Freude in der Industrie: Industriechef Pardini über den neuen Metaller-Vertrag

«Erster echter GAV der MEM-Industrie»

Oliver Fahrni

Fünf Jahre lang gab es Zank, harte Konflikte, sogar einen Prozess. Doch nun steht ein neuer GAV mit auto­matischem Teuerungsausgleich, Kündigungsschutz für Ältere und Weiterbildungs­offensive. Wie ging das?

LANGER ATEM. Unia-Industriechef Corrado Pardini sagt: Die MEM-GAV-Verhandlungen waren kein Spaziergang. (Foto: Yoshiko Kusano)

work: Sie haben gerade die GAV-Verhandlungen in der Maschinen-, Elektro- und Metall­industrie abgeschlossen. Die Arbeitgeber …
Corrado Pardini: Lassen Sie mich zuerst eine Bemerkung machen. Dieser GAV steht erst, wenn ihm die Delegierten der Branchenkonferenz zustimmen. Ich kann es ihnen mit ganzer Überzeugung empfehlen. Es ist ein guter Vertrag.

Die Arbeitgeber wollten die 42-Stunden­Woche. Wie hat die Unia das abgewendet?
Corrado Pardini: Wir haben uns geweigert, über das Thema auch nur zu sprechen. Alles, was wir dazu zu sagen hatten, war: Mit 42 Stunden gibt es keinen Gesamtarbeitsvertrag.

War das eine glaubwürdige Position?
Ohne Frage. Wir wären nie auf die längere Arbeitszeit eingestiegen. Swissmem wusste das. Sie haben uns ernst genommen. Geholfen hat, dass wir 2013 aufgestanden sind und die Verhandlungen abgebrochen haben. Erst nach der Mediation durch den Bundesrat kam damals ein GAV zustande. Mit der Einführung von Mindestlöhnen, wie wir gefordert hatten.

Es gab Gerüchte, Swissmem wolle diesmal einen GAV ohne die Unia abschliessen. War das nicht ein hohes Risiko?
Ich denke nicht. Richtig ist: Mindestens zwei der anderen Arbeitnehmendenorganisationen waren bereit, auf die 42-Stunden-Woche einzusteigen. Eine dritte hat laviert. Doch wir hatten gute Argumente. Was bringt eine fünfprozentige Arbeitszeitverlängerung den Unternehmen? Sie fahren besser, wenn sie in die Innovation investieren, die Mitarbeitenden fördern, mit uns die Weiterbildung seriös anpacken und eine Berufspasserelle bauen. Wir hatten dazu substan­tielle Vorschläge. Der Rest war gewerkschaft­liches Handwerk.

«Es waren sehr harte Verhandlungen, heftiger
als 2013.»

Das müssen Sie uns erklären.
Es waren sehr harte Verhandlungen, heftiger noch als 2013. Aber wir hatten eine hervorragende Delegation, mit vielen starken Vertrauensleuten aus den Betrieben. Und die Industriesekretäre Manuel Wyss als Delegationsleiter und Matteo Pronzini haben einen phantastischen Job gemacht. Entscheidend aber war: Genaugenommen haben wir nicht wenige Monate verhandelt, sondern fünf Jahre lang. Seit dem Abschluss 2013 führten wir einen Dauerkonflikt. Da war der Streit um das Buch «Heavy Metall». Dann haben wir eine lange juristische Auseinandersetzung bis hin zum Prozess um die Transparenz des Solifonds durchgezogen. Wir haben um die Umsetzung des GAV 2013 gestritten. Und um einige andere Dinge. Kurzum: wir waren im Gespräch.

Sie haben dies als «konfliktuelle Sozial­partnerschaft» beschrieben.
Diese fünf Jahre waren wohl die längsten GAV-Verhandlungen der Geschichte. Schliesslich ­konnten wir den Arbeitgebern auf Augenhöhe begegnen. Respekt gibt es nur mit einem ausgewogenen Kräfteverhältnis. Jetzt wissen wir voneinander, dass es keine Kungeleien mehr gibt, sondern nur klare Ansagen und die Bereitschaft, einen Kompromiss zwischen Arbeit und Kapital zu suchen. Wenn der soziale Fortschritt stimmt.

Das höchste aller Gefühle schien die Weiterführung ohne Verschlechterungen zu sein. Hat die Unia mehr erreicht?
Wir haben 2018 den ersten vollständigen GAV in der MEM-Industrie ausgehandelt.

