Hunderte Frauen trafen sich in Biel zum nationalen Treffen

Der Frauenstreik ist lanciert

Marie-Josée Kuhn

Schon der Start war ein Riesenfest! Rund 500 Frauen aus der ganzen Schweiz haben in Biel gemeinsam Schwung geholt. Für den Frauenstreik am 14. Juni.

AUF ZUM STREIK! Mit dem Vulvalippen-Zeichen zeigen über fünfhundert Frauen ihre Zustimmung zum Frauenstreikmanifest. (Fotos: Yoshiko Kusano)

Sturmtief Eberhard fetzt ums Bieler Volkshaus, La Rotonde, der rote, runde Bau aus den 1930er Jahren, Sinnbild der Arbeiterinnen- und Arbeiterstadt. Regen peitscht gegen Scheiben. Doch drinnen im Saal mit den hohen, schmalen Fenstern ist es heiss. Über 500 Frauen sitzen, stehen, gehen und applaudieren. Oder buhen. Klopfen Beifall mit den Füssen. Eine trägt eine pinkige Perücke, eine andere ein lila Traineroberteil. Unia-Frauen tragen lila Zylinder und halten poppige Plakate in die Höhe: «Mehr Lohn, mehr Zeit, mehr Respekt!» Und zwei mit Frauenzeichen auf den Wangen lachen breit. Alle sind sie gekommen, den Frauen­streik zu lancieren. Und zu hören, wo, wer, was schon plant. An der roten Balustrade prangt das violette Transparent: «14. Juni 2019, Frauen*streik».

Auftritt der Sprecherin des Frauenstreikkollektivs Freiburg: «Bei uns müssen wir zahlen, wenn wir demons­trieren wollen», sagt sie ins Mikrophon. Der Saal buht. Die Frau fährt fort: «Am Frauentag am 8. März gingen wir dann halt auf einem Platz immer im Kreis und demonstrierten so. Wir übten schon für den Frauenstreik.» Der Saal klatscht. Auftritt des Streikkollektivs der Uni Bern. Sie hatten am 8. März die WC-Türen mit Zahlen zur körperlichen und strukturellen Gewalt gegen Frauen vollgeklebt: «Schliesslich stirbt in der Schweiz alle zwei Wochen eine Person an den Folgen häuslicher Gewalt. Meistens Frauen.» Und auch die Studentinnen bleiben dran. Genauso wie die Walliserinnen: «Bei uns passiert derzeit eine historische Mobilisierung, nicht nur in der Stadt, auch auf dem Land», berichten sie. Der Saal johlt.

Wir machen ein Topfdeckelkonzert, wir tragen Violett, Lila oder Pink und den Streikknopf, und wir machen Gleichstellung zum Thema.

SCHWANGERE MÄNNER

Die Sprecherin des Luzerner Streikkollektivs erzählt: «Ihr alle wisst, Luzern ist ein stockkonservativer, stockkatholischer …», hebt sie an. Buuh! Und Luzern habe einen Regierungsrat mit fünf alten Männern. Buuh! Und keiner einzigen Frau. Pfeifkonzert. Füsse trommeln. «Grund genug, am 14. Juni zu streiken!» Applaus und Auftritt der Sprecherin der Frauenhäuser: «Es ist kaum zu glauben, aber jetzt wollen sie das Mädchenhaus in Biel schliessen!» Buhrufe und Sprechchor: «Frauenstreik, Frauenstreik, Scioppero delle donne, So-so-so-Solidarité!»

Alle können am 14. Juni etwas zum Frauenstreik beitragen: Wir machen ein Topfdeckelkonzert, wir tragen Violett, Lila oder Pink und den Streikknopf, wir hängen Plakate, Schürzen, Fahnen, Besen, Transparente aus den Fenstern, und wir machen Gleichstellung zum Thema. Zum Beispiel so, sagt die junge Frau ins Mikrophon: «Wenn die Männer gebären könnten, denkt ihr nicht auch, dass dann alle Städte voller Statuen mit schwangeren Männern wären?» Johlen und Sprechchor: «Wenn Frau will, steht alles still!»

DAS MANIFEST

Und jetzt zum Frauenstreikmanifest (siehe unten). Es wird anschliessend an einer Medienkonferenz verlesen. Jeder der 17 Punkte von einer anderen Frau. In ihrer Sprache: französisch, deutsch, italienisch, spanisch, kurdisch usw. Alle sollen mitmachen können: «Wir schliessen keine aus!» Die Änderungsvorschläge sind zahlreich: Im Punkt 1 steht «alleinstehende Frauen», das finde sie nicht gut, sagt die Antragsstellerin: «Wenn eine Frau weder Partnerin noch Partner hat, ist sie deswegen noch lange nicht alleinstehend.» Im Saal gehen wackelnde Hände in die Luft, sie signalisieren Zustimmung. Die Veranstaltungsleitung, vorne auf der Bühne sitzend, fragt: «Und hast du einen besseren Vorschlag?» – Klar hat die Frau das: «Frau mit oder ohne Partnerin oder Partner». Und wieder wackeln die Hände. Fragt eine andere und erhebt sich: «Warum heisst es unter Punkt 7 ‹in einem problematischen System›? Warum schreiben wir nicht im ‹kapitalistisch-patriarchalen System›?» Nein, ruft’s vereinzelt. Die Mehrheit stimmt aber heftig wackelnd zu. Und immer kommen noch mehr Änderungswünsche. Doch ein Chaos gibt es nicht. Geduldig nehmen die Moderatorinnen alles auf, suchen nach Übersetzungen, lassen abstimmen. Eine prima Frauenlandsgemeinde.

