Jetzt rollt der Skandalkonzern XXXLutz die Schweiz auf:

Der Möbel-­Rambo

Ralph Hug

XXXLutz jagt Ikea. Dabei kennt der österreichische Möbel­gigant kein Pardon. Die Mitarbeitenden klagen über Lohndrückerei und Brechstangen-Methoden.

GRÖSSENWAHN: Vor jeder Filiale des Möbel­giganten XXXLutz steht ein übergrosser roter Stuhl. (Foto: Picture Alliance)

Zweitausend Arbeitnehmende in der Schweiz müssen sich ab sofort Sorgen machen. Denn sie haben einen neuen Arbeitgeber: den österreichischen ­Möbelkonzern XXXLutz. Dieser hat vor kurzem Interio von der Migros und Möbel Pfister übernommen. Zwar hiess es, dass alle Angestellten zu denselben Bedingungen weiterbeschäftigt würden. Es gebe keine Entlassungen, Pfister-Angestellte erhielten sogar Abfindungen nach Dienstjahren. Die Jobs würden durch die Übernahme sogar noch gestärkt, behauptete Ex-Nationalrätin Corina Eichenberger (FDP, Aargau), Präsidentin der Möbel-Pfister-Stiftung. Corina Eichenberger müsste es eigentlich besser wissen.

XXXL-Chef liess Mitarbeitende von Security-Leuten aussperren.

EISKALT ABSERVIERT

XXXLutz ist ein Handelskonzern mit Skandalgeschichte. Die Eigentümerfamilie Seifert hat ihn innert weniger Jahrzehnte hochgepusht, von einer kleinen Werkstatt für Bauernmöbel in Oberösterreich zu einem der grössten Möbelhändler der Welt. Heute ist er ein Milliardenkonzern mit über 22 000 Beschäftigten in 13 Ländern Europas. Besitzer Andreas Seifert (65) kennt nur ein Ziel: Marktleader Ikea überholen. Was dem entgegensteht, wird eiskalt aus dem Weg geräumt. Die grosse deutsche Dienstleistungsgewerkschaft Verdi kann ein Lied davon singen: XXXLutz war in den letzten zehn Jahren neben Amazon ihr härtester Gegner.

Seifert rollt die Märkte stets nach demselben Muster auf: Nach der Übernahme spaltet er die Möbelhäuser auf in diverse Service- und Personalgesellschaften mit wenig Kapital. Auch die Mitarbeitenden werden ausgelagert. Sie sind formell nicht bei XXXLutz angestellt, müssen aber oft schlechtere Arbeitsverträge akzeptieren. Diese Tochterfirmen haben nur noch einen Servicevertrag, und zwar mit XXXLutz. Wird dieser gekündigt, verlieren sie den einzigen Kunden und gehen konkurs. Seifert hebelte mit diesem «System XXXLutz» in Deutschland nicht nur den Kündigungsschutz aus, sondern auch geltende Tarifverträge. Systematisch wurden auch Gewerkschaften und Arbeitnehmervertretungen weggemobbt.

Mit solch rüden Touren erwarb sich XXXLutz den Ruf als «härtester Arbeitgeber Deutschlands». Ein Fanal war das rücksichtslose Vorgehen im Ruhrgebiet. Dort kam es zu grossen Protestaktionen und Demos (siehe unten). Inzwischen hat Seifert «Fehler» eingeräumt. Denn sein Image in der Öffentlichkeit litt immer mehr und mit ihm die Verkäufe. Am eigentlichen Ziel hat sich jedoch kein Jota geändert: Seifert will der Grösste werden. Das scheint schon im grosssprecherischen Firmennamen auf. XXXL heisst Übergrösse. Vor jeder ­Filiale steht auch ein übergrosser roter Stuhl, das Markenzeichen des Konzerns.

