Atom-Lobby gegen Energiewende
Neue AKW killen Jobs

Allein die Aufhebung des AKW-Neubauverbots gefährdet laut einer neuen Studie Tausende Arbeitsplätze. Kommt es zur Planung und zum Bau eines neuen Reaktors, würden innert zehn Jahren bis 16 000 Jobs verschwinden.

GEFÄHRLICHE ATOMKRAFT: Aktion von Greenpece auf dem Kühlturm des AKW Gösgen. (Foto: Keystone)

Die rechtsbürgerliche Bundesratsmehrheit und eine Parlamentsmehrheit aus SVP, FDP und Mitte-Teilen wollen das vom Volk beschlossene AKW-Neubauverbot aufheben. Und damit die «Blackout»-Initiative der Atomfans umsetzen, bevor sich das Volk überhaupt zu dieser äussern konnte. Fast wäre dieser Plan von Atom- und Öl-Bundesrat Albert Rösti (SVP) in letzter Minute noch gescheitert: doch mehrere bürgerliche Nationalrätinnen und -räte, die sich zuerst noch gegen diese Zwängerei gegen den Volkswillen gesträubt hatten, hielten den massiven Druckversuchen nicht stand. SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi bedrängte seinen Genfer Fraktionskollegen Daniel Sormanni vom MCG im Nationalratssaal vor aller Augen, bis dieser kippte.

Der «Denkverbot»-Schwindel

Verkauft wird das Ganze als Technologieoffenheit. Das Neubauverbot, so die Erzählung, sei faktisch ein Denkverbot gewesen. Jetzt dürfe man endlich wieder ergebnisoffen über alle klimaschonenden Technologien nachdenken.

Fakt ist: Nachdenken war nie verboten. Die Forschungsfreiheit ist im Kernenergiegesetz ausdrücklich verankert.

Also im gleichen Gesetz, das seit 2018 den Neubau von AKW untersagt. Die ETH Zürich beschäftigt eine AKW-Professorin. Das Paul-Scherrer-Institut erstellt für das Bundesamt für Energie ein «Technology Monitoring of Nuclear Energy». Und im Oktober 2024 berichtete der «Tages-Anzeiger», in der Schweiz solle ein neuartiger Atomreaktor getestet werden. Um das angebliche «Denkverbot» geht es der Atom-Lobby nicht. Es geht ihr darum, die neuen erneuerbaren Energien zu behindern. Denn selbst wenn am Ende kein einziges neues AKW gebaut wird, richtet die Übung bereits Schaden an.

Bis zu 9500 Jobs sofort in Gefahr…

Laut einer aktuellen Studie der ZHAW-Forschungsgruppe Erneuerbare Energien gefährdet allein die Aufhebung des Neubauverbots innert fünf Jahren 5800 bis 9500 Arbeitsplätze in der Schweizer Solar- und Baubranche. Innert zehn Jahren könnten es bis zu 10 600 sein. Es braucht dafür keinen Reaktor, keinen Standort und nicht einmal ein Baugesuch. Die gesetzliche Rückkehr zur Atomoption genügt. Sie verunsichert Unternehmen, bremst Investitionen und verschiebt Geld und politische Aufmerksamkeit weg von Technologien, die heute schon verfügbar sind. Der entscheidende Satz der Studie: Der grösste Teil der negativen Beschäftigungseffekte tritt nicht erst mit dem Bau eines AKW ein, sondern bereits mit der Aufhebung des Verbots.

innert 10 Jahren 16 000 Jobs

Käme es nach einem Ja tatsächlich zu Planung und Bau, wird der Schaden noch grösser. Dann sieht die ZHAW-Studie innert zehn Jahren 10 000 bis 16 000 Stellen gefährdet.

Besonders hart träfe es die Solarbranche. Im Referenzszenario würde sie 2035 rund 20 700 Vollzeitstellen zählen. Im AKW-Bauszenario wären es noch 7400. Ein Einbruch um 64 Prozent.

