Unia-Präsidentin Vania Alleva ist eine der besten Kennerinnen des Schweizer Detailhandels:

«Für den Konkurr enzkampf bezahlen die Mitarbeitenden»

Clemens Studer

Immer mehr Verkaufs­fläche. Immer längere ­Ladenöffnungszeiten. Und immer weniger ­Personal. Das bringt Verkäuferinnen und ­Verkäufer massiv unter Druck, sagt Unia-Chefin Alleva. Sie ­verlangt jetzt einen­ ­Branchen-GAV.

UNIA-CHEFIN VANIA ALLEVA: «Unsere konkrete Forderung an die Arbeitgeber im Detailhandel ist der überfällige Branchen-GAV, der auch die ganze Kette des Onlinehandels abdecken würde, von der Logistik bis zur Zustellung.» (Foto: Matthias Luggen)

Der Detailhandel in der Schweiz sorgte in den vergangenen Monaten für dicke Schlagzeilen. Die Möbel-Pfister-Gruppe und ein Teil der Interio-Läden wurden vom österreichischen Möbel-Konzern XXXLutz übernommen. Globus an austria-thailändische Investoren verkauft. Manor schliesst Filialen. Coop verletzt in der Region Bern in einem Monat fast 500 Mal das Arbeitsgesetz. Die Verkaufenden sind am Anschlag: immer weniger Personal auf immer mehr Fläche während immer längerer Öffnungszeiten (siehe work-Umfrage). Und dazu ein aggressiver Auftritt ausländischer Onlinekonzerne wie Amazon und Zalando.

Unia-Präsidentin Vania Alleva ist eine der besten Kennerinnen der Entwicklungen im Schweizer Detailhandel. Vor ihrer Wahl an die Spitze war sie in der Unia-Geschäftsleitung für den Detailhandel zuständig.

work: Vania Alleva, Sie beschäftigen sich seit 20 Jahren als Gewerkschafterin ­intensiv mit dem Detailhandel. Erstaunen Sie die Schlagzeilen der ­vergangenen Wochen?
Vania Alleva: Nein. Der Detailhandel steckt seit längerer Zeit schon in einem massiven Strukturwandel. Bereits in den nuller Jahren kam es in der Branche zu einem enormen Produktivitätsschub, insbesondere durch die Automatisierung der Logistik. Doch diese Produktivitätsgewinne sind nie bei den Mitarbeitenden angekommen. Im Gegenteil.

Warum nicht?
Der Markt war und ist gesättigt. Wachstum für einzelne Anbieter ist nur durch Verdrängung anderer Anbieter möglich. Zur Hauptsache wird diese über die Ausweitung der ­Ladenöffnungszeiten geführt und durch zusätzliche Verkaufsflächen. So wollen sich die Detailhänder Vorteile im Konkurrenzkampf verschaffen. Die Zeche dafür bezahlten und bezahlen die Mitarbeitenden. Massiv mehr Verkaufsfläche ist massiv länger geöffnet. In 30 Jahren ist die Zahl der Mitarbeitenden um 20 Prozent geschrumpft. Ende 2018 waren es sogar rund 16’000 Personen weniger als vor zehn Jahren.

«Der zu knapp kalkulierte Personaleinsatz ist eines der Hauptthemen unserer Mitglieder.»

Was bedeutet das für die Verkäuferinnen und Verkäufer konkret?
Eine happige Verschlechterung der Arbeitsbedingungen in den vergangenen Jahren: mehr Druck, mehr Stress in einer Branche, die schon vorher durch viele Teilzeitbeschäftigte geprägt war. Die Planbarkeit der Arbeitseinsätze nimmt ab. Überlange Arbeitstage nehmen zu, weil die Arbeitgeber die einzelnen Arbeitstage zusätzlich durch lange Pausen unterbrechen. Und die ganze Situation hat sich in den vergangenen Jahren durch die Digitalisierung und die ausländischen Onlinehandel-Konzerne wie Amazon und Zalando massiv zugespitzt.

