Schweizerischer Gewerkschaftsbund stellt den neusten Verteilungsbericht vor

Die Reichen kassieren, Mittel- und Unterschicht verlieren

Clemens Studer

Die unteren und mittleren ­Reallöhne stagnieren, die ­obersten Löhne steigen stark. Die Krankenkassenprämien explodieren, die Steuern für ­Topverdienende und Reiche ­sinken. Seit 2016 hat nur ­gerade das oberste eine Prozent der Beschäftigten tatsächlich mehr Geld im Portemonnaie.

Der Chef des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse heisst Christoph Mäder. Economiesuisse ist der Verband der Konzerne und der Finanzindus­trie. Er finanziert den bürgerlichen Parteien die Wahl- und Abstimmungskampagnen. Christoph Mäder sagte vergangene Woche: «Es geht uns sehr gut, und es geht uns schon sehr lange sehr gut.» Bedauerlicherweise unterliess es der «Tages-Anzeiger», dem Mäder seine Erkenntnis diktierte, nachzufragen, wer denn dieses Mädersche «Uns» sei.

Das «Uns» der 99 Prozent in diesem Land kann Konzernvertreter Mäder nicht gemeint haben. Denn die Haushalte mit unteren und mittleren Einkommen machen seit Jahren finanziell rückwärts. Sogar die obersten 10 Prozent der Haushalte haben 2024 pro Monat real zwischen 90 und 120 Franken weniger im Portemonnaie als im Jahr 2016. Nur gerade das bestverdienende Beschäftigten-Prozent hat real mehr Geld zur Verfügung. Dafür nicht zu knapp: 1630 Franken, Monat für Monat.

Das zeigt der neuste Verteilungsbericht des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB). Dieser belegt wissenschaftlich, was die Mehrheit in diesem Land tagtäglich erfährt:

  • Die unteren und mittleren Reallöhne haben seit 2016 kaum zugenommen (rund +2,5 Prozent). Beim bestbezahlten Prozent der Berufstätigen ging es dagegen steil in die Höhe. Die Reallöhne stiegen hier zwischen 2014 und 2022 um fast einen Viertel (+23,2 Prozent).
  • Die Krankenkassenprämien sind in den letzten beiden Jahren um 15 Prozent in die Höhe geschossen, während die Löhne stagnierten. Die Prämienbelastung hat sich in den letzten knapp 25 Jahren ungefähr verdoppelt. Darum sind die Prämien für immer mehr Haushalte nicht mehr tragbar.
  • Die Kantone senken dafür die Steuern auf sehr hohen Einkommen und Vermögen. Die Steuern für mittlere Einkommen sinken kaum, steigen zum Teil gar. Die unsozialen Kopfprämien der Krankenkassen führen sogar dazu, dass die Steuerprogression (je mehr Einkommen, desto höher auch prozentual sind die Steuern) gebremst bis gestoppt wird.

Der SGB-Verteilungsbericht arbeitet mit «Musterhaushalten» auf Basis von Lohn- und Steuerdaten. Im Unterschied zu den Verteilungsanalysen des Bundes, die auf einer Stichprobe von knapp 4000 Haushalten basieren, stützt sich der SGB-Verteilungsbericht auf eine Datenbasis von einer Million Beobachtungen und mehr. Dadurch sind genauere Aussagen über die Verteilung möglich – insbesondere, was die Verteilung der Einkommen ganz oben oder ganz unten betrifft.

BETRIEB, STRASSE, URNE

Unia-Chefin und SGB-Vize Vania Alleva konkretisiert die notwendige Wende in der Lohn- und Einkommenspolitik so: «Wer eine Berufslehre abgeschlossen hat, soll mindestens 5000 Franken im ­Monat ­verdienen. Und generell soll niemand für einen 100-Prozent-Job weniger als 4500 Franken bekommen.» Und sie verspricht: «Wir werden die Lohnfrage in diesem Lohnherbst mit Aktionen in den Betrieben und auf den Strassen zum Thema machen.»

Einen wichtigen Schritt können Menschen mit unteren und mittleren Einkommen und Schweizer Pass schon am 9. Juni machen: bei einem Ja zur Prämienentlastungsinitiative wird die Prämienlast auf 10 Prozent des verfügbaren Einkommens gedeckelt.


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