work-Reportage
Luxusautos und Laborfleisch in der früheren Maggi-Fabrik

Die frühere Maggi-Fabrik in Kemptthal ZH entwickelt sich zu einem neuen ­Zentrum der Lebensmittelindustrie. Ein ­israelisches Start-up züchtet Laborfleisch, und die Schweizer Firma Planted ­produziert ­Fleischersatzprodukte. Dem eigenen ­Anspruch nach sozialer Nachhaltigkeit wird Planted allerdings nicht ganz gerecht.

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INDUSTRIE-FLAIR IM BACKSTEINLOOK: Unter dem Namen «The Valley» hat sich das ehemalige Maggi-Areal in einen Ort für Start-ups und ­Veranstaltungen verwandelt. (Foto: ISC)

Wer am Bahnhof Kemptthal zwischen Zürich und Winterthur aussteigt, erkennt sofort das industrielle Flair des Ortes: Entlang der Bahnlinie erstrecken sich über 800 Metern verschiedenste Fabrikbauten im typischen Backsteinlook. Auch einer der vielen Schornsteine hat überlebt, und alte Gleisspuren erinnern an die Zeit, als die Maggi-Fabrik mit 2000 Mitarbeitenden Bouillonwürfel, Fertigsuppen, Knöpfli und Maggi-Sauce produzierte (siehe Text unten). Damals hing Rauch und Gewürzgeruch über dem engen Tal. Heute ist die Luft rein, es rauscht nur die nahe gelegene Autobahn.

Martin Ebner kauft «The Valley»

Der Standort wird jetzt unter dem Titel «The Valley» vermarktet und ist seit kurzem im Besitz der Immobilienfirma Intershop des Finanzspekulanten Martin Ebner (80). Das historische Areal hat sich in den letzten Jahren von einer stillgelegten Lebensmittelfabrik zu einem Start-up- und Veranstaltungsort gewandelt. Insgesamt haben sich 150 Firmen mit 1200 Mitarbeitenden im «Valley» niedergelassen. Und es sind nicht nur hippe Sushilokale, Fitnessstudios und Händler von Luxusautos, die das Industrieareal neu beleben. Auch die Lebensmittelindustrie ist zurück. Seit 2021 produziert die Schweizer Firma Planted hier ihre Fleischersatzprodukte. Und 2025 ist auch das israelische Unternehmen Aleph Farms eingezogen und baut in «The Cultured Hub», einem Konsortium von Migros Industrie, Givaudan und Bühler, eine Produktionsstätte für Laborfleisch auf.

Frustrierte Planted-Mitarbeitende

Im «Planted Bistro», das sich am Hauptplatz des Fabrikareals befindet, erlaubt ein grosses Fenster Einblick in die Produktionsanlagen von Planted. Das vegane Güggeli und den Kebab kann man hier mit gutem Gewissen essen, zumindest was Klimaschutz und Tierwohl anlangt. Bei den Arbeitsbedingungen ist die Situation allerdings weniger transparent. Planted beschäftigt 46 Mitarbeitende in der Produktion und etwa 100 Personen in den Büros am Hauptsitz. Auf der Bewertungsplattform Kununu äusserten sich in den letzten Monaten mehrere Mitarbeitende kritisch über die Arbeitsbedingungen. Ein Mitarbeiter schreibt:

Wir sind echt frustriert und wütend, vielen langjährigen Mitarbeitenden wurde gekündigt, und die Unsicherheit ist seit zwei Jahren hoch. Was Lohn und Boni anlangt, herrscht totale Willkür.

Ein anderer ehemaliger Mitarbeiter schreibt: «Planted sollte lernen, dass sie nach sieben Jahren kein Start-up mehr sind. Die Bezahlung ist schlecht, es gibt keinen 13. Monatslohn und auch sonst fast keine Benefits mehr.»

