Crypto-Skandal:

Jetzt reden die ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Marie-Josée Kuhn

In der Dechiffriermaschinenfabrik ­Crypto AG in Steinhausen ZG arbeiteten auch Mitglieder der ­Industriegewerkschaft Smuv und später der Unia. work hat mit einem Dutzend von ihnen gesprochen.

BELIEBTER ARBEITSPLATZ: Die Fabrikationshalle der Crypto AG in Steinhausen ZG, 1966. Mit Firmenanlässen und überdurchschnittlichen Löhnen erkaufte sich die Firma das Schweigen der Mitarbeitenden. (Foto: Hauszeitung Crypto AG)

«Haarsträubend», «sehr unangenehm», «erschütternd»: die ehemaligen Mitarbeitenden der Dechiffriermaschinenherstellerin Crypto AG sind wütend. Alle. Auf «die Oberen», die uns «nach Strich und Faden belogen» haben. Aber einige auch auf die Medien, die «ihre» ehemalige Arbeitgeberin jetzt «durch den Dreck ­ziehen». Zwar tauchten in der Vergangenheit immer wieder Artikel auf, wonach in der Crypto AG etwas lusch sei. Dass dort Geheimdienste mitmischen würden. Aber erst jetzt sind auch die letzten Details klar. Dank einem Dokument des US-­Geheimdienstes CIA, das verschiedenen Medien zugespielt wurde. Die Dechiffriermaschinenfabrik Crypto AG gehörte seit dem 4. Juni 1970 den Geheimdiensten der USA und Deutschlands, der CIA und dem BND. Sie ­benutzten die Firma, um jahrelang ­Länder wie Iran, den Irak, Ägypten oder Libyen auszuspionieren (siehe ­«Und die Schweiz war mittendrinn»).

«Dass das jetzt hat auffliegen müssen», sagt Rosemarie Jenny * (66), das mache ihr schon zu schaffen. Neun Jahre lang arbeitete sie im Hausdienst der Crypto. Sie staubte auch die Dechiffriermaschinen im Morseraum ab. Der war im 4. Stock – und nur einem inneren Kreis zugänglich. Die Kryptologen und Techniker hatten alle einen Spezial-Badge. Jenny: «Da ging ich immer nur rein, wenn sie mich riefen. Dann sprachen sie plötzlich englisch. Ich hörte nicht hin, ich sah nichts, das ging mich nichts an.» Das gaben ihr die Männer auch zu verstehen: «Davon verstehst du nichts, gell Rosemarie», zogen sie sie auf, «dafür bist du nicht gescheit genug.» Nein, über ihre ehemalige Arbeitgeberin lässt Jenny nichts kommen: «So eine gute und seriöse Firma», sagt sie. Sollte aber «unser Bundesrat Villiger jetzt hinter Gitter kommen, müsste ich also nicht grad weinen».

4 Seiten extra zur Crypto-Affäre

  • Die Affäre im Überblick: Die Chronik.
  • Mitwisser, Mitschweiger und Mitvertuscher: Diese Schweizer Figuren aus Politik und Geheimdienst
    tauchen in den CIA-Dokumenten auf.
  • Wie die USA profitierten, warum die Schweiz wegschaute und was hinter der PUK-Scheue der rechten Parteien wirklich steckt.

LICHT ÜBER LIECHTENSTEIN

Um den Ruf der Crypto AG besorgt ist auch Beat Lobsiger * (54). Er hatte lange Jahre in der Produktion gearbeitet, war Unia-Mitglied und fordert ultimativ: «Lassen Sie das Thema fallen!» work brauche jetzt nicht auch noch «dreckige Wäsche» zu waschen. «Falls der ganze Bundesrat informiert gewesen ist, dann haben sie es für die Schweiz gemacht. Und dann soll’s mir recht sein», meint er. Und: «Wollen Sie eigentlich den Rest der Arbeitsplätze bei den beiden Nachfolgefirmen gefährden, hä?» Nur, «weil da ein paar in der Chefetage Herrgott gespielt haben? Und die Kleinen müssen dann wieder büssen, hä?»

Lobsiger regt sich auf und redet sich ins Zeug. Er ist nicht der einzige, der seinen Namen «unter keinen Umständen» in der Zeitung lesen möchte. Das Dutzend Ex-Mitarbeitende, mit denen work geredet hat, hat Angst. Und sie sind misstrauisch. Ihre erste Frage am Telefon lautet meist: «Wie kommen Sie auf mich? Wer hat Ihnen einen Tipp gegeben?» Das fragt auch Ex-Crypto-Verkäufer Ernst Bieri * (70). Und sagt dann sofort: «Ich sage gar nichts, ich habe zu viel gesehen!» Auf all den Botschaften, die er besucht habe. Aber er sage nichts. Weil irgendwann sei ihm schon ein Licht aufgegangen: «Über Liechtenstein», meint er geheimnisvoll.

