Rechte bewirtschaften ein neues Feindbild
Teilzeit-Arbeit: Wer will, wer kann – und wer muss

«Lifestyle-Teilzeit» heisst der neue Kampfbegriff der Arbeitgeber und rechten Parteien. Was sie unterschlagen: Die grosse Mehrheit jener, die Teilzeit arbeiten, machen das nicht aus Jux und Tollerei. Sondern weil sie keine andere Wahl haben. 

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KEIN LIFESTYLE: Viele können nicht anders, als Teilzeit zu arbeiten. (Foto: Keystone / Montage: work)

Erst waren es die Jungen, dann die Alten, die ins Visier der bürgerlichen Parteien, der Wirtschaftsverbände und der ihnen gewogenen Medien gerieten. Entweder faul, weil jung, oder faul, weil alt. Beides geben die Zahlen nicht her. Die sehen so aus: 38,7 Prozent aller Erwerbstätigen in der Schweiz arbeiten Teilzeit, das sind 1,9 Millionen Menschen. 58 Prozent der erwerbstätigen Frauen arbeiten Teilzeit, bei den Männern sind es 21 Prozent. 74,9 Prozent der Mütter mit Kind im Haushalt sind Teilzeiterwerbstätige. Bei den Vätern in exakt derselben Familiensituation: 14,3 Prozent. Wohlgemerkt: Diese Zahlen betreffen nur die bezahlte Arbeit. Rechnet man die unbezahlte Care-Arbeit und Hausarbeit dazu, ist die tägliche Gesamtarbeitszeit von Frauen höher als jene der Männer.

Der Kampfbegriff

«Lifestyle-Teilzeit» lautet der neue Kampfbegriff von rechts. Seit etwa drei Jahren taucht er in der öffentlichen Debatte auf. «Lifestyle-Teilzeit» tönt nach Faulheit und Leben auf dem Buckel der anderen. Aber auch hier gilt: Die Zahlen geben das nicht her. Der Arbeitgeberverband hat im April eine eigene Analyse auf Basis der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung veröffentlicht und damit seinen Kampfbegriff selbst demontiert. «Lifestyle-Teilzeit» ist demnach kein Jugendphänomen. In der Altersgruppe der 15- bis 24jährigen arbeiten 28,2 Prozent Teilzeit, einer der tiefsten Werte überhaupt. Erst ab 50 Jahren steigt der Anteil jener deutlich an, die laut Eigenauskunft «kein Interesse an einer Vollzeitstelle» haben. Bei den 60- bis 64jährigen ist es fast jede sechste erwerbstätige Person. Wenn also schon jemand laut Arbeitgebern «faul» sein sollte, dann eher die Babyboomer. Nur heisst das nach Jahrzehnten Vollzeit vermutlich schlicht: erschöpft. Oder beschäftigt mit der Pflege der Eltern. Oder beides.

Negative Rekorde

Wer mit einer in der Schweiz grossflächig verbreiteten 42-Stunden-Woche 80 Prozent arbeitet, arbeitet gerade mal eine gute Stunde pro Woche weniger als zum Beispiel ein Büezer oder eine kaufmännische Angestellte in grossen Teilen der deutschen Industrie. Die Produktivität in der Schweiz steigt seit Jahren, doch die Arbeitszeiten sind nicht gesunken. Und die realen Löhne stagnieren. Die Produktivitätsgewinne flossen zum grössten Teil ans Aktionariat, nicht an die Lohnabhängigen. Bis 1990 sanken die betriebsüblichen Arbeitszeiten alle zehn Jahre um eine bis zwei Stunden bei gleichem Lohn. Das heisst: Die Unternehmer gaben einen Teil der Produktivitätsgewinne auch via Arbeitszeitverkürzungen weiter. Seither haben die Arbeitnehmenden ihre (individuellen) Arbeitszeitverkürzungen selbst bezahlen müssen: mit «freiwilliger» Teilzeit und damit weniger Lohn. Das muss man sich leisten können. Ökonomisch und gesundheitlich. Das gilt erst recht für Frauen, die neben der Erwerbsarbeit Kinder betreuen, Eltern pflegen oder beides gleichzeitig. Dazu kommt: Nach der letzten Erfassung würden 254'000 Teilzeiterwerbstätige sofort mehr arbeiten. Doch sie finden schlicht kein höheres Pensum. Drei Viertel davon sind Frauen.

Kultur- und Klassenkampf

Die Teilzeit-Diskussion von rechts ist einerseits Kulturkampf. Es geht darum, rechts unerwünschte Lebens- und Arbeitsmodelle zu bestrafen. Das Idealbild ist die Familie mit Alleinernährer. Und wenn die Frau auch erwerbstätig sein will, übernehmen die Kinderbetreuung am besten die Grosseltern. Hier stören staatlich unterstützte familienergänzende Betreuungsangebote. Darum bekämpfen die bürgerlichen Parteien auch eine ernsthafte Kita-Förderung, Tagesschulen und andere Betreuungsangebote. Motto: Nannys nur für Reiche, Betreuungsnot für alle anderen. 

Nur auf den ersten Blick erstaunt, welche Vorschläge rechte Politiker und Arbeitgeberverbände zur Lösung des «Problems» machen: Steuersenkung und Strafen. Nichts wissen wollen sie dafür von ausgebauten und bezahlbaren Kita-Infrastrukturen und der Senkung der hohen Normalarbeitszeiten. Oder von Löhnen, die zum Leben reichen. Oder von Arbeitsbedingungen, die nicht immer mehr Menschen krank machen.

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