Ärger auf dem Bau: Bauchef Lutz über respektlose Baumeister und hässige Arbeiter

«Die Büezer sind zum Streik bereit!»

Clemens Studer

Der Baumeisterverband greift die Rente 60 frontal an und will die Arbeitsbedingungen auf dem Bau verschlechtern. Doch die Bauarbeiter werden sich beides nicht gefallen lassen. Die Streikbereitschaft liegt bei über 90 Prozent.

FERTIG LUSTIG. Unia-Bauchef Nico Lutz weiss: Die Angriffe des Baumeisterverbands lassen sich die Büezer nicht gefallen. (Foto: Yoshiko Kusano)

work: Nico Lutz, wie ist die Stimmung auf den Baustellen?
Nico Lutz: Die Bauleute sind hässig und empört. Das merken wir jeden Tag. Derzeit laufen auf den Baustellen die Streikabstimmungen. Von den gegen 15 000, die bis jetzt abgestimmt haben, sagen über 90 Prozent Ja zum Streiken, wenn die Baumeister nicht endlich ihre Verweigerungshaltung aufgeben. Und ihre Frontalangriffe auf Rente 60, Arbeitszeit und Kündigungsschutz einstellen.

Was macht die Büezer besonders hässig?
Der Angriff auf die Rente 60. Sie empfinden das zu Recht als respektlos. Wer die Rente 60 angreift, greift die Würde der Bauarbeiter an. Das merken die Leute. Sie krümmen während Jahrzehnten ihre Rücken für ihre Firmen, und jetzt das. Die meisten haben ab 50 gesundheitliche Beschwerden und erleben dann, wie man sie in die prekäre Temporärarbeit abschiebt oder in die Arbeitslosigkeit. Tendenz steigend.

Für den Baumeisterverband ist der flexible Altersrücktritt (FAR), also die Rente 60 auf dem Bau, eine «Luxuslösung».
Das ist eine Frechheit! Tatsache ist: Heute schleppen sich viele Baubüezer zum Teil unter prekären Bedingungen bis zum 60. Geburtstag und gehen dann in Rente. Dafür verzichten sie auf 30 Prozent ihres Einkommens. Sie machen das oft aus einer Notsituation heraus, einfach weil ihr Körper die harte Arbeit nicht mehr mitmacht. Jetzt sagen die Baumeister: Ihr könnt locker bis 62 arbeiten. Gleichzeitig verlangen sie jedoch, dass die Löhne der älteren Mitarbeiter gekürzt werden und sie einfacher entlassen werden können, weil sie nicht mehr genügend produktiv sind. Das ist widersprüchlich und zynisch.

Die Auffangstiftung des Bundes hat beschlossen, die frühpensionierten Bauarbeiter nicht mehr länger zu versichern. Die Baumeister nehmen das als Beleg dafür, dass die Stiftung FAR «marode» sei.
Entweder sind sie wirklich so ignorant, dass sie den Vorgang nicht verstehen, oder sie streuen bewusst Falschmeldungen. Beides wäre gleichermassen bedenklich. Die Kündigung der Auffangstiftung hat mit der finanziellen Situation von FAR schlicht nichts zu tun. Die Kündigung hätte es auch gegeben, wenn die Stiftung FAR zu viel Geld hätte. Es ist ganz einfach: bei FAR diskutieren wir die Finanzierung der Renten zwischen 60 und 65 Jahren. Bei der Auffangeinrichtung geht es um die Pensionskassenrenten ab 65. Wir sind überzeugt, dass die Auffangeinrichtung die Bauarbeiter gar nicht abweisen darf, und reichen dar­um eine Klage ein.

«Wer die Rente 60 angreift, greift die Würde der Bauarbeiter an.»

Wie steht FAR finanziell da?
FAR hatte Ende 2017 einen Deckungsgrad von 93,7 Prozent, er ist im letzten Jahr sogar leicht gestiegen. Ohne Massnahmen würde er 2019 bis 2024 absinken. Das hat mit den geburtenstarken Jahrgängen zu tun, die jetzt in Frühpension gehen können. FAR braucht für eine begrenzte Zeit mehr Geld. Übrigens steckt FAR heute unter anderem in Unterdeckung, weil der Baumeisterverband zwischen 2013 und 2015 die Sanierungsmassnahmen verweigert hat. Schon vor fünf ­Jahren haben sie die gleiche Blockadepolitik betrieben. Offensichtlich hat der Baumeisterverband aus der Vergangenheit wenig gelernt.

Welche Strategie steckt hinter der Ver­weigerung der Baumeister?
Das müssen Sie diese selber fragen. Ich sehe nur, dass sie damit in die Sackgasse fahren. Die Baumeister behaupten, die FAR-Sanierung sei keine Aufgabe der Sozialpartner, sondern ausschliesslich eine des FAR-Stiftungsrates. Doch dieser kann den Gesamtarbeitsvertrag FAR, der die Leistungen festlegt und vom Bundesrat bis 2021 auch allgemeinverbindlich erklärt ist, gar nicht ändern. Dazu braucht es Verhandlungen zwischen dem Baumeisterverband und den Gewerkschaften. Und eine Sanierung muss laut Gesetz «verhältnismässig» und «ausgewogen» sein.

