Editorial

Endlich Aufbruch!

Marie-Josée Kuhn

Marie-Josée Kuhn, Chefredaktorin work

Die mageren politischen Jahrzehnte sind endlich vorbei: Die Klimajugend wagt den Aufstand. Weltweit. Weil es keinen Planeten B gibt. Weltweit protestieren und streiken auch die Frauen. Für mehr Lohn, mehr Zeit und für Respekt. Plötzlich ist wieder Bewegung in der Welt, Power und Hoffnung. Plötzlich wollen wieder Hunderttausende die Welt ver­ändern. Halten eine bessere Welt für möglich: eine frauenfreundlichere, gerechtere, ökologischere und friedlichere Welt. Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit, existenz­sichernde Renten, eine gerechte Ver­teilung von Haus- und Sorgearbeit, eine CO2-neutrale Schweiz bis 2030 und dass «man die Hauptverantwortlichen für den Klimawandel, die Grosskonzerne und die Banken, zur Rechenschaft zieht». Schliesslich finanzieren diese Millionen von Tonnen Treibhausgasemissionen. Plötzlich steht wieder die Frage nach einem Systemwandel im Zentrum.

Plötzlich ist wieder Hoffnung in der Welt.

SYSTEMFRAGE. «Ändern wir nicht die Frauen, ändern wir die Welt», das war der Frauenstreikruf der Isländerinnen. «System change not climate change», skandieren jetzt die Klimajugendlichen. Am 10. März lancierten über 500 Frauen im Volkshaus Biel den Frauenstreik vom 14. Juni 2019. Und diskutierten ein Manifest (siehe «Der Frauenstreik ist lanciert»). Da ging eine Frau ans Mikrophon und fragte: «Warum heisst es unter Punkt 7 ‹in einem problematischen System›? Warum schreiben wir nicht im ‹kapitalistisch-patriarchalen System›?» Sie erntete Zustimmung und Applaus. Ja, plötzlich ist es wieder erwünscht, die Pro­bleme beim Namen zu nennen.

GLASNOST. Nach bald dreissig Jahren neoliberaler Gehirnwäsche, die auch etliche grün-rote Zellen säuberte, ist das eine Wohltat. Der Vormarsch der Frauen-, Fremden- und Klimafeinde Trump, Orbán, Salvini & Co. hat eine Repolitisierung ausgelöst. Und endlich herrscht auch Glasnost in der deutschen Sozialdemokratie. Nach rechts zu rutschen und Arbeitslose zu plagen sei ein verheerender Irrweg gewesen. Ein Verrat an der sozialdemokratischen DNA, wie es SPD-Politikerin Gesine Schwan ausdrückt. Sie, die 75jährige, wird plötzlich grundsätzlich: «Sozial­demokraten kämpfen solidarisch für ein besseres Leben – und zwar für alle.» Immerhin! Nur schade, dass sie und ihre französischen, italienischen und spanischen Schwesterparteien nun wunden­leckend am Boden liegen, weil sie alle ihre DNA verraten haben.

Diese «Selbstmord-Sozialdemokraten», wie sie Ex-SP-Präsident Peter Bodenmann so schön nennt.

2 Kommentare

  1. Peter Bitterli

    „Die Klimajugend wagt den Aufstand. Weltweit.“ Aber sicher doch. In Indien, China, Russland, Afrika und Südamerika geht toll die Post ab. Wer es mit den Fakten so genau nimmt, kann natürlich auch zum windigen Schluss kommen, dass „die Hauptverantwortlichen für den Klimawandel die Grosskonzerne und die Banken“ seien. Na klar, wir deindustrialisieren uns jetzt, um es den bösen Banken so richtig zu zeigen, bis wir auf einer zivilisatorischen Stufe stehen, wo Bildung und damit Begriffe wie „Klimawandel“ und „Grosskonzern“ gar nicht mehr existieren. Mangels Schule kann man dann aber auch nicht mehr Freitags wohlfeil Gratisstreiken. Es wird dann auch keinem mehr auffallen, dass Gesine Schwan zu keinem Zeitpunkt irgendwo in irgendeiner Funktion eine Politikerin war. Naja, die liegt ja jetzt sowieso leckend am Boden, weil sie das Wunder vollbracht hat, ihre DNA zu verraten. Toxische Weiblichkeit halt.

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