Das Kongress-Interview mit Unia-Chefin Vania Alleva:

Wie geht es der Unia, Frau Alleva?

Clemens Studer

Wie hat die Corona-Pandemie die Arbeit der Gewerkschaft ­ver­ändert? Welche ­Erfolge konnte die Unia seit dem ­letzten Kongress feiern? ­Welche Heraus­forderungen stellen sich in den nächsten ­Jahren? Über diese und andere Fragen hat work mit der Präsidentin gesprochen.

UNIA-CHEFIN VANIA ALLEVA: «Es braucht jetzt langfristig mehr gesellschaftliche Solidarität, um eine soziale Spaltung zu vermeiden.» (Foto: Matthias Luggen)

work: Vania Alleva, wie ist Ihre Stimmungslage vor dem 5. Unia-Kongress und dem ersten, der halb digital stattfinden muss wegen Corona?
Vania Alleva: Der Kongress findet dezen­tral statt – und die 15 unterschiedlichen Standorte werden per Videokonferenz zusammengeschaltet (siehe Artikel links, Red.). Wir hoffen, dass alles so funktioniert, wie wir es geplant haben. Sicher werden wir unsere Strategie beschliessen, Wahlen durchführen und Reso­lutionen verabschieden. Aber ein Kongress ist immer mehr als nur Traktanden. Kürzlich hat mir ein Kollege gesagt: «Eigentlich besteht ja ein Kongress aus ganz vielen Kongressen!» Also Gespräche, die in den Gängen stattfinden, in Kaffeepausen oder beim gemeinsamen Essen. Das fällt dieses Mal leider weg.

Wie so vieles in diesen Pandemie-Zeiten …
…  das können Sie laut sagen! Es war und ist eine sehr angespannte Zeit. Corona prägt die Gewerkschaftsarbeit immer noch stark. Wir stecken in der grössten Gesundheits- und Wirtschaftskrise seit dreissig Jahren, und als Gewerkschaft sind wir hier stark gefragt. Ich bin stolz auf das, was wir bisher geleistet haben. Aber es braucht jetzt langfristig mehr gesellschaftliche Solidarität, um eine soziale Spaltung zu vermeiden. Das wird der Kongress in einer Resolution formulieren.

«Ich bin stolz auf das, was wir als Unia bisher ge­leistet haben.»

Sie sprechen von den grossen Auswirkungen von Covid auf die ­Gewerkschaftsarbeit. Was heisst das konkret?
Wir hatten zu Beginn der Pandemie und dann in Wellen immer wieder Zehntausende von Anrufen von Menschen, die wegen der Pandemie in Not geraten waren. In wirtschaftliche Not, aber auch wegen ungenügender Schutzmassnahmen am Arbeitsplatz. Wir haben unzählige Mitglieder – und in diesen Krisenzeiten auch Nichtmitglieder – beraten und unterstützt. Und wir haben versucht, die Präsenz auf dem Terrain zu halten. Also eigentlich das A und O jeder Gewerkschaftsarbeit. Das war wirklich nicht einfach. Wir müssen ja auch Verantwortung als Arbeitgeberin wahrnehmen, und stehen diesbezüglich sogar im Schaufenster. Ich glaube, beides ist uns gut gelungen.

Was hat die Mitglieder bei Anrufen am meisten beschäftigt?
Ein ganzer Strauss von Fragen. Am Anfang der Schutz vor dem Virus. Dann ­Fragen zur Kurzarbeitsentschädigung. Ebenfalls Thema war die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, als die Kinder zu Hause betreut werden mussten. Seit einigen Wochen kommen Fragen rund um die Impfung hinzu.