ENTSCHLOSSEN GEGEN HARDLINER

Und jetzt will sich Seifert auf seinen XXXL-Stühlen auch in der Schweiz niederlassen. Anne Rubin, zuständig für den Detailhandel bei der Unia, hat bisher keine Klagen vernommen. «Dafür ist es noch zu früh», sagt sie. Aber man ist gewarnt. Und weiss: Entschlossener gewerkschaftlicher Widerstand geht selbst an einem Hardliner wie Seifert nicht spurlos vorbei. Verdi hat es in Deutschland gezeigt. Inzwischen scheint sich Seifert laut Verdi etwas gemässigt zu haben. Liess er früher Angestellte noch unter Einsatz von Securityleuten über Nacht aussperren und freistellen, zeigt er sich in Konflikten kompromissbereiter. «Der öffentliche Druck hat dazu geführt, dass XXXLutz von seinen üblen Wildwestmethoden der frühkapitalistischen Art abrückt», bilanziert Verdi in einer Broschüre über den jahrelangen Kampf gegen diesen besonders aggressiven Möbelhändler. *

Der Umbau bei Möbel Pfister und Interio wird bald zeigen, ob diese Bilanz noch stimmt.

* Thorsten Schulten und Markus Jaggo: XXXLutz – die mit dem rauen Stil. Arbeitsbeziehungen bei XXXLutz. Broschüre der Gewerkschaft Verdi, 2018. Gratis-Download unter: rebrand.ly/XXXLutz


So funktionierte das «System XXXLutz» in Deutschland: Chef Seifert droht, entlässt und scheut das Licht

XXXL-PROTEST: Demo gegen den Möbelriesen in München. (Foto: Verdi)

Drei Jahre nach der Übernahme sah es schlecht aus: statt 330 nur noch 120 Beschäftigte, kein Betriebsrat mehr, tiefere Löhne. XXXLutz und sein Chef Andreas Seifert hatten zugeschlagen.

In Oberhausen im deutschen Ruhrgebiet hatten sie 2014 schon wieder ein alteingesessenes Möbelgeschäft geschluckt. Sofort wurde es nach Seiferts Methode aufgesplittet. Dann gab’s die ersten Kündigungen. Darunter solche mit über dreissig Dienstjahren. Wer weiterbeschäftigt wurde, musste schlechtere Konditionen akzeptieren. Zum Beispiel länger arbeiten oder einem europaweiten Versetzungsrecht zu andern XXXLutz-Filialen zustimmen. Mehrere Dutzend Mitarbeitende klagten mit Hilfe der Gewerkschaft Verdi gegen den ausgehebelten Kündigungsschutz. Sie erhielten vor Gericht recht. Doch weil XXXLutz am längeren Hebel sass, akzeptierten sie schliesslich Abfindungen samt Maulkorb. Den Job waren sie los.

HELL’S ANGELS. Auch der Betriebsrat klagte. XXXLutz hatte den Gewerkschaftern von einem Tag auf den andern den Zugang zum Betriebsratsbüro versperrt, ihnen Hausverbot erteilt und gemäss Aussagen auch mit der Rockergruppe Hell’s Angels gedroht. Da ein Gerichtsurteil zwiespältig ausfiel, akzeptierten auch sie eine Abfindung. Sie hatten genug von den üblen Machenschaften. Die Betroffenen schalteten die Öffentlichkeit ein und veranstalteten Mahnwachen und Demos. Dadurch geriet XXXLutz zunehmend ins schlechte Licht.

Verdi führte nebst Oberhausen auch in München, Mannheim und Passau Kampagnen mit dem Slogan «XXXL – die mit dem rauen Stil». Bevölkerung und Politik zeigten sich jeweils empört. Das wirkte. Umso mehr, als Besitzer Seifert jede Publizität scheut. Er, der zu den reichsten Österreichern zählt, tritt fast nie auf. Und wenn, dann hält er die Mappe vors Gesicht, sobald Fotografen auftauchen.

1 Kommentar

  1. Walter Gloor

    So läuft das heute…. wer die Macht hat, nutzt Schwache aus. Die Bedingungen entwickeln sich leider wieder in Richtung der Anfänge des Kapitalismus.

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