DAS FINALE

Dann, nach zwei Stunden, ist es endlich so weit: Während die Vorleserinnen das Manifest verlesen, steigt die Stimmung. In Wellen erheben sich die Frauen von ihren Stühlen, fahren die Fäuste hoch, skandieren, klopfen Beifall – und setzen sich wieder. Sturm Eberhard, ein Dreck dagegen. Es folgt das Finale, molto mosso: Der Frauenstreik 2019 ist lanciert!

MUSIKERIN SOPHIE HUNGER AUF INSTAGRAM: Es ist Zeit zu streiken!

Appell für den Frauen*streik am 14. 6. 2019

Angenommen von der nationalen Streikversammlung in Biel am 10. März 20191.

1. Wir, Frauen, Lesben, Inter, Non-binary und Transpersonen (FLINT), mit oder ohne Partner*in alleinstehende Frauen*, Frauen* in einer Partnerschaft, in der Gemeinschaft, mit oder ohne Kinder, mit oder ohne Arbeit, unabhängig von der Art der Arbeit, gesund oder krank, mit oder ohne Beeinträchtigung, hetero, ob jung, erwachsen oder alt, hier oder in einem anderen Land geboren, unterschiedlicher Kultur und Herkunft, wir alle rufen auf zum Frauen*streik am 14. Juni 2019. Wir wollen die tatsächliche Gleichstellung und selbst über unser Leben bestimmen. Deshalb werden wir am 14. Juni 2019 streiken!

2. Wir sind es, die für die Hausarbeit, die Erziehungsarbeit und die Pflege zu Hause sorgen, ohne die unsere Gesellschaft und Wirtschaft nicht funktionieren könnten. Wir sind es, die sich um das Wohlergehen der Kinder und der betagten Eltern kümmern und sorgen. Aber es fehlt uns an Geld und an Zeit.

3. Wir wollen gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit. Wir wollen eine Aufwertung der «Frauenberufe» und ihre angemessene Entlöhnung. Wir wollen Sozialversicherungen, die unsere Existenz sichern. Wir wollen Renten, die uns ein Leben in Würde ermöglichen, ohne dass unser Rentenalter erhöht wird. Wir wollen Arbeitsbedingungen, die uns die echte Gleichstellung in der bezahlten und unbezahlten Arbeit garantieren.

4. Wir fordern eine Wirtschaftspolitik, die bezahlte und unbezahlte Carearbeit ins Zentrum stellt und diese finanziert. Wir wollen die Anerkennung und gerechte Verteilung der Haus- und Sorgearbeit, ihre ökonomische Aufwertung und Anrechnung in den Sozialversicherungen, einen längeren Mutterschaftsurlaub, eine Elternzeit und einen Urlaub im Falle kranker Kinder und Angehöriger. Wir fordern ein ausreichendes und kostenloses Angebot an öffentlichen Einrichtungen für die Betreuung unserer Kinder, für die Sorge für unsere älteren Menschen und für unser
Leben.

5. Wir wollen die generelle Reduktion der Arbeitszeit, mit gleich bleibendem Lohn und einem Mindestlohn, damit die bezahlte und unbezahlte Arbeit besser verteilt werden kann und weil das kapitalistische Wirtschaftsmodell die Menschen abwertet und herabsetzt und auch damit wir die natürlichen Ressourcen unseres Planeten nicht weiter ausbeuten. Wir wollen Zeit für die Familie und das Sozialleben. Wir wollen Zeit, um unser Leben zu leben.

6. Wir wollen einen geregelten Status und eine Gesetzgebung, die jene Frauen* schützt, die aus anderen Ländern kommen, oft, um als Betreuerinnen für Kinder, kranke und betagte Menschen zu sorgen, und andern Frauen* wie auch ihren Partner*innen dadurch ermöglichen, ihren Beruf auszuüben und auch Karriere zu machen. Wir bekräftigen unsere Solidarität und fordern für alle das Recht auf gute ­Arbeits- und Lebensbedingungen.Wir bekämpfen die Doppeldiskriminierung, die Migrant*innen erleben.