Kein Interesse an GAV

Die Mediensprecherin von Planted sagt zu den Vorwürfen: «In den letzten zwei Jahren sind wir stark gewachsen, haben neue Standorte aufgebaut und in verschiedenen Bereichen neue Mitarbeitende eingestellt, während es in anderen Bereichen zu Fluktuation gekommen ist.» Zu den Löhnen sagt sie: «Wir stellen sicher, dass unsere Löhne in der Produktion marktgerecht, wettbewerbsfähig und im Einklang mit den geltenden gesetzlichen sowie branchenüblichen Standards sind. Darüber hinaus achten wir darauf, unseren Mitarbeitenden faire und transparente Anstellungsbedingungen sowie ein sicheres Arbeitsumfeld zu bieten. Konkrete Lohnzahlen können wir derzeit aber nicht kommunizieren.»

Die Unia Zürich-Schaffhausen wollte sich auch schon mit dem Planted-CEO Pascal Bieri treffen, um über eine Sozialpartnerschaft zu sprechen. Bisher gibt es von Planted aber kein Interesse für eine Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft und einen Firmen-GAV.


Maggi: Sozialpionier und Grosslieferant der Wehrmacht

Maggi war die grösste Nahrungsmittelfabrik des Kantons Zürich und hatte einen guten Draht zu den Nazis. Der frühere Klassiker der Schweizer Küche ist heute insbesondere in afrikanischen Ländern beliebt.

FABRIKALLTAG: Blick in die Verpackungsabteilung von Maggi in Kemptthal im Jahr 1945. (Foto: Keystone)

Michael Maggi (1807–1881) kam 1828 als politischer Flüchtling aus Italien in die Schweiz, war Müller in Frauenfeld und kaufte 1861 die Mühle im zürcherischen Kemptthal. Sie hatte einen sehr vorteilhaften Standort, denn sie lag direkt an der neu eröffneten Eisenbahnlinie ­Zürich–Winterthur. Maggis Sohn Julius (1846–1912) übernahm 1868 den Betrieb und gründete die Kollektivgesellschaft «J. Maggi & Cie». 1883 produzierte die Fabrik aus Bohnen und Erbsen erstmals ein Fertigsuppe und entwickelte sich in den Folgejahrzehnten zur wichtigsten Nahrungsmittelfabrik und einem der grössten Arbeitgeber des Kantons Zürich. Die Firma expandierte und eröffnete auch ein Werk in der süddeutschen Stadt Singen, wo bis heute Bouillon produziert wird.

Streikschlichter

Das Unternehmen war aber nicht nur Pionier für Fertig­suppen, sondern auch bei den Sozialleistungen. Maggi betrieb Kantinen, baute Arbeiterwohnungen und führte eine Betriebskrankenkasse, Witwen- und Altersrenten sowie 1906 den freien Samstag ein. Julius Maggi vermittelte bei einem Streik in Singen im Jahr 1907 erfolgreich zwischen der Geschäftsleitung und der Arbeiterschaft. 1912 gelang in Singen der Abschluss des ersten Tarifvertrags in der deutschen Ernährungsindustrie. Durch gute Beziehungen zu den Nazis erhielt die Maggi Holding im Zweiten Weltkrieg einen Exklusivvertrag zur Belieferung der Wehrmacht. Während der Kriegsjahre gingen etwa zwei Drittel der Maggi-Produktion an die Wehrmacht. Die Fusion mit Nestlé im Jahr 1947 sollte auch das Nazi-Image beseitigen.

Im Jahr 2002 verkaufte Nestlé das Maggi-Areal in Kemptthal an den Duftstoffkonzern Givaudan. Maggi produziert für Nestlé weiterhin weltweit in zahlreichen Fabriken in Asien, Afrika, Amerika und Europa. Insbesondere in West- und Zentralafrika werden die Maggi-­Gewürzwürfel täglich als Grundnahrungsmittel verwendet. Durch das ehemalige Maggi-Industrieareal in Kemptthal führt heute auch der Kemptweg bis nach Illnau. An 20 Stationen lässt sich die Industriegeschichte des Kempttals entdecken: vom Liebstöckel, das bei den Leuten als «Maggikraut» bekannt war, über die Wohn­kolonie bis zum «Paradies», wo früher die Badehäuschen der Arbeiterinnen und Arbeiter an der Kempt standen.

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