Breite Koalition für Baustops bei Extremhitze – Meister bekommen kalte Füsse

Im Kanton Zürich fordern Parteien von AL bis GLP mehr Hitzeschutz für Bauleute. Darunter etwas, das die Sozialpartner schon 2024 vorgeschlagen hatten: Ab 33 Grad und ohne Beschattungsmöglichkeit muss der Bau ruhen. Doch jetzt, wo es ernst wird, krebsen die Baumeister zurück.

CHRAMPFEN IN DER PRALLEN SONNE: Ein Bauarbeiter arbeitet auf dem Zürcher Limmatquai und repariert den Pflastersteinboden. (Foto: Keystone)

Als die Schweiz Ende Juni unter Rekordtemperaturen schwitzte, hüllten sich die politisch Verantwortlichen vornehm in Schweigen. Erst recht vergebens wartete man auf griffige Verfügungen zum Schutz jener, die draussen in der Extremhitze chrampfen müssen. Mit einer einzigen Ausnahme: Der Kanton Genf, notabene bürgerlich regiert, griff durch – und tat das, was die Unia schon lange von ihm gefordert hatte: Er verhängte an mehreren Hitzetagen (in Genf war es zuweilen fast 36 Grad heiss) Baustops ab 13 Uhr. Und nicht nur Bauarbeiten mussten unterbrochen werden, sondern «alle Arbeiten unter der Sonne». Ausnahmen galten nur für Tätigkeiten, die zur «Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit» nötig waren. Aber auch dann galt ein äusserst striktes Regime: Auf 15 Minuten Arbeit musste jeweils eine dreiviertelstündige Pause folgen.

Doch was Genf auf die Schnelle möglich machte (und laut den dortigen Gewerkschaften von den Belegschaften dankend angenommen und von den Firmen grossmehrheitlich befolgt wurde), ist für andere Regierungen ein Tabu. So antwortete das Amt für Wirtschaft des Kantons Zürich auf Anfrage des «Tages-Anzeigers», es gebe «keine gesetzliche Grundlage» für solche Arbeitsstops. Diese Argumentation hält Chris Kelley, Unia-Co-Leiter Bau, für vorgeschoben. Genf zeige, dass pragmatische Lösungen möglich seien. Will sich Zürich also bloss aus der Verantwortung stehlen? Jedenfalls dürfte das künftig nicht mehr so leichtfallen.

Fünf Massnahmen gefordert

Am Montag wurde im Zürcher Kantonsrat nämlich eine Motion eingereicht, die es in sich hat: Sie entstand in Zusammenarbeit mit der Unia und fordert einen griffigen Hitzeschutz «bei schweren Arbeiten im Freien». Der Regierungsrat muss nun eine entsprechende Vorlage ausarbeiten. Konkret verlangen die Motionärinnen und Motionäre aus den Parteien AL, SP, Grüne, EVP und GLP im mindesten diese fünf Massnahmen:

  • 1. Baustop ab 33 Grad
    Wenn eine dauerhafte Beschattung nicht möglich ist, sollen Bauarbeiten ab 33 Grad eingestellt werden müssen. Ebenso, wenn es sich um «schwere Arbeiten im Schatten» handelt. Weiterarbeiten soll nur dann erlaubt bleiben, wenn «geeignete organisatorische Massnahmen zum Gesundheitsschutz» getroffen werden, darunter insbesondere «stündliche Erholungspausen von mindestens 15 Minuten an einem kühlen oder schattigen Ort». Auf 45 Minuten Arbeit müssten also jeweils 15 Minuten Pause folgen.
  • 2. Schluss mit hitzebedingten Konventionalstrafen
    Künftig sollen private und öffentliche Auftraggeber keine Konventionalstrafen mehr gegen Bauunternehmen verhängen können, bloss weil diese wegen hitzebedingter Arbeitsunterbrüche die Termine nicht einhalten können. Vertragliche Verpflichtungen sollen den Gesundheitsschutz nicht mehr unterlaufen können.
  • 3. Früherer Baustart
    Lärmige Bauarbeiten sollen künftig nicht erst ab 7 Uhr morgens beginnen dürfen, sondern bereits ab 6 Uhr, sofern die prognostizierte Tagestemperatur am Ort der Baustelle 30 Grad übersteigt.
  • 4. Flexiblere Mittagsruhe
    Ebenfalls soll an solchen Hitzetagen die Mittagsruhe gelockert werden. Heute dürfen von 12 bis 13 Uhr generell keine lärmigen Arbeiten verrichtet werden.
    Diese und Massnahme 3 erfordern eine Anpassung der Baulärmverordnung und sollen gewährleisten, dass möglichst wenig des Arbeitssolls in der brütenden Nachmittagshitze erledigt werden muss.
  • 5. Alarm-App
    Bereitstellung eines Wetterüberwachungstools für Baustellen nach dem Vorbild der Westschweizer App MeteoBat, einer Koproduktion von Baugewerkschaften und Arbeitgeberverbänden.