Die Erklärung ist einfach. Solarinstallationen, Gebäudesanierungen, Netzausbau und Effizienzmassnahmen werden zu einem grossen Teil von Schweizer KMU geplant und ausgeführt. Das schafft hier Beschäftigung und Wertschöpfung. Ein erheblicher Teil der Technologie und der spezialisierten Leistungen für ein neues AKW müsste dagegen importiert werden. Beim britischen Reaktorprojekt Hinkley Point C blieben laut Betreiber EDF nur 64 Prozent der Projektsumme im Land. Was importiert wird, schafft in der Schweiz keine Arbeitsplätze.

Bezahlen soll der Bund

Ein neues AKW will in der Schweiz auf eigenes Risiko niemand. Axpo-Chef Christoph Brand sagte es der NZZ unverblümt: «Der Staat muss für die finanziellen Risiken eine Lösung finden.» Wenig später doppelte er nach, die Wirtschaftlichkeit neuer Atomkraftwerke sei schlicht «nicht gegeben». Laut Axpo müsste der Staatsanteil über 60 Prozent liegen, damit sich ein AKW-Projekt überhaupt rechnet.

Das Geschäftsmodell der Atom-Lobby in einem Satz: Der Staat übernimmt die Kosten und Risiken, die Betreiber übernehmen, sollte dereinst etwas zu verdienen sein, die Gewinne.

Was das finanziell bedeuten könnte, hat die Schweizerische Energie-Stiftung (SES) bereits im vergangenen November durchgerechnet. Für ein AKW vom Typ EPR kalkuliert sie mit mindestens 25 Milliarden Franken Baukosten. Eine konservative Untergrenze. Bei rund 250 untersuchten Nuklearprojekten weltweit wurde jedes zweite um mehr als 67 Prozent teurer als geplant, jedes fünfte gar um über 200 Prozent.

In einem Modellszenario übernimmt der Bund über einen neuen Netzzuschlag – einen «Atomrappen» – rund die Hälfte der Kosten. Den Rest müssten willige Kantone und ihre Energiekonzerne tragen. Selbst das Unfallrisiko bleibt weitgehend bei der Allgemeinheit. Ein schwerer Atomunfall könnte laut Bundesschätzung Schäden von 88 bis 8000 Milliarden Franken verursachen. Versichert sind in der Schweiz 1,5 Milliarden.

«Subventionen? Ja, bitte!»

Während Jahrzehnten bestritten AKW-Befürwortende, dass ihr Geschäftsmodell nur funktioniert, weil die Allgemeinheit die Risiken übernimmt. Die Rückstellungen für ein – übrigens immer noch nicht absehbares «sicheres Endlager» – sind grotesk tief. Hier muss schon heute absehbar der Staat übernehmen. Und die Risiken eines Atomunfalls sind so tief versichert, dass die Versicherungssumme im Fall der Fälle nur ein Tropfen auf den heissen Stein wäre. Auch hier müsste der Staat geradestehen.

Während Jahrzehnten zeigten die Atom-Fans mit spitzen Fingern auf die angeblich nur dank hohen Subventionen und horrenden Kosten produzierenden neuen erneuerbaren Energien-Technologien. Unterdessen liefern nur noch längst abgeschriebene, uralte Atom-Meiler Strom zu Preisen wie die Erneuerbaren.

Im Januar 2026 brachte Bundesrat Albert Rösti staatliche Fördermittel für einen AKW-Neubau höchstpersönlich aufs politische Parkett. Das Gebäudeprogramm habe seinen Dienst getan, befand er. Sollten die Erneuerbaren ihre Ausbauziele verfehlen, müsse der Bund eben neue Atomkraftwerke fördern.

