Coop-Skandal: Höchstarbeitszeiten systematisch nicht eingehalten

Fast 500 Verstösse gegen das Gesetz – in nur einem Monat

Christian Egg

Überlange Arbeits­tage und mehr Wochen­stunden, als das ­Gesetz erlaubt: Das hat bei Coop ­offensichtlich System.

ARBEITSDRUCK: Von den zehn meistgenannten Problemen der Coop-Mitarbeitenden betreffen sechs die Arbeitszeit. Just in diesem Bereich verstösst der Grossverteiler regelmässig gegen das Gesetz. (Foto: Keystone)

Für Verkäuferinnen und Verkäufer «in Grossbetrieben des Detailhandels» beträgt die erlaubte Arbeitszeit pro Woche höchstens 45 Stunden. So steht es im Arbeitsgesetz, Artikel 9. Doch Grossverteiler Coop hält das Gesetz offenbar bloss für eine unverbindliche Empfehlung. Das zeigt ein internes Dokument, das der «Blick» am 28. Januar öffentlich machte. Es belegt zahlreiche Verstösse gegen das Arbeitsgesetz. Das Überschreiten der wöchentlichen Höchstarbeitszeit ist nur einer von vielen.

Viele Verstösse, keine Bussen. Das Amt schweigt.

ZEHN-STUNDEN-TAGE

Alleine für den November 2019 sind in der Region Bern 475 Verstösse dokumentiert. Bei rund 4400 Mitarbeitenden heisst das: Mehr als jede zehnte Person musste länger arbeiten als vom Gesetz erlaubt. Und Coop gibt zu: Bern ist kein Ausreisser. In anderen Regionen sei es «ähnlich». Die Enthüllung bestätigt, was Coop-Mitarbeitende schon lange sagen: Die Arbeitstage werden immer länger, die Einsätze immer unregelmässiger. 2017 machten knapp tausend Coop-Verkäuferinnen und -Verkäufer bei einer Unia-Umfrage mit. Bei fast einem Drittel dauerte ein normaler Arbeitstag zehn Stunden oder mehr, bei 8 Prozent sogar über elf Stunden. Von den zehn meistgenannten Problemen betreffen sechs die Arbeitszeit (Ladenöffnungszeiten, Überstunden, zu lange Tage, schlechte Vereinbarkeit mit Familie, unregelmässige Einsätze, Arbeit am Abend).

SCHWARZ AUF WEISS. Ein internes Dokument beweist, wie Coop gegen das Arbeitsgesetz verstösst.

KEINE EINZIGE BUSSE

Stossend ist auch: Trotz den zahlreichen dokumentierten Verstössen hat Coop von den kantonalen Kontrollbehörden seit Jahren nie eine Busse oder auch nur einen Verweis kassiert. Das Amt für Wirtschaft des Kantons Bern will dies auf work-Anfrage nicht kommentieren. Legt aber Wert darauf, im vergangenen Jahr 30 Coop-Filialen kontrolliert zu haben. Tönt nach viel, ist aber ­wenig: Coop führt im Kanton über hundert Läden – ohne andere Coop-Marken wie «Pronto», «Bau & Hobby», «Interdiscount», «Import Parfumerie» usw.

COOP REDET KLEIN

Als Reaktion auf die Skandalzahlen reden sich die Coop-Verantwortlichen um Kopf und Kragen. Zuerst versucht eine Sprecherin, das Pro­blem herunterzuspielen. Im «Blick» bezeichnet sie die Zahl der Gesetzesverstösse pro Mitarbeitende als «sehr tiefen Wert, den wir noch weiter verbessern wollen». Für den Unia-Mann ­Arnaud Bouverat steht dagegen fest: Coop kalkuliert mit zu wenig Personal. Passiert etwas Unvorhergesehenes, ist das System gleich am Limit (siehe Interview unten). Indirekt bestätigt das einen Tag nach der Enthüllung der Coop-Personalchef: Die Verstösse kämen wegen «Krankheiten, Ausfällen, familiärer Notfälle» zustande. Gleichzeitig kann er sagen: Nein, das Personal sei nicht zu knapp geplant.
Das passt wohl nur für einen Manager zusammen.


Unia-Mann Arnaud Bouverat kritisiert: «Coop kalkuliert mit zu wenig Personal»

Schon vor sechs ­Jahren wurde bekannt, dass Coop das ­Arbeitsgesetz verletzt. Arnaud Bouverat, Coop-­Ver­antwortlicher bei der Unia, verlangt jetzt ­endlich Taten statt ­Wor­­te.

Arnaud Bouverat, Coop-Verantwortlicher Unia. (Foto: Unia)

work: Arnaud Bouverat, Coop hat in nur einem Monat 475 Mal das Arbeitsgesetz verletzt. Was läuft schief beim Detailhandelskonzern?
Arnaud Bouverat: In den letzten Jahren hat Coop fast in allen Regionen die Ladenöffnungszeiten verlängert. Am Morgen machten früher die meisten Läden um acht oder um neun Uhr auf. Heute ist es vielerorts sieben oder noch früher. Coop beschäftigt aber nicht mehr Leute. Viele Mitarbeitende berichten, dass dadurch Druck und Stress deutlich zugenommen hätten. Wenn nur schon eine Person ausfällt, etwa wegen Krankheit, hat es zu wenig Reserve im ­System. Dann müssen die­jenigen, die noch da sind, Mehrarbeit leisten. Es ist offensichtlich: Die Coop-Verantwortlichen kalkulieren mit zu wenig Personal.

Trotzdem gab es keine Bussen der Arbeitsinspektoren.
Das erleben wir leider immer wieder. Die kantonalen Behörden haben zu wenig Ressourcen, um zu kontrollieren, ob die Läden das ­Gesetz einhalten. Das ist teilweise in den Kantonen politisch so gewollt. Und das ist unhaltbar. Wir erwarten, dass Coop in allen Kantonen öfter kontrolliert wird.

«Coop hat nicht Wort gehalten.»

Offenbar kannten auch die Sozialpartner die Coop-Zahlen nicht. ­Warum?
Coop hat nicht Wort gehalten. Schon vor sechs Jahren hat die TV-Sendung «Kassensturz» zahlreiche Gesetzesverstösse bei Coop aufgedeckt. Damals versprach Coop Nulltoleranz bei Verstössen gegen das Arbeitsgesetz. Jetzt sehen wir: Das hat nicht funktioniert.

Was macht die Unia jetzt?
Wir haben nächste Woche eine Sitzung mit Coop. Wir wollen, dass sie uns ab sofort regelmässig über die Zahlen der Gesetzesverstösse informieren. Und dass die Zahlen drastisch sinken! Wenn Coop das nicht schafft, müssen die Verantwortlichen endlich reagieren. Zudem werden wir in den nächsten Monaten unsere Mitglieder noch stärker über ihre Rechte informieren. Und sie aufrufen, Verstösse gegen das Arbeitsgesetz sofort der Unia zu melden. Die Sache macht auch klar: Es braucht mehr Schutz gegen überlange Arbeitstage. Das wird ­sicher ein Thema werden, wenn wir nächstes Jahr mit Coop über den neuen Gesamtarbeitvertrag verhandeln.

Verletzt nur Coop das Arbeitsgesetz?
Nein. Leider ist das vielerorts im Detailhandel ein Pro­blem. Die Anzahl Mitarbeitender wird immer knapper berechnet, um die Gewinnmarge hochzuhalten. Die Leidtragenden sind die Verkäuferinnen und Verkäufer.

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