Die Kurzarbeitsentschädigung bekam innert kürzester Zeit eine enorme Bedeutung, oder?
Ja, darauf haben wir zusammen mit dem SGB den politischen Druck konzentriert. Das führte nach anfänglichem Zögern zu den raschen Entscheiden des Bundesrats. Und ganz praktisch hat die Unia-Arbeitslosenkasse eine enorme Leistung erbracht. Nicht «nur» bei der Auszahlung der Kurzarbeitsentschädigung, sondern auch für die stellenlosen Menschen. Im Unterschied zu zahlreichen anderen – auch öffentlichen – Arbeitslosenkassen hat unsere ALK immer funktioniert. Da haben die Unia-Leute einen Top-Job gemacht!

Gibt es schon erste Lehren aus der Pandemie?
Zuerst einmal hat sie die Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse sichtbar gemacht und zum Teil auch beschleunigt und verschärft. Prekäre Arbeit bedeutet Verletzlichkeit. Das zeigte sich knallhart, als temporär oder im Stundenlohn Beschäftigte durch die Maschen der Kurzarbeitsversicherung fielen. Und gleichzeitig hat Corona die Schere zwischen Arm und Reich weiter geöffnet: Aktionärinnen und Manager schnappen sich ein immer grösseres Stück vom Kuchen. Im Jahr 2020 ist die Familie Blocher zum Beispiel 4 Milliarden Franken reicher geworden. Derweil nehmen prekäre Jobs in gewerkschaftlich wenig organisierten Branchen zu. Zum Beispiel bei den privaten Päcklidiensten. Tieflöhnerinnen und Tieflöhner leiden jetzt besonders unter der Krise. Die grosse Mehrheit jener, die in Kurzarbeit sind, erhält nur 80 Prozent des Lohns, die Arbeits­losen noch weniger. Für viele wird es existentiell. Ich glaube, wir stehen an einem Scheideweg.

Welche Wege biegen da ab?
Der Weg in den Abgrund mit dem neoliberalen Credo «Jeder für sich, alle gegen alle». Oder unser Weg der Solidarität für bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen, stärkere Arbeitnehmendenrechte und mehr soziale Sicherheit.

Unia-Kongress

Von A wie AHV über L wie Lohndumping bis S wie Streik: Auch in den letzten zwei Jahren hat die Unia wieder Taten und Worte geliefert. Und Erfolge! Der Rückblick auf die letzten Jahre gibt es hier.

Prekär sind viele Arbeitsverhältnisse auch im Gesundheitswesen. Hier will sich die Unia künftig noch stärker engagieren. Kommt sie da nicht dem VPOD ins Gehege?
Nein! Bald gibt es eine halbe Million Beschäftigte in Gesundheits- und Pflegeberufen. Davon ist grade mal ein Zehntel organisiert. Und bestenfalls 3 Prozent sind Mitglied einer SGB-Gewerkschaft. Das ist eine Gewerkschaftswüste. Da muss man sich schon Mühe geben, um sich in die Quere zu kommen. Da hätten auch drei oder vier Gewerkschaften Platz, zumal der Gesundheitsbereich ja nicht nur die Spitäler umfasst.

Sondern?
In Pflege- und Altersheimen drängen immer mehr private Anbieter auf den Markt. Darunter auch internationale Konzerne. Hier sind die Arbeitsbedingungen zum Teil mehr als prekär. Die Profite der Aktionäre werden auf dem Buckel der Mitarbeitenden und damit auch auf Kosten der Patientinnen und Pensionäre gemacht. Hier gibt es viel zu tun in Sachen gewerkschaftlicher Organisierung. Das können wir nur schaffen, wenn sich die verschiedenen im Gesundheitsbereich aktiven Gewerkschaften und Berufsverbände absprechen und unterstützen. Über Verbandskonkurrenz und Eifersüchteleien freuen sich nur die Arbeitgeber.

