiz hat sich deutlich stärker erwärmt, nämlich um 2,9 Grad.
 
Seit 2007 (Rösti wird Direktor der Schweizer Milchproduzenten) publizieren Forschende im Auftrag des Bundes Berichte über das Klima und Klimaszenarien. Der erste Bericht geht von einer Erwärmung in der Schweiz bis zur Mitte des 21. Jahrhundert «von knapp 3 Grad im Sommer (respektive 2 bis 7 Grad)» aus. Begleitet von zunehmenden Hitze- und Trockenheitsperioden.
 
Der Bericht von 2011 (Rösti wird in den Nationalrat gewählt) bestätigt im wesentlichen die Szenarien von 2007. Unterschiede erklären die Forschenden mit einer neuen Generation von Klimamodellen, verbesserten statistischen Methoden und der Verwendung einer aktuelleren Referenzperiode (1980 – 2009). Ein ganz gewöhnliches Vorgehen in der Wissenschaft: Eine Erkenntnis gilt so lange, bis sie widerlegt ist.

Häufiger, heftiger

Der neuste Bericht ist aus dem Jahr 2025 (Rösti ist bereits seit zwei Jahren Umweltminister). Hatte sich der erste Weltklimabericht noch vorsichtig geäussert, ist heute längst klar: Der Mensch ist hauptverantwortlich für die Veränderungen des Klimas in den vergangenen 150 Jahren, verursacht durch den Ausstoss von Kohlendioxid, Methan und Lachgas. Der Bericht hält zudem fest, dass eine globale Erwärmung um 1,4 Grad fast nicht mehr vermeidbar sei, was für die Schweiz aufgrund ihrer Topographie eine Erwärmung um 2.9 Grad bedeute. Unter den heutigen Massnahmen steuere die Welt auf eine Zunahme von 2 Grad bis 2050 zu.

Im Interview mit dem Schweizer Radio Anfang Juli wies Bundesrat Rösti darauf hin, dass auch der Weltklimarat sein Extremszenario nicht mehr weiterverfolge. Darüber hatte sich auch Klimawandel-Leugner Trump gefreut. Das Szenario mit dem technischen Namen SSP5-8.5 war das mit den höchsten Treibhausgasemissionen. Es beruhte unter anderem auf Annahmen wie sehr hohem Kohleverbrauch bis 2100, kaum zusätzlicher Klimapolitik, sehr hohen Treibhausgasemissionen.  

ANPASSUNG. Seit der Entwicklung des Szenarios hat sich aber der Ausbau erneuerbarer Energien verbessert, zahlreiche Länder haben Klimapolitiken eingeführt und der erwartete Kohleverbrauch ist tiefer. Klimaszenarien sind keine Prognosen, sondern Modelle, um unterschiedliche, mögliche Entwicklungen zu untersuchen. Wenn sich die Ausgangsbedingungen ändern – etwa durch neue Technologien oder politische Entwicklungen – werden die Szenarien angepasst. Das ist ein ganz normales Vorgehen in der Wissenschaft.

RISIKIEN. Die Anpassung der Szenarien bedeutet aber nicht, dass die Risiken des Klimawandels verschwunden sind. Selbst unter den heute als plausibler angesehenen mittleren Szenarien werden erhebliche Erwärmung, häufigere Extremereignisse oder ein Meeresspiegelanstieg erwartet.

Der Bericht sagt auch klar: «Extreme Hitzeereignisse treten häufiger und intensiver auf. Besonders in tiefen Lagen und städtischen Gebieten hat die Belastung durch extreme Hitze bereits deutlich zugenommen. Diese Entwicklung wird sich auch in Zukunft fortsetzen.» Die Waldbrandgefahr nimmt zu, aber auch die Häufigkeit und Anzahl Starkniederschläge oder die Anzahl «Tropennächte», insbesondere in den Städten.

Abbau-Rösti

Die Schweiz wird ihre Klimaziele bis 2030 nicht erreichen. Doch das scheint Bundesrat Rösti nicht sonderlich zu beunruhigen. Fast mantramässig wiederholt er, die Schweiz mache genug, und allein könne sie sowieso nichts bewirken. Dumm nur: im internationalen Klimaschutz-Index (CCPI) bewegt sich die Schweiz lediglich im Mittelfeld. Denn Rösti setzt lieber auf Abbau:

  • Eine halbe Milliarde Franken weniger für den Schutz vor den Auswirkungen des Klimawandels.
  • Kürzung der Gelder für eine klimaangepasste Aufforstung der Wälder.
  • Streichung der Forschungsplattform für Wasser (Wasser-Atlas).
  • Dafür ein Millionengeschenk an die Auto-Industrie: Als ehemaliger Präsident von Auto-Schweiz hat er den Autoimporteuren 100 Millionen Strafzahlungen geschenkt. Diese hätten sie leisten müssen, weil sie zu viele Autos mit zu hohem CO2-Ausstoss importiert hatten.

Noch 2019 bezeichnete Atom- und AKW-Lobbyist Rösti die Klimadebatte als «schrille Panikmache». Seine Partei, die ehemals bäuerliche SVP, spielt den Klimawandel systematisch runter. Dabei dürfte jetzt wohl auch Bauer und SVP-Chef Marcel Dettling aufgefallen sein, dass wir aktuell eine klimabedingte Katastrophe erleben, die sich einreiht in die Steinschläge, Murgänge und Hochwasser der vergangenen Jahre. In der Schweiz gab es bisher 357 zusätzliche Todesfälle, ganz Europa verzeichnet eine klare Übersterblichkeit.
 
Jetzt leistet der Bund immerhin für die Bauern eine Art Klima-Nothilfe und fliegt mit Armeehelikoptern Wasser auf die Alpen. Aber was ist mit den Pflegeheimen, Schulen, Baustellen, Wohnungen? Es bräuchte einiges mehr, um die Folgen der Klimaerhitzung einzudämmen: in den Städten, bei den Arbeitszeiten und -bedingungen, Hilfe für Risikogruppen usw. Und gleichzeitig Massnahmen, um den Ausstoss klimaschädlicher Gase zu senken, zum Beispiel mit dem Ausbau erneuerbarer Energien. Doch Atomturbo Rösti setzt lieber auf neue AKW (mehr dazu hier).

Schreibe einen Kommentar

Bitte fülle alle mit * gekennzeichneten Felder aus.