Historikerin Fabienne Amlinger untersucht die Gleichstellung in der FDP, CVP und SP

«Geduld bringt den Frauen keine Rosen»

Patricia D'Incau und Marie-Josée Kuhn

Wo hatte es eine engagierte Politikerin zwischen 1971 und 1995 am besten? Sicher nicht in der FDP, sagt Historikerin Amlinger. Dort war der Weg für Frauen sehr steinig. Und er ist es immer noch, wie die Wahl von Ignazio Cassis gezeigt hat.

FABIENNE AMLINGER: Nur die SVP konnte die Historikerin nicht untersuchen — das SVP-Archiv ist nicht öffentlich zugänglich. (Foto: Franziska Scheidegger)

work: Wo war eine engagierte Politikerin zwischen 1971 und 1995 am besten aufgehoben?
Fabienne Amlinger: In der SP. Sie pflegte Frauenförderung und Gleichstellungsthemen mit Abstand am meisten. Einfach war es für die Politikerinnen zwar auch dort nicht. Die Sozialdemokratinnen mussten sich durchaus gegen die Genossen durchboxen. Doch sie hatten einen weniger steinigen Weg als ihre Kolleginnen in der CVP oder FDP.

Was machte die SP besser?
Ganz allgemein kann man sagen, dass die SP-Frauen bereits vor Einführung des Frauenstimmrechts 1971 gewisse Anteile an Delegiertenversammlungen hatten und in gewissen Parteigremien vertreten waren. Aber es war keine Geschlechterparität da. Die Machtpositionen wurden nach wie vor von Männern gehalten. Und es gab Ränkespiele, mit denen dafür gesorgt wurde, dass Frauen nicht auf Wahllisten kamen oder schlechte Plätze erhielten. Und auch in der SP galt: Frauen sind zuständig für sogenannte Frauenanliegen. Also für Familie, Soziales usw.

Aber: Die SP forderte als erste der grossen Parteien das Frauenstimmrecht. Und zwar schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die SP entstand ja aus der ­sozialistischen Arbeiterbewegung mit einer langen Tradition, die bereits gleichstellungspolitische Anliegen vertrat. Die bürgerlichen Parteien hingegen lehnten das Stimmrecht lange ab, bevor sie verhalten Ja sagten. Auch nach der Einführung des Frauenstimmrechts schrieb die SP sogenannte Frauenanliegen viel grösser als FDP und CVP. Nicht, weil die SP per se eine frauenfreundliche Partei gewesen wäre, sondern, weil sie in einem Konkurrenzverhältnis stand mit anderen linken Parteien. Auch die neue Frauenbewegung, deren Exponentinnen Ende der 1970er Jahre teilweise in die SP eintraten, sorgte für einen feministischen Umschwung. Diese brachten ihre Protestformen mit in die Partei: Es gab witzige ­Aktionen, Flyers, feministische Vollversammlungen und – den Frauenstreik.

Frauen in der Politik

Fabienne Amlinger (41) ist Historikerin
und Geschlechterforscherin. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin am Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung an der Universität Bern. Für ihre Dissertation hat sie die Geschichte der Frauenorganisationen von SP, CVP und FDP erforscht. Die Arbeit ist Ende 2017 als Buch unter dem Titel «Im Vorzimmer der Macht?» erschienen.

Fabienne Amlinger: Im Vorzimmer der Macht? Die Frauenorganisationen der SPS, FDP und CVP 1971–1995. Chronos-Verlag 2017. 416 Seiten, CHF 58.–.

Die FDP warb mit dem Slogan «Die FDP hat die Frauen gern». Das war also nicht ganz der Fall?
Meine Forschung hat gezeigt, dass gerade die Frauen im Freisinn enorm kämpfen mussten, um gehört und gewählt zu werden. Als mit Elisabeth Kopp 1984 die erste Frau in den Bundesrat einzog, hat sich die FDP zwar sehr damit gebrüstet. Aber von ernsthaften und aktiven Gleichstellungsbestrebungen konnte in dieser Partei nicht die Rede sein.

Die Wahl von Elisabeth Kopp bezeichnen Sie in Ihrem Buch als «Gnadenakt». Was meinen Sie damit?
Der Begriff «Gnadenakt» geht zurück auf den Historiker Bernard Degen. Der Freisinn regierte im Bundesrat ja die ersten 43 Jahre ganz alleine. Dann liess er zuerst die Katholisch-Konservativen mitregieren, quasi als Gnadenakt. Später dann die SP. Und noch später wurde dieser Gnadenakt auch den Frauen zuteil – mit der Wahl von Elisabeth Kopp. Dazu muss man wissen, dass sich die FDP in den 1980er Jahren schwertat mit gewissen Frauen in ihrer Partei. Ich denke da etwa an die Berner Politikerin Leni Robert. Sie war den freisinnigen Männern zu grün und sie stempelten sie als Linke ab. Und nicht nur sie. Das führte dazu, dass mehrere FDP-Frauen aus der Partei austraten. Um nicht als frauenfeindlich zu gelten, musste die FDP handeln, und so kam es zur Wahl von Elisabeth Kopp.