Sie haben vorhin von Scheideweg ­gesprochen. Da stehen wir doch schon lange.
Tatsächlich gibt es mindestens seit 2008 eine Kaskade von gesellschaftlichen Krisen und entsprechenden Angriffen auf Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Einige haben wir abwehren können. Etwa den Angriff des Baumeisterverbandes auf das Rentenalter 60 im Bauhauptgewerbe. Oder die Versuche von Swissmem und Gastro­suisse, uns aus dem MEM-GAV zu werfen beziehungsweise den Landesvertrag im Gastgewerbe zu kündigen. Aber Corona hat die sozial schlechter Gestellten und weniger Verdienenden härter getroffen. Die sozialen Gegensätze spitzen sich weiter zu.

Der Angriff der Arbeitgeber auf die Rechte der Arbeitnehmenden hat sich noch verschärft?
Die Auseinandersetzung entwickelt sich widersprüchlich. In gewissen Bereichen verstärkt sich der Deregulierungsdruck. Umgekehrt konnten wir bei den wirtschaftlichen Massnahmen zur Bekämpfung der Pandemiefolgen wieder besser mit den Arbeitgebern zusammenarbeiten. Darauf müssen wir aufbauen.

Die Pandemie klingt im Moment ab. Wirtschaftlich werden uns die Folgen noch länger beschäftigen. Wie k­ommen wir aus der Delle raus?
Die für unsere Gesellschaft essentiellen Berufe müssen aufgewertet werden, in der Pflege, im Verkauf, in der Reinigung, bei den Online-Päcklidiensten usw. Bei der Kurzarbeit braucht es eine 100-Prozent-Entschädigung für alle Löhne bis 5000 Franken. Wir müssen die Löhne und die Renten erhöhen. Das würde besonders auch vielen erwerbstätigen Frauen das Leben erleichtern und die Konjunktur stärken. Ausserdem braucht es Investitionen in gute und nachhaltige Arbeitsplätze. Die Schweiz muss den öko-sozialen Umbau endlich entschieden angehen.

«Die Pandemie hat klar gezeigt:
Prekäre Arbeit bedeutet ­Verletzlichkeit.»

Brauchen wir denn nicht auch ­bessere Beziehungen zur EU?
Klar. Aber nicht nur wegen der Pandemie. Wir leben mitten in Europa. Die grossen gesellschaftlichen Herausforderungen können wir am besten in enger Kooperation mit unseren Nachbarn und Partnern angehen.

Trotzdem haben Sie den ­Rahmenvertrag abgelehnt?
Wir haben den vorlie­genden Vertragsentwurf ­abgelehnt, weil er den Lohnschutz zum Abschuss freigegeben hätte. Das hätte den Arbeitnehmenden in der Schweiz unabhängig von ihrer Herkunft geschadet. Das konnten wir nicht zulassen, und die Gewerkschaften in Europa haben uns dabei unterstützt.

Aber das Scheitern des Rahmenabkommens ändert nichts an unserer internationalistischen Haltung. Wir sind weiterhin für eine verstärkte Zusammenarbeit mit der EU. Die Schweiz muss jetzt starke ­Signale aussenden: Sie muss sich zu den Prinzipien und fortschrittlichen Standards der «Europäischen Säule sozialer Rechte» bekennen. Sie soll Kernbestimmungen der Unionsbürgerrichtlinie übernehmen und damit die Rechte der EU-Bürgerinnen und -Bürger stärken, die in der Schweiz arbeiten und leben. Und sie muss eine enge Absprache der Steuerstandards und namentlich eine Min­destbesteuerung von Unternehmen anstreben. Wenn wir diesen Weg einer ­sozialen Schweiz in einem sozialen Europa gehen, werden wir die bilateralen Beziehungen mit der EU konstruktiv weiterentwickeln können.

Zum Schluss: Wo wird die Unia beim nächsten Kongress 2025 ­stehen?
Ich habe keine Kristallkugel. Aber ich werde entschieden darauf hinarbeiten, dass uns die Trendwende bei der Mitgliederentwicklung gelingt. Wir wollen zulegen. Wir müssen unsere wichtigen GAV weiterentwickeln und im Pflegebereich vorankommen. Und ich will dafür schauen, dass die Unia so kämpferisch bleibt, wie sie heute ist.


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