Ein Kongress in Corona-Zeiten?

Tätschmeister Müller weiss, wie’s geht

Christian Egg

Erst plante die Unia einen ganz normalen Kongress. Doch dann kam Corona. Und mit dem Virus eine einzige grosse Ballettübung.

VIRTUELLES KUNSTSTÜCK. Coronabedingt findet der Unia-Kongress dezentral statt: 350 Delegierte, 14 Standorte, zusammengeführt in einem einzigen Live-Stream. (Foto: Lucas Dubuis)

Wie organisiert man einen Kongress, bei dem fast nichts so ist wie sonst? Denn «so wie immer» geht in Zeiten von Corona nicht. Da war Philipp Müller gefordert. Der Mann vom Unia-Präsidialsekretariat hatte den Auftrag, den Unia-Kongress technisch und logistisch vorzubereiten und dafür zu sorgen, dass alles klappt. Der 46jährige Wirtschaftshistoriker und sein vierköpfiges Team fanden die Lösung: indem sie, bildlich gesprochen, den Spagat machten. Nicht einmal. Sondern dreimal.

VIRTUELLES KUNSTSTÜCK: Philipp Müller vom Präsidialsekretariat hat den ersten digitalen Unia-Kongress logistisch und technisch geplant. (Foto: asz)

SPAGAT 1: Vorausschauend und im letzten Moment. März 2020, Corona-Shutdown. Müller ist in Gedanken schon im Oktober: Für dann plant die Unia in Biel den fünften Kongress ihrer Geschichte. An dem sie nicht nur ihre Strategie neu festlegt, sondern auch ihre Leitung wählt. Müller sagt: «Der Kongress ist zentral für die Unia. Wir haben bis im letzten Moment alles bewegt, damit er stattfinden kann.» Aber Kongress und Corona, das geht nicht zusammen. Also verschiebt die Unia den Kongress. Auf Juni 2021.

Im März 2021, als der Entscheid überfällig wird, kommt die dritte Welle. Müller spricht oft mit Unia-Chefin Vania Alleva und der Geschäftsleitung: Kann der Kongress stattfinden? Eine unsichere Zeit sei das gewesen, sagt der ehemalige Finanzdirektor am Lausanner Unispital: «Ja, das hat die Nerven strapaziert.» Bis spätestens Ende März muss der Entscheid fallen! Denn bis dann können die Hotelzimmer für die Delegierten kostenlos annulliert werden. Verantwortlich ist der Zentralvorstand. Und der sagt: Bis zu 700 Delegierte und Gäste in einem Saal zu versammeln, das wird nicht möglich sein.

Also ein zweites Mal verschieben? Müller wehrt sich: «Auf wann? Den Sankt-Nimmerleins-Tag?» Lieber einen Kongress per Zoom-Meeting durchziehen. Übung darin haben die Unia-Mitglieder ja mittlerweile. Aber, sagt Müller: «So völlig atomisiert, jeder und jede alleine vor dem Computer zu Hause – das wäre trostlos gewesen.» Also weiterhirnen. Gibt es vielleicht eine Mischung von Atomisiert und Kollektiv? Und ja, es gibt sie:

«Es hat schon die ­Nerven strapaziert.»

SPAGAT 2: Virtuell und dezentral. Der Unia-Kongress findet jetzt zwar als Livestream statt. Aber an 15 Orten in der Schweiz versammeln sich die Delegierten auch real. Je bis zu 50 Personen. Müller: «So wird der Kongress zu einem kollektiven Erlebnis. Ich bin überzeugt, das gibt uns das wichtige Gefühl des Zusammengehörens.»

Klar, dass dieser Spagat noch mehr Arbeit bedeutet. Nicht nur, dass es statt eines Kongresszen­trums jetzt 15 Versammlungsorte und an diesen je Mineralwasser, Mikrophone und Mittel zur Händedesinfektion braucht. Auch technisch wird es aufwendiger: Die Teilnehmenden sehen zwei Zoom-Meetings parallel. Eines für die Debatten. Und eines mit je einem Bild von allen 15 Standorten. Damit alle alle sehen. Und hören.

Knifflige Fragen mussten geklärt werden: Wie führt man Abstimmungen an 15 Orten gleichzeitig durch? Via gesicherte App. Oder wie stellt man sicher, dass alle, die reden wollen, das auch können? Mit einer Kontaktperson an jedem Ort, die nur das macht.
Rund hundert Anträge haben die Delegierten zur Strategie und den Positionspapieren eingereicht. Rasch wurde Müller klar: «Die können wir nicht alle vir­tuell bewältigen, das schafft kein Mensch.» Also braucht es den:

SPAGAT 3: Speditiv und demokratisch. An dezentralen Treffen im Vorfeld haben die Delegierten die Anträge bereits diskutiert. Und die unbestrittenen sind stillschweigend angenommen, sofern nicht jemand eine Diskussion verlangt. Das Ergebnis: Von den 100 Anträgen kommen am Kongress nur jene 17 zur Abstimmung, bei denen keine Einigkeit herrscht. Dem Rest haben die Delegierten bereits zugestimmt.

Und jetzt? Gestresst wirkt Philipp Müller nicht, als work vier Tage vor dem Kongress mit ihm redet. Klar, es gebe noch offene Punkte. Etwa die Sitzordnung im Saal der Unia-Zentrale. Oder der technische Testlauf für die Zoom-Meetings. Und das Log-in im Livestream für die Medienschaffenden. Aber das sei normal. «Jetzt kommt der schönste Teil unserer Arbeit», sagt er. «Jetzt spüre ich, dass es möglich ist.»

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