Pikanterweise stolperte Kopp am Ende ausgerechnet über ihren Mann …
Ja, es ging um Drogengeldwäscherei-Vorwürfe gegen die Firma Shakarchi, in der Kopps Mann, Wirtschaftsanwalt Hans W. Kopp, im Verwaltungsrat sass. Elisabeth Kopp rief ihn an, warnte und bat ihn, aus dem Verwaltungsrat auszutreten. So begann die Affäre Kopp: Der ersten Bundesrätin warf man vor, dass sie ihren Mann vor einer Strafuntersuchung bewahrt habe. 1989 trat Kopp vorzeitig zurück.

Immer wieder beschweren sich freisinnige Frauen, bei Wahlen über­gangen zu werden. Zuletzt bei der Wahl von Ignazio Cassis in den Bundesrat. Doch aus ihrer Empörung wird nie Aktion. Warum nicht?
Die FDP-Frauen vertreten das liberale Credo: «Wer sich nur genug anstrengt, der schafft es auch.» Wenn eine Frau einen Posten also nicht bekommt, ist sie quasi selber schuld. Die freisinnigen Frauen lehnten deshalb auch parteiinterne Quoten lange ab. Mit Quoten würde dann nicht mehr die beste Person gewählt, so argumentierten sie.

Gleichzeitig haben diese Frauen immer wieder erlebt, dass sie, selbst wenn sie sich noch so reinknien, die männlich dominierten FDP-Strukturen nicht durchbrechen können. Das ist der Grundwiderspruch der freisinnigen Frauen. Und ja, es ist schon verwunderlich, wie beharrlich sich dieses Muster hält. Das hat die Cassis-Wahl gezeigt.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass das anpasserische Verhalten der bürgerlichen Frauen die Macht der Männer zementieren geholfen habe.
Genau. Sie haben sich lange geduldig gezeigt und wenig Kritik geübt. Doch die Geschichte zeigt, Geduld bringt den Frauen keine Rosen. Und seit es Frauenorganisationen gibt, können sich die Parteimänner noch besser aus der Affäre ziehen: Sie schieben die Zuständigkeit für die Gleichstellung einfach an die Frauen ab. Beklagen sich die Frauen, dass es nicht vorwärtsgehe mit der Frauen- und Gleichstellungspolitik, sagen die Männer: Ihr seid selber schuld, wenn ihr das nicht hinbekommt. Immer wenn Frauen im Freisinn Kritik an der Partei übten, wurden sie mundtot gemacht mit dem Argument, sie seien zu links. Das zeigt, in welch schwieriger Lage sich die Frauen befanden.

Etwas mutiger waren die CVP-Frauen, sie forderten früher als die freisinnigen Frauen parteiinterne Quoten. Warum?
Das hatte auch mit der Person von CVP-Frauenpräsidentin Ruth Grossenbacher zu tun. Unter ihr wurde 1991 die Quote eingeführt. Damals herrschte in der Schweiz ein gleichstellungspolitischer Aufbruch: Es gab den Frauenstreik, die Frauensession im Parlament und zwei Jahre später den Skandal um die Nichtwahl von Christiane Brunner. Auch die CVP-Frauen mussten nach zwanzig Jahren Frauenstimmrecht feststellen: Die Frauenanteile im Parlament, in den Parteien und politischen Gremien sind immer noch sehr niedrig. Sie erkannten: Wir müssen handeln.

Vom Brunner-Skandal haben auch die bürgerlichen Frauen stark profitiert.

Aber eigentlich hatten die CVP-Frauen doch schlechtere Voraussetzungen als die freisinnigen Frauen. In der CVP herrschte ein konservativeres Frauenbild: «Küche, Kinder, Kirche».
Ja, aber in diesem Frauenbild lebt auch das Bild der Mutter – und das ist positiv besetzt. In dieser vom Katholizismus geprägten Vorstellung braucht es für eine gute Gesellschaft auch das Element der Fürsorge, das Frauen zugesprochen wurde. Dadurch stand den Frauen bei der CVP ein gewisser Spielraum offen.

Die CVP hatte ja auch wirklich ein paar sehr beeindruckende «Mütter», aber mit Haaren auf den Zähnen. Etwa die erste Ständeratspräsidentin Josi Meier. Oder Judith Stamm, die ohne die Unterstützung ihrer Partei 1986 wild für den Bundesrat kandidierte. Leider kommen sie im Buch nicht vor. Weshalb nicht?
Sie fehlen, weil das den Umfang meines Buches gesprengt hätte. Aber Sie haben recht, es gab in der von mir untersuchten Zeit ein paar sehr mutige, engagierte und auch pointierte CVP-Politikerinnen. Sie hatten es nicht einfach und dennoch: sie blieben auf ihren Posten.