7. In einem patriarchal-kapitalistischen System, in dem Männlichkeiten und Weiblichkeiten nicht als gleichwertig betrachtet werden, sind wir diejenigen, die Sexismus, Diskriminierung, Stereotypen und Gewalt ausgesetzt sind, am Arbeitsplatz, in der Ausbildung, auf der Strasse, zu Hause und in den staatlichen Institutionen. Wir sind Opfer spezifischer Unterdrückungen aufgrund unserer Hautfarbe, unseres so­zialen Hintergrunds, unserer Situation als Mütter und Grossmütter, wegen unserer Beeinträchtigung, unserer ­sexuellen Orientierung und Geschlecht­s­­identität.

8. Wir wollen frei entscheiden können über unsere Se­xualität und Geschlechtsidentität. Wir fordern Respekt gegenüber unserem Körper und unserem Leben und lehnen geschlechtsspezifische und FLINT-phobe Gewalt ab.

9. Wir wollen der Straffreiheit und Bagatellisierung von sexuellem Missbrauch ein Ende bereiten und fordern einen
na­tionalen Präventionsplan zur Bekämpfung von Gewalt, mit dem auch die Istanbul-Konvention umgesetzt wird. Sexistische und sexuelle Gewalt sollen als Asylgrund anerkannt werden.

10. Wir wollen Massnahmen zum Schutz von Migrantinnen, die in ihren Herkunftsländern, auf ihrem Migrationsweg oder hier bei uns psychische, physische und sexuelle Gewalt erlebt haben und erleben. Wir fordern für sie ein Bleiberecht.
11. Wir wollen selbst über unsere Körper bestimmen. Wir wollen Barrierefreiheit und Assistenz, damit Frauen* mit Beeinträchtigung ein selbstbestimmtes Leben führen können. Wir wollen Abtreibung und Empfängnisverhütung zum Null­tarif und Behandlungen zur Geschlechtsanpassung, die auf Selbstbestimmung beruhen. Wir wollen die Abschaffung der rosa Steuer für weibliche Hygieneprodukte.

12. Wir sind diejenigen, über die in den Geschichts­büchern nichts steht, die in der von Männern und für Männer geprägten Öffentlichkeit und Politik nur in Klammern erscheinen und die man dazu erzieht, sich einem stereotypen Rollenbild der «Frau» unterzuordnen, oder die von der Macht ferngehalten werden.

13. Wir wollen, dass die Schule, die Hochschulen, die Universitäten und andere Bildungseinrichtungen ein Ort der Emanzipation und Bildung zu kritischem Denken und Gleichstellung sowie einvernehmlichem Handeln, sexueller Vielfalt und gegenseitigem Respekt sind.

14. Wir wollen die Abschaffung von geschlechtsspezifischen Stereotypen in der Kultur, den Medien, der Erziehung und der Werbung. Wir wollen den öffentlichen Raum und die Politik neu besetzen und den Platz einnehmen, der uns zusteht, mindestens die Hälfte.

15. Wir wollen eine gesellschaftliche Debatte lancieren über dieses kapitalistische Wirtschaftssystem, von dem nur eine Minderheit profitiert, während die Mehrheit der Weltbevölkerung, insbesondere Frauen*, ausgebeutet wird, in Armut lebt und das Klima gefährdet ist.

16. Wir sind stark in unserer Vielfalt und fordern das Recht auf ein freies Leben in einer Gesellschaft, die gleiche Rechte für alle garantiert, eine solidarische, gleichberechtigte und gewaltfreie Gesellschaft, insbesondere gegenüber Frauen*, und frei von Femiziden. Wir unterstützen, was die Isländerinnen sagen: «Ändern wir nicht die Frauen, ändern wir die Gesellschaft!»

17. Darum werden wir am 14. Juni 2019 streiken. Wir bestreiken die bezahlte Arbeit, die Hausarbeit, die Sorgearbeit, die Schule, den Konsum. Auf dass unsere Arbeit sichtbar werde, unsere Forderungen gehört werden, der öffentliche Raum uns allen gehöre!

* Inkl. Personen, die nicht Cisgender sind (Cisgender = Personen, deren Geschlechtsidentität dem Geschlecht entspricht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde).

1 Kommentar

  1. Eva Mendy

    Ich bin dip.Pflegefachfrau ich werde am 14.6.2019 arbeiten und genau deshalb möchte ich ein Zeichen setzen mit einem violetten Frauenstreikbutton. Könnten sie mir bitte soviel *50STÜCK) als möglich zukommen lassen damit ich diese im Spital verteilen könnte. Mehr ist uns leider nicht erlaubt worden. Meine MItteilung an meine Chefin das ich mit dem Frauenstreiktshirt arbeiten werde wurde bis zu HR abgeklärt und als Antwort gab es ja aber unter der Berufskleidung. OmG da sieht man ja gar nicht. Meine Tochter sie ist 12 jahre alt wird mit stolz das tshirt tragen in der schule und dort ein Zeichen setzen und alle informieren wo nicht informiert sind! Frauenpower endet NIE

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