Haben die Schweizer Detailhändler diese Entwicklung verschlafen und lassen jetzt die Mitarbeitenden dafür büssen?
Ein Teil der Detailhändler ganz klar. Sie haben zu spät und zu zögerlich in den Onlinehandel investiert. Das ist sicher bei Manor und auch bei Globus der Fall. Etwas schlauer waren die Genossenschaften Migros und Coop. Migros hat etwa mit Digitec und Galaxus innovative Unternehmen übernommen. Coop hat es mit Siroop versucht, das war allerdings ein Flop. Aber mit Coop@home, übrigens der einzige einem GAV unterstellte Onlinehändler, und Microspot ist auch Coop gut unterwegs. Aber das ist nicht das zen­trale Problem.

Sondern?
Effektiv verheerend beim Onlinehandel ist, dass die grossen internationalen Konzerne den Detailhandel kaputtmachen. Schnelle Lieferung und teilweise Retouren ohne Kosten für die Bestellenden ruinieren den Markt. Macht vor allem aber die Arbeitsbedingungen der ganzen Branche kaputt. Denn das Versprechen «schnell und versandkostenfrei» geht für die Konzerne nur auf, weil sie ex­trem prekäre Jobs zu Tiefstlöhnen anbieten – und zwar in allen Teilbereichen: von der Bestellungsabwicklung über die Kommissionierung, die Auslieferung bis zur Verarbeitung der Retouren. Wir sehen viel Scheinselbständigkeit, gerade bei der Zustellung. Und wir sehen Subunternehmertum, mit dem sich die Konzerne aus der sozialen Verantwortung stehlen. Zalando macht in der Schweiz längst mehr Umsatz als zum Beispiel alle Schweizer H & M zusammen.

Und jetzt drängen auch im stationären Handel ausländische Konzerne auf den Schweizer Markt.
Das macht uns aktuell auch Sorgen im Zusammenhang mit dem Globus-Verkauf. Während bei der Medienmitteilung zur Übernahme von Interio und Möbel-Pfister durch XXXLutz das Personal immerhin noch ganz am Rande vorkam, stand im offiziellen Communiqué zum Globus-Verkauf kein einziger Satz zu den Mitarbeitenden. Von unseren Schwestergewerkschaften in Deutschland wissen wir, dass zum Beispiel XXXLutz sehr gewerkschaftsfeindlich ist, wie es work in einer der letzten Ausgaben ebenfalls ausführlich dargestellt hat.

Migros und Coop machen Ihnen da mehr Freude?
Auch bei den Schweizer Grossunternehmen ist sozialpartnerschaftlich nicht alles top. Es gibt Coop, da haben wir einen GAV und eine funktionierende Sozialpartnerschaft. Es gibt einzelne kantonale GAV. Die Migros hat zwar auch einen GAV, allerdings nicht mit repräsentativen Gewerkschaften. Also nicht mit uns. Und sie versucht, immer mehr Teile ihres Geschäfts ausserhalb des GAV zu betreiben. Für fast den ganzen übrigen Bereich des Detailhandels gilt einzig das Arbeits­gesetz.

Kürzlich kam ein internes Coop-Dokument an die Öffentlichkeit, das alleine für die Region Bern fast 500 Verstösse gegen das Arbeitsgesetz innert eines ­Monats dokumentiert. Was tut die Unia?
Bei der Einhaltung des Arbeitsgesetzes stehen ja auch gerade die Kantone in der Pflicht. Und zur spezifischen Situation bei Coop machen wir eine Infokampagne bei den Beschäftigten, damit die Arbeitsgesetzverletzungen sofort erkannt und uns gemeldet werden. Es laufen gerade Gespräche zwischen den Sozialpartnern und Coop, damit dringend präventive Massnahmen ergriffen werden. Da muss Coop uns aufzeigen, wie diese Verstösse korrigiert werden. Das Pro­blem ist ganz klar: wie überall im Detailhandel gibt es auch bei Coop einen chronischen Personalmangel. Wenn dann jemand krank wird, müssen die Kolleginnen und Kollegen zusätzliche Arbeiten übernehmen. Dieser kalkulierte, zu knappe Personaleinsatz ist auch eines der Hauptthemen unserer Mitglieder.

