Anne-Sophie Zbinden, Chefredaktorin

Beitrag vorlesen lassen.
0:00 / 4:12
Anne-Sophie Zbinden, Chefredaktorin

Der Kniff ist so beliebt wie gefährlich: Rechte bis Rechtsextreme ernennen gerne Sünden­böcke. Und bieten für echte Probleme die ­primitivste aller Erklärungen: Die Sündenböcke sind schuld an allem – hohe Mieten, hohe Krankenkassenprämien, Staus … Die beliebtesten Sündenböcke sind «die Ausländer». Es können aber auch Linke, Feministinnen oder der ­Klimaschutz sein. Dieses Heraufbeschwören eines «Wir» und «die Anderen» ist so simpel wie falsch.

Bergsport

Denn auf «die Anderen» ist der Fingerzeig recht einfach. Schwieriger wird es beim «Wir». Welches «Wir» will denn die zur Banker- und Milliardärspartei mutierte SVP zelebrieren? Als einstige Bauernpartei vielleicht das Schweizer Bauernidyll? Fehl­anzeige. Bäuerinnen und Bauern gehören mit einem Anteil ­von 2,5 Prozent der ­erwerbstätigen Bevölkerung schon fast zu den schützenswerten Minderheiten. Die klassische Kleinfamilie beim Wandern? Leider nein. Rund 40 Prozent aller Ehen werden geschieden. Ach ja, das Wandern! Eine ganz und gar unschweizerische Erfindung. Den Bergsport brachten die Briten. Der mausarmen Schweizer Bergbevölkerung wäre es nicht im Traum in den Sinn gekommen, sich aus Spass den ­Gefahren der Berge auszusetzen.

Ovomaltine

Dann sind «wir» aber doch ­bestimmt das Land der Uhren und der Schokolade? Mag sein, aber auch das gäbe es nicht ohne Migration. Die Uhren-Manufaktur ­brachten die protestantischen Flüchtlinge (Hugenotten) in die Schweiz. Die heute welt­bekannte Marke Swatch hat via Gründer­familie Hayek libanesische Wurzeln. Der Erfinder der für die Schoggiherstellung zentralen Conchiermaschine, Rodolphe Lindt, hatte einen ­deutschen Vater. Die Milchschoggi entstand in Zusammenarbeit mit dem Kondensmilch­Produzenten Henri Nestlé, der aus Deutschland stammte. Aber dann sind «wir» doch sicher die Ovomal­tine? Nein, auch die ist ein Kind der Migration. Der Papa des Ovo-Erfinders Albert Wander stammte aus Deutschland.

Hellebarde

Aber, könnte man jetzt die SVP flehen hören, dann lasst uns doch wenigstens die Hellebarde! Klar, geschenkt. Aber auch die hat mit Migration zu tun, wenn auch mit umgekehrten Vorzeichen. War sie doch die bekannteste Waffe der Schweizer Söldner, die für fremde Vögte ihr Leben liessen. Heute dient sie Schweizern in ausländischem Dienst als Folklore, nämlich der Schweizergarde im Vatikan.

A propos Vatikan: Sind «wir» wenigstens im Glauben vereint? Nein. In der Sprache? Der Kultur? Auch hier weit und breit kein «Wir». Die Schweizer Fussball-Nati? Ohne Migration keine Elf. Die Pizzeria im Quartier, die Dönerbude um die Ecke? Ohne Migration: Fehl­anzeige.

Wir

Das «Wir», das die SVP angeblich vor den «Anderen» verteidigen will – aktuell mit der Initiative gegen eine «10-Millionen-Schweiz» – gibt es schlichtweg nicht. Wie es auch die «Anderen» so, wie sie die SVP gerne hätte, nicht gibt. Sie braucht aber ein Feindbild, um die Gesellschaft zu spalten, zu schwächen und damit sich und ihre Klientel zu ­stärken. Doch das echte, vielfältige «Wir» ist hoffentlich stärker: «Wir», das sind meine Nachbarin, dein Freund, unsere Coiffeuse, ihr Pfleger, unsere Ärztin, meine Freundin.

Schreibe einen Kommentar

Bitte fülle alle mit * gekennzeichneten Felder aus.