Im Fürstentum Liechtenstein war der Sitz jener Tarnstiftung, zu der die Crypto AG gehörte. Peter Suter * (67) sagt: «Wir wussten, dass die Firma einer Stiftung gehört.» Die Oberen hätten auch immer wieder betont, wie sicher die Arbeitsplätze bei der Crypto deshalb seien. Das Unternehmen werde so schnell nicht verkauft. Jahrzehnte arbeitete Suter im Sicherheitsdienst der Dechiffriermaschinenfabrik. Und hat dennoch nichts geahnt. «Ich hätte nie gedacht, dass die uns dermassen verseckeln!» sagt der Rentner. Denn sie seien immer «gut gehalten» worden.

«Auffällig war: Fast alle Manager waren Deutsche.»

DIE CRYPTO-FAMILIE

Von überdurchschnittlich guten Arbeitsbedingungen berichtet auch Ex-Programmiererin Franziska Flury * (61): «Die Crypto zahlte über dem GAV der Maschinenindustrie. Und mehr Feiertage.» In der Crypto AG war man eine grosse Familie. Das beschreiben mehrere Ex-Mitarbeitende. Auch ­Malaika Hug erinnert sich gegenüber der «Rundschau» von SRF. Ihr Vater, der vor vier Jahren gestorben ist, war Verkäufer bei der Crypto. Und Präsident der Gewerkschaft Smuv, einer Vorgängergewerkschaft der Unia, Sektion Zug. Die Tochter erinnert sich an Feste, an denen sie mit ihrem Vater war: «Diese Firma war Teil unseres ­Lebens.» Doch irgendwann wurde es Ruedi Hug unwohl. Er, der die Dechiffriermaschinen kannte wie seine Westentasche, weil er sie zusammenbaute, merkte eines Tages, dass «irgendwas an den Geräten anders war», dass sie womöglich manipuliert worden waren. Tatsächlich hatte man den Maschinen ein Hintertürchen eingebaut, damit die CIA und der BND mitlesen konnten. Das wusste Verkäufer Hug nicht, aber die Sache liess ihn nicht los. Belastete ihn mehr und mehr. Schliesslich kündigte er.

Jetzt sei auch klar, was die Crypto mit den guten Löhnen und den Festen habe bewirken wollen, schätzt Ex-Programmiererin Flury: «Sie haben uns gekauft und so zum Schweigen gebracht.» In der Crypto einen Job zu erhalten, das sei damals was gewesen: «Wir waren alle stolz drauf!»

Flury kam 1980 als Studentin in die hauseigene Druckerei. Und erhielt anschliessend das Angebot zu bleiben. Die Crypto AG bildete sie zur Programmiererin aus. «Es war ein super Job, es herrschte ein offener Umgang.» Und ausgerechnet sie habe für die CIA gearbeitet! Zwei Jahre bevor sie bei der Crypto einstieg, kandidierte Flury nämlich als Kandidatin der «Revolutionären Marxistischen Liga» (RML) für den Zuger Regierungsrat. Auch sie schöpfte keinerlei Verdacht. Zwar fiel ihr auf, dass fast alle Manager Deutsche waren. Inzwischen ist auch klar, warum: Der deutsche Nachrichtendienst schickte seine Männer wöchentlich in der Crypto vorbei, um mitzureden. Getarnt als Siemens-Mitarbeiter.

«Ich sage gar nichts, ich habe zu viel gesehen!»

IN VERSCHIEDENEN ZONEN

Zwar fiel Flury auch auf, dass sie nie einen Fuss in die Entwicklungsabteilung habe setzen können: «Wir konnten nicht frei zirkulieren», erzählt sie. Auch im Personalrestaurant sei man «separat gehalten worden». In verschiedenen Zonen. Speziell gewesen sei auch, dass die Crypto eine hauseigene Betriebsfeuerwehr gehabt habe und eine eigene Druckerei. Dort wurden die Verkaufsprospekte für die Dechiffriermaschinen hergestellt. Flury: «Offenbar wollte man diese Arbeit nicht rausgeben.» Doch damals, als Studentin, hätte sie darüber nicht weiter nachgedacht. Und den Crypto-Verkäufern einfach das nötige Werbematerial zusammengestellt, das diese verlangten. «Das waren übrigens ziemlich eingebildete Typen», sagt sie, «die Stars der Firma.»

GATTINNEN UND SEKRETÄRINNEN

Ex-Crypto-Mitarbeiter Walter Wohnlich * (66) seufzt und sagt: «Heute wird ja sowieso alles abgehört, auch unsere Handys.» Er will mit der Crypto AG nichts mehr zu tun haben. Fast ein halbes Jahrhundert habe er alles gegeben, dann habe man ihn einfach «rausgestuhlt». Wohnlich: «Ich war ihnen offenbar nicht mehr gut genug! Den beiden feinen Direktoren und ihren Ehefrauen!» Ihren Ehefrauen? Ja, sagt Wohnlich, beide Ehefrauen hätten als Direktionssekretärinnen gearbeitet. «Übers Kreuz.» Übers Kreuz? Ja, die Ehefrau des einen als Sekretärin des anderen – und umgekehrt. Offenbar wollte man auch da, «dass es in der Familie bleibt», meint Wohnlich. Und lacht. Und meint: «Der letzte neutrale Schweizer war wohl Wilhelm Tell!»


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