Hitze im Pflegeheim
«Manchmal bin ich pflotschnass» – ein Pfleger berichtet

Hohe Temperaturen machen die Arbeit in der Pflege noch anstrengender als sonst schon, sagt Ömer Atesci. Mehr Pausen gibt’s nicht, im Gegenteil: Bei Hitze haben die Pflegenden mehr zu tun.

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HAT STRENGE MONATE HINTER SICH: Pflegehelfer Ömer Atesci. (Foto: Stefan Bohrer)

Wie heiss es genau ist, weiss Pflegehelfer Ömer Atesci nicht. In den Räumen des Basler Alters- und Pflegeheims, in dem er arbeitet, hat es keine Thermometer. «Aber es war jetzt zwei Monate lang sehr heiss. Und das fast den ganzen Tag lang!»

Das Haus ist nicht klimatisiert. Zwar öffnen die Pflegenden jeden Morgen alle Fenster, um die Hitze entweichen zu lassen. Doch sobald es wärmer wird, müssen sie Fenster und Rollläden schliessen – sonst würde die Sonne die Zimmer noch mehr aufheizen. «Trotzdem wird es schon nach kurzer Zeit richtig heiss», berichtet Unia-Mitglied Atesci.

Die Arbeit in der Pflege, schon bei normaler Temperatur streng, wird dann zum Stresstest für den Körper. Manchmal sei er vom Schwitzen «pflotschnass», sagt der 42jährige. Eigentlich gäbe es pro Schicht einen Satz Arbeitskleider. In letzter Zeit habe er ab und zu schon mitten in der Schicht die Kleider gewechselt. «Da sagt zum Glück niemand etwas.»

Erst mal hinlegen

Am Feierabend ist er völlig geschafft. In einem normalen Sommer geht er nach der Arbeit oft im Rhein schwimmen. Dieses Jahr fehle ihm dazu die Energie, sagt er:

Ich gehe heim, dusche und lege mich eine halbe Stunde hin. Dann esse ich etwas. Erst dann bin ich wieder einigermassen normal.

HAT VIEL ENERGIE VERBRAUCHT: Ömer Atesci. (Foto: Stefan Bohrer)

Die Belastung durch die Hitze ist das eine. Doch damit nicht genug: Bei hohen Temperaturen haben die Pflegenden noch mehr Arbeit. Sie müssen die Bewohnerinnen und Bewohner vor dem Überhitzen schützen. Regelmässig legen sie ihnen ein kaltes Tuch auf die Stirne oder in den Nacken. Und vor allem müssen sie dafür sorgen, dass alle genügend trinken. Bei solch extremen Temperaturen brauche der Körper eine viel grössere Menge Flüssigkeit, sagt Atesci: «Ein, zwei Glas mehr pro Tag reichen da nicht aus.»

Mehrere Stunden Mehraufwand…

Das Problem: Viele der Menschen im Heim sind dement und haben kein Durstgefühl mehr. Atesci: «Wenn du nicht zu ihnen gehst und sie aufforderst, trinken sie nichts.» Atesci sagt, während er an einem normalen Tag vielleicht drei- oder viermal in jedes Zimmer gehe, sei es an einem Hitzetag bis zu achtmal. Bei 17 Bewohnerinnen und Bewohnern auf der Station ergibt das für das Pflegeteam in jeder Schicht mehrere Stunden Mehraufwand.

…aber nicht mehr Personal

Für die Unia ist klar: Bei extremer Hitze müssen Heime die Mitarbeitenden entlasten. Etwa indem sie die Schichten personell verstärken, um mehr Pausen zu ermöglichen. Eine Genfer Pflegehelferin berichtete in der französischsprachigen Unia-Zeitung «L’Evénement syndical», in ihrem Heim sei genau dies der Fall (zum übersetzten Beitrag). Ömer Atesci sagt dagegen:

Bei uns hiess es, das sei nicht möglich, wegen Personalmangels.

WÜNSCHT SICH MEHR SUPPORT: Pflegehelfer Ömer Atesci. (Foto: Stefan Bohrer)

Auch die Pausen seien gleich wie immer, zweimal 30 Minuten pro Schicht. Einmal sei er in der Pause unter die Dusche gestanden, um sich zu erfrischen. «Aber wenn du dann noch etwas essen willst, dann reichen 30 Minuten Pause einfach nicht.»

Immerhin: Der Betrieb stellt Mineralwasser zur Verfügung – ganzjährig. Und bei grosser Hitze gibt es öfter Glace für Bewohnerinnen und Mitarbeiter, «eine Wohltat», freut sich Pfleger Atesci. Auch der Personalraum für die Pause sei immer angenehm kühl.

Bereits einen Schritt weiter ist etwa das Alterszentrum Acherhof in Schwyz. Vor zwei Jahren hat das Heim nachgerüstet,wie SRF berichtet. Seither kühlt eine Klimaanlage das ganze Haus. Den Strom dafür liefern Solarpanels auf dem Dach.

Kühlung verhindert Todesfälle in Heimen

Gekühlte Zimmer erhöhen in Altersheimen nicht nur die Arbeits- und Lebensqualität. Eine kanadische Studie weist nach, dass sie auch Todesfälle verhindern. Ein Forschungsteam wertete die Daten von allen Heimen in der Provinz Ontario aus und stellte fest: An Hitzetagen ist die Sterberate ohne Klimaanlage acht Prozent höher als mit. Seit 2022 ist eine Klimaanlage für alle Heime in Ontario obligatorisch. Dies verhindere rund zehn Todesfälle pro Jahr, so die Forscherinnen und Forscher.

In der Schweiz weiss niemand, in wie vielen Heimen die Zimmer gekühlt sind. Der Heimverband Curaviva schreibt auf Anfrage, dies sei «nicht die Regel». Heime in älteren Gebäuden würden oft mit anderen Massnahmen nachgerüstet, «zum Beispiel durch optimierte Beschattung, Spezialfolien an den Fenstern oder den punktuellen Einsatz von Kühlapparaten».

Eine stromsparende Alternative zu Klimaanlagen sind spezielle Wärmepumpen. Via Bodenheizung kühlen sie im Sommer das Gebäude und transportieren die Wärme tief in den Boden. Laut Curaviva komme diese Technik bei Um- und Neubauten von Heimen seit einigen Jahren «vermehrt» zum Einsatz.

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