Vorstoss hat gute Chancen

Die Linksparteien besetzen im Kanton Zürich zusammen mit der EVP und der GLP exakt die Hälfte aller Kantonsratssitze. Aber auch im Spektrum rechts davon gibt es einen gewissen Support für das Anliegen. Immerhin haben Vertreter von FDP und SVP im Zürcher Stadtparlament schon 2025 eine schriftliche Anfrage mit derselben Stossrichtung mitunterzeichnet. Und auch aktuell unterstützen Stadtzürcher FDPler und SVPler ein Postulat, das demnächst eingereicht wird und praktisch identisch ist mit der Motion auf Kantonsebene.

Bei den Baumeistern wiederum rennt man mit den Forderungen nach einem früheren Baustart, verkürzter Mittagsruhe und einer Lösung des Konventionalstrafen-Problems ohnehin offene Türen ein. Das bestätigt Gerhard Meyer, Geschäftsführer des Baumeisterverbands Zürich-Schaffhausen (BZS). Er sagt:

Der Idee, dass auf politischer Ebene nach Lösungen gesucht wird, steht unser Verband grundsätzlich positiv gegenüber.

Aber: Generelle Baustops würden «nicht begrüsst». Dies, weil nicht geregelt sei, wie mit den Ausfallstunden und allfälligen Verzögerungen umgegangen werden solle. Dazu komme, dass nicht jede Arbeit zu einer fixen Zeit unterbrochen werden könne. Und parallel dazu werde die Diskussion entfacht, wer nach welchen Kriterien um welche Zeit was bestimmen könne. Dennoch sagt auch Meyer: «Es ist die echte Chance einer Motion, dass gesetzliche Grundlagen geschaffen oder bestehende Verordnungen angepasst werden.» Klare und einfache Regeln basierend auf Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit und aus anderen Kantonen könnten hier durchaus dienlich sein.

Kaum wird’s konkret, krebsen Meister zurück

Pikant dabei: Geschäftsführer Meyer glaubt seinen BZS in der Frage des Baustops und der Temperaturlimite auf einem Oppositionskurs zum Schweizerischen Baumeisterverband (SBV). Dieser verfolge eine andere Linie, bestätigt Meyer auf Nachfrage. Tatsächlich forderte der SBV im Juni 2024 in einer aufsehenerregenden gemeinsamen Medienmitteilung mit den Gewerkschaften Unia und Syna:

Ab einer durch Meteo Schweiz objektiv und regional prognostizierten Temperatur von 33 Grad und höher sollen schwere Arbeiten im Freien an nicht dauerhaft beschatteten Stellen eingestellt werden.

Dies, da sonst eine «Gefährdung der Arbeitnehmenden» gegeben sei und «Qualitätseinbussen am Bauwerk» erfolgten. Das entsprechende Schreiben ist nach wie vor auf der SBV-Website abrufbar. Doch ausgerechnet nach der Rekordhitze Ende Juni und praktisch parallel zum Vorstoss im Zürcher Kantonsrat vollzog der SBV eine 180-Grad-Wende und warf seine einstige Überzeugung über Bord. SBV-Sprecherin Jacqueline Theiler bestätigt: «Eine generelle Einstellung von Arbeiten ab einer bestimmten Temperatur greift zu kurz.» Die Baumeisterspitze macht also einen Rückzieher, kaum werden politische Lösungen endlich konkreter.

Unia: «Arbeiter brauchen nicht gute Absichten»

Dass sie damit durchkommt, darf jedoch bezweifelt werden. Für die Gewerkschaften ist der Baustop bei schweren Arbeiten in der prallen Sonne ab 33 Grad jedenfalls nicht verhandelbar. Serge Gnos, Co-Leiter der Unia Zürich-Schaffhausen, erklärt:

Wer bei extremer Hitze arbeitet, braucht nicht gute Absichten, sondern wirksamen Schutz. Doch ab einer gewissen Hitze geht es nicht mehr darum, ob langsamer gearbeitet werden kann oder ob die Arbeitnehmenden genügend trinken. Dann geht es darum, Menschen vor ernsthaften Gesundheitsschäden zu schützen.

Im Gegenzug zur Einstellung der Arbeiten unterstütze die Unia den Vorschlag, an Tagen mit prognostizierter Hitze einen Arbeitsbeginn ab 6 Uhr zu ermöglichen. Gnos: «Ein früherer Arbeitsbeginn erlaubt es, besonders belastende Arbeiten in die kühleren Morgenstunden zu verlegen und einen Teil der Stunden vorzuholen, die wegen der Arbeitseinstellung am Nachmittag nicht geleistet werden können.» Dabei gehe es ausdrücklich nicht um eine generelle Vorverlegung der Arbeitszeiten während des Sommers. «Die Regelung soll ausschliesslich an Hitzetagen gelten.» Im Jahr 2025 registrierte die Stadt Zürich 14 Hitzetage mit Temperaturen über 30 Grad. Bis 2060 rechnet die Stadt mit einer Verdoppelung. Im laufenden Sommer zählte Zürich schon 17 Hitzetage – und die nächste Welle steht bereits vor der Tür.

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