Klimaseniorin in der Hitzewelle:
«Das Schweigen des Bundesrats gibt mir noch mehr Power!»

Seit dem Klimaseniorinnen-Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) sind über zwei Jahre vergangen. Doch der Bundesrat tut nicht das Nötige. Klimaseniorin und alt Nationalrätin Pia Hollenstein (76) erklärt, was das mit dem serbelnden Freisinn zu tun hat – und wie sie trotz den zunehmenden Katastrophen nicht den Mut verliert.

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KRITISIERT DIE VERANTWORTLICHEN IM BUNDESHAUS: Klimaseniorin Pia Hollenstein. (Fotos: Keystone / Canva)

work: Frau Hollenstein, wie geht es Ihnen persönlich in den Hitzewellen dieses Sommers?
Pia Hollenstein: Für mich persönlich sind diese Hitzewellen nicht so schlimm. Ich bin gesundheitlich nicht vorbelastet und im Alter von 76 Jahren auch noch fit. Und ich lebe in einem Haus, das gut isoliert ist. Im Vergleich zu vielen anderen älteren Frauen bin ich privilegiert.
 
Und trotzdem sind Sie empört?
Ich bin hässig. Denn ich mache seit je Politik für das Gemeinwohl und nicht für meine eigenen Interessen. 

Die Klage der Klimaseniorinnen gegen die Schweiz haben Sie mit Ihren Mitstreiterinnen bereits vor zehn Jahren eingereicht. Wird jetzt wahr, was Sie damals befürchtet haben?
Absolut! Es ist der tragische Beweis für die menschengemachte Klimakatastrophe. Die vulnerablen Gruppen haben es in dieser Hitze immer schwieriger: Asthmatikerinnen und Alte, insbesondere Frauen, dies hat auch das Gerichtsurteil aus Strassburg bestätigt. Aber auch Leute, die in der Hitze arbeiten müssen oder in einer Dachwohnung leben. 
 
Dennoch haben weder der Bundesrat noch die allermeisten Kantone besondere Schutzmassnahmen beschlossen.
Ich staune, wie gelassen die Verantwortlichen mit der Hitze umgehen. Schweizweit gab es in der Hitzewelle Ende Juni 300 zusätzliche Tote. Im Kanton Genf gibt es Schutzmassnahmen für ältere Menschen und Bauarbeiter, auch auf kommunaler Ebene oder in Kirchgemeinden wird einiges gemacht. Aber in den meisten Kantonen gibt es kaum Warnungen oder besondere Massnahmen an den Hitzetagen. Und der Bundesrat will auch weiterhin nicht deutlich sagen, dass diese Hitze und die Naturkatastrophen in Blatten oder im Tessin Auswirkungen des menschengemachten Klimawandels sind. Dieses Schweigen nervt, aber es gibt mir auch Power, weiter dranzubleiben. 

ENGAGIERT: Pia Hollenstein (3. v.l.) bei einer Aktion der Klimaseniorinnen zur Unterstützung des Klimaschutz-Gesetzes im Jahr 2023. (Foto: Keystone)

Sind Sie überrascht über dieses Schweigen?
Wirklich überrascht war ich über die ablehnende Reaktion im Parlament nach dem Urteil aus Strassburg. Das wäre in den 90er Jahren, als ich für die Grünen im Nationalrat sass, unvorstellbar gewesen. Damals war die FDP noch eine staatstragende Partei. Heute beobachten wir nicht nur Bergstürze, sondern auch eine Erosion der Demokratie. Aber jetzt bin ich vor allem genervt, dass sie nicht dazulernen und nicht gewillt sind hinzuschauen. Sie bemühen sich nicht um Veränderungen und wollen den Leuten auch nicht die Wahrheit sagen. 
 
Hat das auch juristische Gründe?
Das geschieht sicher aus Kalkül. Leider denken die Bürgerlichen beim Klima immer noch in einem parteipolitischen Schema: Die Anliegen von SP und Grünen sind per se schlecht. Das ist fatal. Die rechte Mehrheit hat noch nicht geschnallt, dass wir alle von den Folgen des Klimawandels betroffen sind und dass sich Klimaschutz auf die Dauer in jeder Hinsicht lohnt, auch finanziell. Ich weiss nicht, was noch passieren muss, damit sich das ändert.
 