Reale Gefahr

Derselbe Rösti trällerte als bezahlter Atomlobbyist das Lied der günstigen, sicheren und subventionsfreien Atomenergie und bekämpfte als SVP-Parteipräsident die Energiewende. Heute heissts plötzlich: Keine Energieform kommt ohne Subventionen aus, das war schon immer so. Diese Volte der Atom-Industrie wäre schon fast amüsant, würde sie nicht ganz reale und üble Folgen haben. Denn jeder Franken und jede Fachkraft, die in Richtung eines hypothetischen neuen AKW gelenkt wird, fehlt dort, wo längst gebaut werden kann und könnte: bei Solarenergie, Speichern, Netzen, Gebäudesanierungen und Wärmepumpen.

Besonders deutlich zeigt sich das beim Gebäudeprogramm. Über dieses werden energetische Sanierungen finanziert. Ab 2027 soll es bereits um 200 Millionen Franken pro Jahr gekürzt werden. Fällt es ganz weg, sind laut ZHAW-Studie sämtliche 6200 damit verbundenen Stellen im Bau- und Sanierungsgewerbe gefährdet. Während für ein AKW, das frühestens 2046 Strom liefern könnte, neue Milliardenquellen erschlossen werden sollen, wird bei jenen gekürzt, die heute Häuser isolieren, Heizungen ersetzen und Strom effizient einsetzen.

Die wirkliche Frage

Am Ende geht es deshalb nicht um die Frage, ob die Schweiz «technologieoffen» sein soll. Geforscht, gelehrt und getestet wird in Sachen Atomenergie seit Jahrzehnten und auch nach dem Ausstiegsentscheid des Volks unverdrossen.

Es geht darum, wohin ein Land seine begrenzten Mittel, seine Fachkräfte und seine politische Energie lenkt: in ein Kraftwerk, das frühestens in einem Vierteljahrhundert Strom produziert, dessen Technologie zu grossen Teilen importiert werden muss und dessen ökonomische und ökologische Risiken bei der Allgemeinheit landen.

Oder in eine Energiewende, die heute schon verlässlich bezahlbaren Strom liefert, heute schon Arbeitsplätze schafft und das Land heute schon weniger abhängig macht von ausländischen Potentaten und Unrechtsregimes mit ihrem Öl und Uran.

Das breite Bündnis «Nein zu neuen AKW» hat das Referendum ergriffen. Bis zum 8. Oktober müssen 50 000 Unterschriften gesammelt werden, damit das Volk das letzte Wort hat. Die AKW-Fans können sich derweil ruhig zurücklehnen, weil ihr Mit-Initiant und früher bezahlter Atom-Lobbyist Albert Rösti unterdessen im Bundesrat ihre Wünsche erfüllt.

Reihenweise gehen in Europa AKW unplanmässig vom Netz

Plötzlich pausiert die «Bandenergie»

Windstrom? Flatterhaft! Solarstrom? Nur tagsüber! AKW dagegen liefert zuverlässig bei jedem Wetter. So die Erzählung der Atom-Lobby. Sie ist nicht frei erfunden, aber trotzdem falsch.

Flatterstrom und Dunkelflaute sind zwei beliebte Schlagworte der AKW-Freunde, wenn sie die «Bandenergie» ihrer Lieblingstechnologie besonders strahlen lassen wollen. Ganz falsch liegen sie nicht. Ein AKW kann tatsächlich, wenn es einmal läuft, monatelang grosse Mengen Strom ziemlich gleichmässig produzieren. Nur ist «Bandenergie» nicht dasselbe wie Versorgungssicherheit. Bandstrom beschreibt ein Produktionsprofil. Und sagt nichts darüber, ob Kraftwerk tatsächlich liefert, was versprochen ist.