1983 kandidierte die SP-Frau Lilian Uchtenhagen als erste Frau für den Bundesrat. Ohne Erfolg. Es gab aber keinen Aufstand. Zehn Jahre später bei der Nichtwahl von Christiane Brunner schon – und wie! Was hatte sich verändert?
Es gab bei Uchtenhagen schon auch Protest, aber nicht in diesem Ausmass. Zehn Jahre später hatte sich die Stimmung in der Gesellschaft geändert. Bereits im Vorfeld der Nichtwahl von Brunner spielten ihre Gegner auf die Frau. Sie veranstalteten eine grosse Schlammschlacht, weil Brunner in einer Patchwork-Familie lebte, weil sie Feministin war und weil sie ganz einfach nicht dem Frauenideal des männlich und bürgerlich dominierten Parlaments entsprach. Man griff sie auf eine ganz primitive Art und Weise an. Das empörte viele: dass dies am Ende des 20. Jahrhunderts immer noch möglich war! Und diese Em­pörung entlud sich dann in Massen­protesten. Bis weit ins bürgerliche Lager ­hinein zeigten sich Frauen solidarisch mit der Gewerkschafterin und SP-Frau.

Brunner ging ans Herz, sie hatte die Ausstrahlung einer Edith Piaf. Sie kam von unten und hat viel gelitten. Sie bot halt auch viel Identifikationsfläche.
Das stimmt, sehr viele Frauen haben sich mit ihrem Schicksal identifiziert. Die Ohrfeige, die sie mit ihrer Nichtwahl bekam, war für viele Frauen eine Ohrfeige. Es gibt übrigens ein Archiv mit Briefen, die Christiane Brunner damals erhalten hatte, die zeigen genau das.

Sie haben den Brunner-Skandal auch als Wendepunkt für FDP und CVP bezeichnet. Inwiefern?
Weil endlich etwas sagbar wurde: die ungleiche Machtverteilung zwischen Mann und Frau. Endlich konnten sich auch bürgerliche Frauen einer breiten Empörung anschliessen. Wenn Zehntausende Menschen auf der Strasse protestieren, ist das einfacher. Viele bürgerliche Frauen traten damals aus Protest aus der Partei aus, während die SP enormen Mitgliederzuwachs verzeichnen konnte. Bürgerinnen und Bürger drohten aus Protest mit einem Steuerboykott. Die Schweiz bebte. Und da merkten auch die Parteileitungen von FDP und CVP: Ui, hier passiert etwas. Sie schufen daraufhin zusätzliche Stellen für Gleichstellungs- und Frauenanliegen.

Dann haben also die Frauen von aussen den Frauen in den Parteien den Weg geebnet?
Ja, so ist es. Vom Brunner-Skandal haben auch die bürgerlichen Frauen stark profitiert. Etwa bei den Wahlen in den drauffolgenden Jahren. Auf nationaler Ebene ist der Frauenanteil seit damals in der Tendenz gestiegen. Allerdings geht er im Ständerat seit 2003 wieder zurück und ist aktuell auf den Stand von Ende der 1990er Jahre gefallen.

Es gab in der CVP ein paar sehr mutige, engagierte Politikerinnen.

Wohin geht die Reise heute? Vorwärts oder rückwärts?
Die Tendenzen sind gegensätzlich: Einerseits gibt es Errungenschaften, beispielsweise auf juristischer Ebene. Ich denke dabei an den Gleichstellungsartikel in der Bundesverfassung oder an das neue Eherecht. Auch im Bezug auf Bildung und Stellung der Frauen auf dem Arbeitsmarkt wurden grosse Fortschritte gemacht. Andererseits bleibt noch viel zu tun. Lohnungleichheit, Sexismus, Untervertretung von Frauen in Wirtschaft und Politik sind nur einige Stichworte. Teilweise gibt es sogar Rückschritte wie beispielsweise sinkende Frauenanteile in der Politik oder das Aufkommen von traditionalistischen Frauenbildern, die wieder die Hausfrauenrolle idealisieren.

Womit wir bei der grossen Abwesenden in Ihrem Buch wären. Warum fehlt die SVP?
Ganz einfach: Die SVP ist die einzige Regierungspartei, die kein öffentlich zugängliches Archiv hat. Ich konnte sie deshalb also nicht berücksichtigen.

Aber ohne die SVP, das gibt doch ein Zerrbild der Realität. Die SVP war gegen das neue Eherecht, gegen die Mutterschaftsversicherung usw. Die frauenfeindlichste aller Parteien darf doch nicht fehlen!
Man muss berücksichtigen, dass die SVP im Zeitraum, auf den sich meine Untersuchung konzentriert, noch nicht die heutige Grösse und Bedeutung hatte. Sie war damals die kleinste unter den vier Regierungsparteien. Es gibt übrigens ein Forschungsprojekt, das den Umgang der SVP mit Frauen bei Wahlen untersucht. Die Partei hat den Forschenden den Zugang zu den Dokumenten inzwischen aber wieder entzogen.


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