Haben Sie das nicht schon 2013 gesagt?
Nein, 2013 war der erste GAV überhaupt. Zuvor, seit dem Friedensabkommen von 1937, gab es nur «Vereinbarungen». Die Betriebe wollten sich etwa nicht in die Lohngestaltung dreinreden lassen. Die Gewerkschaft sollte draussen bleiben. 2013 haben wir Mindestlöhne erreicht. Das war ein Durchbruch. Jetzt konnten wir den automatischen Teuerungsausgleich, Regeln zum Kün­digungsschutz, zur Kontrolle der Löhne, zur Organisation des Solifonds, zur Förderung der Mitarbeitenden, insbesondere der Frauen, und die Erwachsenenlehre in den GAV schreiben. Zum ersten Mal haben wir einen kompletten Vertrag in der Hand, den man die nächsten 20 Jahre weiterentwickeln kann.

Was bringt der automatische Teuerungs­ausgleich auf Mindestlöhnen? Wir haben keine Inflation.
Erstens haben wir vereinbart, dass es keine Lohneinbussen bei Negativteuerung gibt. Dieses Argument der Arbeitgeber ist vom Tisch. Zweitens sagen sämtliche Prognosen, dass wir bald wieder eine Teuerung bekommen. Die ersten Preissteigerungen sind schon da. Zieht das an, ist der Automatismus, wie er früher in vielen Verträgen stand, ein grosses Plus für die Arbeitenden. In den letzten Jahren mussten einige Lohnklassen Kaufkraftverluste hinnehmen. Dem setzen wir ein Ende.

«Gewerkschaftsarbeit ist nichts
für Sprinter, wir brauchen
Marathonläufer.»

Setzt der automatische Teuerungsausgleich nicht der Lohnentwicklung nach oben Grenzen?
Das ist Unsinn. Wer jemals Lohnverhandlungen geführt hat, weiss, dass dies in zwei Schritten geschieht: Zuerst die Kaufkrafterhaltung, also der Teuerungsausgleich. Der ist jetzt auf den Mindestlöhnen automatisch garantiert. Dann die Verteilung der Produktivitätsfortschritte. Nun können Personalkommissionen oder die Gewerkschaft bei den vorgesehenen jährlichen betrieblichen Lohnverhandlungen sofort den zweiten Schritt tun. Zudem geht von der automatischen Anpassung der Mindestlöhne ein Druck aus, die Reallöhne zu erhöhen.

Gegen Lohndumping nützt das wenig.
Dafür haben wir jetzt neu eine flächendeckende Kontrolle der Mindestlöhne durch Revisionsgesellschaften eingerichtet. Das war die Bedingung für einen offenen Arbeitsmarkt. Eine zentrale Neuerung.

Haben die Arbeitgeber verbindli­chere GAV-Formulierungen zur Förderung der  Mitarbeitenden, der Frauen und zur ­«MEM-Passerelle 4.0» verhindert?
Das lesen Sie falsch. Zum ersten Mal haben wir den Arbeitgebern ein klares Bekenntnis zur Frauenförderung, zum Kündigungsschutz für Ältere und zur Weiterbildung abgerungen. Wahrscheinlich hat das starke Engagement von Swissmem-Präsident Hans Hess für die MEM-Passerelle 4.0 diesen GAV sogar entscheidend befördert. Die Passerelle baut auf ein Konzept der Unia. Wir reden hier nicht über ein paar EDV-Kürsli. Es wird eine echte Erwachsenen-Berufslehre mit eidgenössischem Abschluss eingeführt. Im GAV stehen die Eckwerte, in Protokollvereinbarungen haben wir das detailliert. Es ist ein grosses Vorhaben. Kommt es zum Tragen, wird das eine Pionier-Innovation für die Schweiz und die duale Berufsbildung.

Bleiben die Mindestlöhne im GAV 2018 nicht zu tief?
Ja. Zwar werden die tiefsten Mindestlöhne nun jährlich um 30 Franken erhöht und automatisch an die Teuerung angepasst. Doch wir werden weitere Anläufe brauchen, um sie zu verbessern. Nur wäre es ein sehr schlechter Deal gewesen, höhere Löhne gegen längere Arbeitszeiten zu tauschen. Gewerkschaftsarbeit ist nichts für Sprinter. Wer etwas erreichen will, muss den Marathon können. Wie wir im Sektor Industrie wissen: nach den Verhandlungen ist vor den Verhandlungen.


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