Erschreckende Prognose
Bis in sieben Jahren fehlen 36’000 Pflegende

Ungebremst in die Krise: Die neue Pflege-Prognose des Bundes zeigt, was uns in naher Zukunft erwartet – wenn die Politik nicht endlich den Ernst der Lage begreift.

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WOLLEN ENDLICH TATEN SEHEN: Pflegende an der grossen Demo vor dem Bundeshaus im November 2025. (Foto: Manu Friederich)

Heute arbeiten etwas mehr als 200'000 Menschen in der Pflege. Im Auftrag von Bund und Kantonen hat das Schweizerische Gesundheitsobservatorium (Obsan) nun berechnet: Bis im Jahr 2033, also in den kommenden sieben Jahren, braucht es gut 100'000 weitere Pflegende. Knapp die Hälfte davon werden allein in Alters- und Pflegeheimen benötigt, weitere 17'000 in der Spitex. Der Grund für die hohe Zahl: Betriebe müssen nicht nur Pensionierungen und Berufsaustritte ersetzen; Jahr für Jahr steigt auch der Pflegebedarf, da die Bevölkerung immer älter wird. 

Mehr junge Pflegende aber …

Schafft es die Schweiz, so viele Pflegende auszubilden? Im Bericht nimmt das Obsan vier Berufe unter die Lupe: diplomierte Pflegefachpersonen, Fachleute Gesundheit, Fachleute Betreuung mit den Fachrichtungen «Menschen im Alter» und «generalistische Ausbildung» sowie die zweijährige Lehre zur Assistentin Gesundheit oder zum Assistenten Gesundheit. Gesamthaft werden zwar bis in sieben Jahren 20 Prozent mehr junge Menschen diese Ausbildungen abschliessen. Doch die Prognose geht schon hier davon aus: Das wird nicht ganz reichen, um den Bedarf zu decken.

Und die richtig schlechte Nachricht kommt erst jetzt. Erstmals hat das Obsan für seine Prognose systematisch untersucht, was die Pflegenden nach ihrer Ausbildung machen. Und festgestellt: Viele verlassen den Beruf bereits nach wenigen Jahren. Von den diplomierten Pflegefachpersonen steigen direkt nach dem Abschluss fast ein Viertel aus dem Beruf aus, im Alter von vierzig Jahren sind es bereits mehr als 40 Prozent. In den anderen untersuchten Pflegeberufen arbeiten fünf Jahre nach Lehrabschluss rund 30 Prozent nicht mehr in der Pflege.

… die Lücke wird grösser

Unter dem Strich heisst das: Es kommen zu wenig Pflegende nach, um mit der demographischen Alterung der Bevölkerung Schritt zu halten. Die Lücke klafft Jahr für Jahr weiter auseinander. Zusammengerechnet, so die Prognose, werden bis im Jahr 2033 nicht weniger als 36'000 Pflegende fehlen. 

Doch warum kehren so viele von ihnen kurz nach der Ausbildung dem Beruf den Rücken? Samuel Burri, Co-Leiter Pflege bei der Unia:

Die jungen Berufsleute sehen schon früh, welche Folgen das aktuelle System hat. Nämlich Arbeitsbedingungen, die auf Dauer für viele zu belastend sind – und eine chronisch zu knappe Personaldotierung, die es unmöglich macht, richtig gute Pflege zu leisten.

Die Konsequenzen

Die Obsan-Prognose verdeutlicht das, was die Pflegenden in der Unia schon seit Jahren kommen sehen: eine sich zunehmend verschärfende Versorgungskrise, besonders in Alters- und Pflegeheimen. Auch die Stimmbevölkerung sah es bereits 2021 und sagte mit 61 Prozent Ja zur Pflegeinitiative. Doch statt diese umzusetzen, schmetterte die rechte Mehrheit im Nationalrat fast alle Verbesserungen ab (zum Beitrag). Jetzt sind die Pflegenden daran, aus dieser Verweigerungshaltung die Konsequenzen zu ziehen, sagt Samuel Burri: «Sie haben beschlossen, den Care-Streik 2027 zu nutzen, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen.» 

Und die «Ausbildungsoffensive»?

Ende 2022 beschlossen National- und Ständerat, die Ausbildung in den Pflegeberufen zu forcieren. Das erklärte Ziel damals: Zumindest dieses Anliegen der Pflegeinitiative solle rasch umgesetzt werden.

Offiziell ist die «Ausbildungsoffensive» vor zwei Jahren angelaufen. Doch das Vorhaben scheint bereits wieder an Schwung zu verlieren. Die Umsetzung ist Aufgabe der Kantone – und wird mancherorts zum Spielball der Interessens- und Sparpolitik.

Etwa im Kanton St. Gallen: Im November 2024 sagte die Stimmbevölkerung Ja zu Ausbildungsbeiträgen für Pflegestudierende. Gut ein Jahr später kürzte das Kantonsparlament die Beiträge bereits wieder, im Rahmen eines Sparprogramms.

Auch in der Prognose des Obsan spielt die Ausbildungsoffensive keine Rolle. Sie habe «ihre Wirkung noch nicht entfaltet», so der Bericht. Sie enthalte auch keine Zielwerte, wie viele Pflegende eine Ausbildung abschliessen sollen. Deshalb «kann sie nicht in das Prognosemodell integriert werden». 

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