Ausfall-Tage steigen rasant
Arbeitsbedingungen machen die Menschen krank – und die Rechten pfeifen drauf

Immer mehr Arbeitnehmende chrampfen sich krank. Die Antwort der rechten Parteien: Arztgeheimnis abschaffen, 17-Stunden-Arbeitstage und noch mehr Sonntagsverkäufe für weniger Lohn.

Beitrag vorlesen lassen.
0:00 / 9:01
WER KRANK IST, STEHT BEI IHR UNTER VERDACHT: SVP-Nationalrätin Diana Gutjahr will das Arztgeheimnis abschaffen. (Fotos: Keystone, Canva / Montage: work)

Die neusten Zahlen des Bundesamtes für Statistik sind erschreckend klar: Zwischen 2019 und 2025 stieg die durchschnittliche jährliche Anzahl gesundheitsbedingter Absenzen (Krankheit oder Unfall) bei den Vollzeitarbeitnehmenden von 7,2 auf 8,2 Tage pro Arbeitsstelle. Das Niveau blieb also nach dem pandemiebedingten Anstieg im Jahr 2020 hoch. Zum Vergleich: 2010 waren es noch 6,3 Tage. Damit sind die Absenzen in den letzten 15 Jahren um fast einen Drittel angestiegen.

Strukturelles Problem

Besonders oft krank werden weiterhin Beschäftigte in Berufen mit tieferen Löhnen und hoher körperlicher oder organisatorischer Belastung. Besonders stark stiegen in den vergangenen Jahren die krankheits- oder unfallbedingten Absenzen auch bei Technikerinnen und Technikern, in Büroberufen und im Gewerbe. Doch der Anstieg betrifft fast alle Branchen. Das legt mehr als nahe: Die Arbeitsbedingungen spielen bei den steigenden Krankheitsausfällen eine zentrale Rolle.

Denn auf immer breiterer Front leiden Lohnabhängige unter extrem verdichteten Arbeitsabläufen, chronischem Personalmangel, hohem Zeitdruck, unregelmässigen Arbeitszeiten, psychosozialen Belastungen und ständiger Erreichbarkeit. Dazu kommt: In keinem EU-Land arbeiten Vollzeitbeschäftigte länger als in der Schweiz.

Milliarden-Ausfälle

Das lasche Arbeitsgesetz und das zunehmende Desinteresse vieler Arbeitgeber am körperlichen und psychischen Wohlergehen der Arbeitenden hat Folgen. Der Job-Stress-Index von Gesundheitsförderung Schweiz, einer von Kantonen und Versicherern getragenen Stiftung, zeigt die Folgen. Der Anteil gestresster Erwerbstätiger stieg von 24,8 Prozent im Jahr 2014 auf 28,2 Prozent im Jahr 2022. Die emotionale Erschöpfung nahm im gleichen Zeitraum von 24 auf über 30 Prozent zu. Krankheitsbedingte Absenzen stiegen von 227 auf 329 Millionen Arbeitsstunden. Die Rechnung: Arbeitsbezogener Stress kostete die Schweizer Wirtschaft 2022 rund 6,5 Milliarden Franken.

Gabriela Medici ist Co-Sekretariatsleiterin beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB). Sie sagt:

Die Arbeitgeber müssen ihrer Verantwortung für die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden endlich stärker nachkommen. Das heisst konkret zum Beispiel: Arbeits- und Ruhezeiten konsequent einhalten, verlässliche Dienstpläne erstellen und den Personalbestand so planen, dass die Beschäftigten nicht dauerhaft am Limit arbeiten.

NIMMT DIE ARBEITGEBER IN DIE PFLICHT: Gabriela Medici vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund. (Foto: Keystone)

Unbelehrbar bis zynisch

Leider sieht es nicht danach aus, als würden die Arbeitgeber sich künftig mehr für die Gesundheit der Arbeitenden interessieren. Sie, beziehungsweise ihre Parteien im Bundesparlament, lancieren seit Jahren Angriff um Angriff auf die Gesundheit der Arbeitnehmenden. Aktuell wollen sie Folgendes durchdrücken:

Der Sonntag soll quasi zum regulären Arbeitstag werden. Und für diesen gibt es keine Zuschläge. Heute gilt ein Zuschlag von 50 Prozent, solange Sonntagsarbeit ausserordentlich bleibt und maximal vier Sonntage pro Jahr  geleistet werden. Wer künftig mehr als sechs Sonntage arbeitet, soll den Anspruch auf diesen Zuschlag für alle geleisteten Sonntage verlieren. Verkäuferinnen und Verkäufer müssten künftig an mehr Sonntagen arbeiten und würden gleichzeitig die Zuschläge verlieren. Kurz: schlechtere Arbeitsbedingungen und erst noch weniger Lohn. Und von den verdreifachten Sonntagsverkäufen wären nicht «nur» arbeitende Menschen im Detailhandel betroffen, sondern auch solche in Branchen wie etwa der Reinigung, der Logistik oder der Sicherheit. Alle Studien zeigen: Regelmässige Sonntagsarbeit führt zu Stress, Schlafstörungen und begünstigt Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Magen-Darm-Probleme. Arbeitsmedizinerinnen und -mediziner warnen vor Burnout, Muskel-Skelett-Erkrankungen und langfristiger Erwerbsunfähigkeit.

In den vergangenen Monaten sind im Parlament Vorstösse überwiesen worden, die ermöglichen würden...

  • Arbeitnehmende während bis zu 17 Stunden pro Tag arbeiten zu lassen, nicht nur im Homeoffice;
  • dass die tägliche Ruhezeit von heute mindestens 11 auf neu 9 Stunden verkürzt wird und diese Rumpf-Ruhezeit sogar für sogenannt dringende Tätigkeiten unterbrochen werden kann;
  • dass Arbeitgeber kurzfristig Nachtarbeit anordnen lassen können;
  • dass Arbeitgeber ohne Bewilligung und Kontrolle durch die Behörden Sonntagsarbeit befehlen können.

Der Nationalrat hat ausserdem als erste Kammer einer Motion zugestimmt, die den Schutz durch das Arbeitsgesetz für Beschäftigte mit einem Jahreslohn ab 120'000 Franken quasi gleich ganz abschaffen will.

Für unverantwortliche Arbeitgeber ist klar: Nicht die Arbeitsbedingungen sind verantwortlich für die zunehmenden Krankheitsausfälle. Sondern die verweichlichten Arbeitenden. Und Ärztinnen und Ärzte, die falsche «Gefälligkeitszeugnisse» ausstellen. Das müsse entschieden bekämpft werden; am besten wäre, wenn das Arztgeheimnis gegenüber Arbeitgebern nicht mehr gelten würde. Darum hat die Thurgauer SVP-Ständerätin Diana Gutjahr einen Vorstoss eingereicht. Sowohl Bundesrat wie Ärzte halten die bestehenden Möglichkeiten für bewährt und absolut ausreichend. Denn Arbeitgeber haben heute schon genügend Möglichkeiten, wenn sie Zweifel an der Arbeitsunfähigkeit eines Mitarbeitenden haben. Sie können etwa eine Zusatzabklärung über den Vertrauensarzt verlangen oder ein detailliertes Zeugnis über die Stufen der Arbeitsfähigkeit. Und Ärztinnen und Ärzte, die falsche Zeugnisse ausstellen, werden wegen Betrug bestraft.

BETRACHTET SICH ALS FÄHIG, EINE MEDIZINISCHE DIAGNOSE ZU STELLEN: Firmenerbin Diana Gutjahr. (Foto: Keystone)

Das alles reicht Gutjahr nicht. Sie will – so sagt sie es auch in die TV-Kameras – «ohne Bürokratie» einfach «mal den Arzt anrufen». Vor einigen Jahre noch hätte man davon ausgehen können, dass die Umsetzung eines so dreisten Vorstosses der Traum einer Ostschweizer Firmenerbin geblieben wäre. Doch im März fand der Vorstoss von Gutjahr im Nationalrat eine Mehrheit. Die Fraktionen von SVP, FDP, GLP und Mitte wollen also das Arztgeheimnis für Arbeitende abschaffen. Sie sind offenbar wie Gutjahr der Meinung, dass «Ärzte teilweise vergessen, dass die Arbeitgeber am nächsten am Arbeitnehmer dran sind. Generell sollte das Zusammenspiel verbessert werden. Mit gewerbenahen Ärzten funktioniert das gut.» Dann entlässt Gutjahr auch schon mal einen Krebskranken, den sie als «körperlich wieder gesund» diagnostizierte, wie sie der «Schweizerischen Gewerbezeitung»  erzählte.

Die aktuellen Debatten im Bundeshaus zeigen den Kern der bürgerlichen Politik zur Gesundheit am Arbeitsplatz: Nicht die Arbeitsbedingungen sollen gesünder werden. Die Kranken sollen kontrollierbarer werden. Nicht der Druck auf die Lohnabhängigen soll kleiner werden, sondern ihr Schutz.

Schreibe einen Kommentar

Bitte fülle alle mit * gekennzeichneten Felder aus.