Drosseln…
Das zeigte diesen Sommer zum Beispiel die Uralt-Meiler im aargauischen Beznau. Weil die Aare zu warm wurde, drosselte Betreiberin Axpo Ende Juni beide Reaktoren zuerst auf die Hälfte und schaltete sie am 26. Juni ganz ab. Anfang Juli ging Block 2 mit gedrosselter Leistung wieder ans Netz. Dann wurde es erneut zu warm: Am 11. Juli standen wieder beide Reaktoren still. Danach folgte ein flatterndes Rauf- und runterfahren der beiden Blöcke. Seit Ende Juli sind beide Blöcke runtergefahren. Der Grund: Beznau braucht Aarewasser zur Kühlung. Wird der Fluss zu warm, muss die Produktion zum Schutz des Gewässers sinken oder ganz stoppen.

… oder Fische ersticken
Für das AKW Leibstadt hat die Politik das Problem etwas anders gelöst. Atom-Bundesrat Albert Röstis Departement lockerte 2024 die Kühlwasservorschriften auf Anfang 2025. Obwohl der Rhein über 25 Grad warm ist, darf Leibstadt weiterhin Kühlwasser einleiten, sofern das Kraftwerk «alle technisch möglichen Massnahmen zur Verringerung des Wärmeeintrags ergreift». Das eingeleitete Wasser darf dabei bis zu 33 Grad warm sein. Zuvor lag die Grenze bei 30 Grad.

David Bittner ist Geschäftsführer des Schweizerischen Fischereiverbands. Der Fischereiverband steht nicht im Verdacht, die Speerspitze einer ökosozialistischen Revolution zu bilden. Doch Bittner warnte nach Röstis Liebesdienst für die AKW-Betreiber: Für Fische seien Temperaturen ab 25 Grad «jenseits der Schmerzgrenze». Bei längeren Hitzeperioden drohe ihnen der Tod. Auch kleine zusätzliche Wärmemengen könnten dann entscheidend sein. Das war zwei Jahre vor dem Rekordsommer, in dem wir aktuell stecken.

Flatter-AKW auch im Winter
Frankreich ist das Lieblingsland der Schweizer Atomfans. Es produziert rund 70 Prozent seines Stroms mit Atomkraft. Im Juni 2026 drosselte Betreiber EDF acht Reaktoren um insgesamt 6,3 Gigawatt, zwei gingen ganz vom Netz. Im Juli fielen drei Reaktoren ganz aus, sieben weitere liefen gedrosselt. Auch in Slowenien, Rumänien und Ungarn liefen Meiler nicht rund.

Allerdings braucht es für die langen ungeplante Ausfälle nicht einmal Hitze. So ging das AKW Gösgen am 24. Mai 2025 zur Revision vom Netz – und produzierte erst rund zehn Monate später wieder. Ein seit Jahrzehnten bestehender und der breiten Öffentlichkeit verheimlichter Defekt musste endlich geflickt werden. Es ging um defekte Rückschlagklappen, die bei einem Störfall Druckstösse auslösen, Rohrleitungen überlasten und die Kühlung lahmlegen könnten. Im März 2026 lief es endlich wieder. 68 Tage lang. Dann folgte die nächste, diesmal planmässige vierwöchige Jahresrevision.

Band reisst immer öfter
Fast 6 Terawattstunden Strom fielen mit dem AKW Gösgen aus. Auch in den Wintermonaten. Wurde es dunkel im Land? Nein. Der massive Ausbau der Solarenergie in den letzten Jahren hat den Ausfall kompensiert. Die Schweiz importierte im Winter 2025/26 nicht mehr Strom als vier Jahre zuvor. Eindrücklicher kann die Mär von der «sicheren, sauberen, zuverlässigen Bandenergie» aus AKW nicht widerlegt werden.

Wenn auf einem Hausdach wegen einer Wolke weniger Solarstrom anfällt, fehlen ein paar Kilowatt. Wenn ein grosser Reaktor ungeplant aussteigt, können auf einen Schlag 1000 Megawatt Leistung fehlen. Auch der Strick «Bandenergie» kann also ziemlich plötzlich reissen. Und tut es immer häufiger. (Clemens Studer)

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