Das hat sich verschlechtert?
Ja, das hat sich sogar sehr verschlechtert. In den Gesprächen mit den Verkäuferinnen und Verkäufern ist dies das Problem Nummer 1: der Druck, der enorm zugenommen hat. Zum Stress durch die zusätzlichen Aufgaben und zu den Vorgaben für einzelne Aufgaben, die auf die Minute getaktet sind, kommt noch der Stress, weil die Verkaufenden ihre eigentliche Aufgabe nicht mehr erfüllen können: nämlich gute Dienstleistung für die Kundinnen und Kunden zu erbringen. Aber dafür müssten die Arbeitsbedingungen so sein, dass man und frau das auch leisten können.

Das heisst, die aktuelle Situation verletzt die Mitarbeitenden auch in ihrem Berufsstolz?
Die übergrosse Mehrheit der im Detailhandel Beschäftigten liebt ihren Beruf. Den Kontakt mit der Kundschaft. Die Beratung. Doch dafür bleibt immer weniger Zeit. Das frustriert und stresst. Und das Verhalten der Arbeitgeber ist auch darum schwer verständlich, weil genau diese Dienstleistungen ja den stationären Handel vom Onlinehandel abheben könnten.

Verkäuferinnen und Verkäufer ­berichten in der work-Umfrage (Seite 5) über Kundinnen und ­Kunden, die sie schlecht behandeln. Hat das zugenommen?
Ich habe aus den Gesprächen mit Mitgliedern nicht den Eindruck, dass unanständiges Verhalten generell zugenommen hat. Unangenehme Kundinnen und Kunden gab es schon immer. Mit dem Personalmangel und dem Stress kann sich die Situation zuspitzen. Aber es gibt eine grosse Ausnahme: die Selfscanning-Kassen. Diese müssen im Turnus von Kas­sierinnen und Kassierern überwacht ­werden. Da entsteht ein Rollenkonflikt zwischen Dienstleistung und Kontrolle. Das führt zu konfrontativen Situationen. Und hier wird das Personal von den Unternehmen nicht genügend gestützt. Dar­um brauchte es auch hier spezifische Schulungen.

«Coop muss uns jetzt aufzeigen, wie die Verstösse gegen das Arbeitsgesetz korrigiert werden.»

Der Detailhandel bildet doch in der Schweiz am meisten Menschen aus.
Jährlich schliessen rund 30’000 Lernende eine Ausbildung in einem Detailhandelsberuf ab. Leider hat es die Branche bisher versäumt, nach der Grundausbildung ein gutes Weiterbildungsprogramm aufzustellen. Dabei wäre ein solches zentral. Gerade auch weil die Branche in einem rasanten Strukturwandel steckt. Wir verlangen schon lange eine sozialpartnerschaftliche Weiterbildungs- und Umschulungsoffensive. Und ein Recht auf Weiterbildung.

Und was ist mit den Löhnen? Die sind ja vielerorts noch immer sehr tief.
Es ist eine Branche, in der sehr viele Frauen arbeiten – und es ist eine Tieflohnbranche, ja. Da muss es vorwärts­gehen. In der gewerkschaftlichen Lohnkampagne 2020 hat der Detailhandel darum einen wichtigen Stellenwert. Unsere konkrete Forderung an die Arbeitgeber im Detailhandel ist der überfällige Branchen-GAV, der auch die ganze Kette des Onlinehandels abdecken würde, von der Logistik bis zur Zustellung. Sonst breiten sich die dort vorherrschenden prekären Verhältnisse auf die ganze Branche aus. Das können wir nur mit einem Branchen-GAV verhindern beziehungsweise unter Kon­trolle bringen.

Und was muss auf der politischen Ebene passieren?
Hier stehen die Arbeitsbedingungen aller Lohnabhängigen unter Dauerdruck. Von Vertreterinnen und Vertretern der rechten Parteien kommt Angriff um Angriff aufs Arbeitsgesetz. Da müssen die Gewerkschaften wachsam bleiben und nötigenfalls auch mit Referenden die Arbeitnehmendenrechte schützen.


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