Wie sähe eine solche verhältnismässige und ausgewogene Lösung aus?
Unser Vorschlag dazu liegt seit Januar auf dem Tisch. Eine vorübergehende Erhöhung der Beiträge um ein halbes bis ein ganzes Prozent. Die Bauarbeiter sind auch bereit, einen Teil der Kosten zu übernehmen. Und eine deutliche Reduktion der BVG-Beiträge, welche die Stiftung FAR leistet. So würde die Sanierung insgesamt zu rund 10 Prozent auf der Leistungsseite und rund 10 Prozent auf der Beitragsseite erfolgen. Die Rente mit 60 und die Rentenhöhe würden bleiben. Bei der Rentenhöhe besteht kein Spielraum. Diese liegt heute bei durchschnittlich 4400 Franken. Weniger reicht nicht zum Leben.

Sie verhandeln derzeit auch einen neuen Gesamtarbeitsvertrag mit den Baumeistern. Wie läuft es dort?
Auch beim Landesmantelvertrag ist ihre Verbandsspitze frontal und rein ideologisch unterwegs. Sie will die 50-Stunden-Woche, will älteren Mitarbeitenden den Lohn kürzen und diesen einfacher kündigen können. Die Baumeister wollen den Fünfer, das Weggli und gleich auch noch das Schoggistängeli.

«Die Büezer sind nicht bloss hässig, sie sind auch parat!»

Sie sagen, diese Forderungen seien rein ideologisch motiviert. Warum?
Der Baumeisterverband sieht die Antwort auf den zunehmenden Druck auf die Bauwirtschaft in der grenzenlosen Deregulierung. Keine Limiten mehr, unbeschränkte Nacht- und Sonntagsarbeit, bis 200 Überstunden. Auf den Punkt gebracht sagen sie: «Es wird gearbeitet, wann und wie lange wir wollen.» Das ist das falsche Rezept. Erstens für die Bauarbeiter, die dann ihre Familie kaum mehr sehen und sich noch mehr krankschuften. Zweitens macht sich die Branche selber kaputt.

Daran können doch auch die Baumeister kein Interesse haben.
Das ist richtig. Und darum ist der aktuelle Kurs der Verbandsspitze auch bei der Baumeisterbasis umstritten. Vernünftige Baumeister – und davon gibt es einige – haben erkannt, dass nur mit klaren Rahmenbedingungen, die für alle gelten und auch durchgesetzt werden, alle gleich lange Spiesse haben. Ohne klare Regeln sind die Unternehmen den Forderungen der Auftraggeber schutzlos ausgeliefert. Ich führe immer wieder Gespräche mit Baumeistern, die diese Problematik sehen und auf eine starke Sozialpartnerschaft setzen. Leider sieht das die nationale Verbandsspitze noch anders.

Wie geht es jetzt weiter?
Am 23. Juni protestieren wir in Zürich. Wir wollen ein machtvolles Zeichen gegen den respektlosen Umgang mit den Bauleuten setzen und geben das Resultat der Streikabstimmung bekannt. In den folgenden Wochen finden zwei Verhandlungsrunden zum Landesmantelvertrag und zu FAR statt. Ich hoffe, dass diese endlich auch von Seiten des Baumeisterverbandes konstruktiv werden. Und wer weiss, vielleicht taucht sogar Baumeisterpräsident Gian-Luca Lardi auf – der glänzt seit 2015 bei Verhandlungen nämlich mit Abwesenheit. Für den Fall, dass der Baumeisterverband seine Verweigerungshaltung beim FAR nicht aufgibt und seinen Frontalangriff auf die Sozialpartnerschaft nicht stoppt, steht dem Bau ein heisser Herbst bevor. Die Büezer sind nicht bloss hässig, sie sind auch parat!


Elektriker-GAV:Patrons krebsen nach Demo zurück

UNTER SPANNUNG: Stromer an der ersten Elektrikerdemo in Zürich. (Foto: Nicolas Zonvi)

44 Stunden arbeiten pro Woche statt 40? Und zum gleichen Lohn? Nicht mit uns, sagten die Elektrikerinnen und Elektriker und demons­trierten am 19. Mai vor dem Sitz der Arbeitgeber in Zürich. Mit Erfolg: Diese zogen darauf ihre Forderung wieder zurück. Jetzt laufen die Verhandlungen für den neuen GAV – der alte läuft Ende Jahr aus.

Die Hauptforderungen der Gewerkschaften Unia und Syna sind:

  • Bessere Löhne: 150 Franken mehr pro Monat für alle, 200 Franken höhere Mindestlöhne;
  • Frühpensionierung mit 62 Jahren;
  • 20 Franken Verpflegungsspesen pro Tag statt bisher 12;
  • Fünf bezahlte Weiterbildungstage;
  • Mindestlohn und 13. Monatslohn auch für alle Lernenden.

Zwar sei die Atmosphäre in den Verhandlungen unterdessen konstruktiv, sagt Yannick ­Egger von der Unia: «Aber die Positionen liegen immer noch ziemlich weit auseinander.» Vorsorglich haben die Sozialpartner schon einmal bis in den August hin­ein Termine festgelegt. Egger: «Eine Einigung kommt wahrscheinlich erst im Herbst zustande.» (che)


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