Wie geht es mit dem Urteil des EGMR jetzt noch weiter?
Die Schweiz muss alle sechs Monate einen Bericht an das Ministerkomitee des Europarates schreiben. Das im Urteil bemängelte Globalbudget fehlt weiterhin: Die Schweiz will also nicht transparent machen, wie viele Emissionen zur Einhaltung des Pariser Klimaabkommens in der Schweiz noch ausgestossen werden dürfen. Das Ministerkomitee hat auch empfohlen, dass ein wissenschaftliches Gremium zur Umsetzung des Urteils geschaffen wird. Der Bundesrat wird bestimmen, wie dieses Gremium zusammengesetzt wird. Diesen Dezember wird es auch auf politischer Ebene im Parlament des Europarats eine Beurteilung des Falls geben. Wir müssen verhindern, dass der Fall einfach geschlossen wird. 
 
Und welche Ratschläge geben Sie der jüngeren Generation? 
Ihr müsst selber in die Politik gehen und unbedingt andere Leute wählen. Die junge Generation hat den Vorteil, dass sie die Fakten und die globalen Dimensionen des Problems viel besser kennt, vielfach auch aus der Schule. Wir Klimaseniorinnen sind der Beweis, dass auch eine NGO sehr viel erreichen kann. Man braucht Fachwissen, Geld und internationale Vernetzung. Das hatten wir, auch dank der Zusammenarbeit mit Greenpeace. 

ENTSCHLOSSEN: Pia Hollenstein (Mitte) und ihre Mitstreiterinnen sind im Jahr 2016 unterwegs zum UVEK, um ihre Klage zur Korrektur der Klimapolitik einzureichen. (Foto: Keystone)

Und werden Sie mit den Klimaseniorinnen weiterkämpfen? 
In unserem Kampf für Klimaschutz braucht es definitiv viel Ausdauer. Wir dürfen nicht aufgeben. Denn jedes Zehntelgrad macht weiterhin einen enormen Unterschied. Wir müssen uns zusammenschliessen und mit Gleichgesinnten vernetzen. Als Klimaseniorin betreibe ich seit dem Urteil vor allem Öffentlichkeitsarbeit. Ich gebe viele Interviews und werde auch regelmässig an Gesundheitskongresse eingeladen. Da geht es auch um die Frage, was die Klimaerhitzung für die Pflege bedeutet. Ich bin gelernte Pflegefachfrau und war selber auch lange als Berufsschullehrerin für Krankenpflege tätig. Auch in den Gesundheitsberufen gibt es grossen Handlungsbedarf. Auch vielen Berufsgruppen im Gesundheitswesen ist nicht bewusst, dass ältere Frauen stärker vom Klimawandel betroffen sind. 
 
Und kommen bei den Klimaseniorinnen weiterhin neue Leute dazu?
Besonders nach dem Urteil hatten wir bei den Klimaseniorinnen starken Zulauf. Inzwischen haben wir über 3000 Mitglieder. Es haben sich auch verschiedene Lokalgruppen gebildet. Die Mitgliedschaft funktioniert auf freiwilliger Spendenbasis. Mein Engagement für die Klimaseniorinnen ist auch ein Mittel gegen die Ohnmacht, ohne diese starke Gruppe würde es mir heute sicher schlechtergehen. Angesichts der sich häufenden Katastrophen hilft es, nicht in eine Depression zu verfallen. 

Pia Hollenstein und das Klimaseniorinnen-Urteil

Pia Hollenstein ist gelernte Pflegefachfrau und bildete sich in den 80er Jahren zur Berufschullehrerin weiter. Von 1991 bis 2006 vertrat sie die Grünen St. Gallen im Nationalrat. Hollenstein gehört zu den Gründungsmitgliedern der Klimaseniorinnen, die 2016 eine Klage gegen das Uvek und die damalige Vorsteherin des Umweltdepartements Doris Leuthard einreichten. Im Frühjahr 2024 verurteilte der EGMR die Schweiz wegen der mangelnden inhaltlichen Auseinandersetzung mit der Klage und wegen der Missachtung des Rechts auf Gesundheit. Der Film «Trop Chaud» dokumentiert die Geschichte der Klimaseniorinnen und kann auf Playsuisse gestreamt werden.

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