Gewerkschafterin Medici über ungesunde Arbeitsplätze
«Arbeitgeber verstecken sich hinter falschen Behauptungen»

Immer mehr Lohnabhängige chrampfen sich krank. Und viele Kranke können es sich nicht leisten, zu Hause zu bleiben. Für SGB-Co-Sekretariatsleiterin Gabriela Medici ist klar: Nicht angeblich verweichlichte Beschäftigte sind das Problem, sondern krank machende Arbeitsbedingungen.

ARBEITGEBER MÜSSEN VERANTWORTUNG ÜBERNEHMEN: Das fordert Gabriela Medici. (Foto: Keystone)

work: Gabriela Medici, blicken wir zuerst auf die Ausgangslage: Die Krankheitsabwesenheiten am Arbeitsplatz steigen dramatisch und liegen mittlerweile rund 80 Millionen Stunden über dem Niveau der Jahre vor der Pandemie. Warum ist diese Entwicklung so besorgniserregend?
Gabriela Medici: Weil sie fast jeden Betrieb in der Schweiz betrifft. Und weil sowohl die kürzeren als auch die Langzeitabsenzen zugenommen haben. Besonders problematisch ist, dass eine lange Arbeitsunfähigkeit die Erkrankung oft noch verschlimmert. Je länger Menschen krank geschrieben sind, desto höher ist das Risiko für Kündigungen, eine Verschlimmerung des Gesundheitszustands und letztlich für eine Invalidisierung. Die Pensionskassen haben im vergangenen Dezember darauf hingewiesen, dass die Wahrscheinlichkeit, invalid zu werden, seit 2020 über alle Altersklassen hinweg um rund 10 Prozent zugenommen hat. Bei den Versicherten unter 40 Jahren ist der Anstieg sogar noch deutlicher.

Gibt es Branchen oder Berufsgruppen, die besonders stark betroffen sind?
Solide Zahlen zu den genauen Gründen und zur Dauer der Absenzen sind zwar nur begrenzt vorhanden. Doch Umfragen zeigen seit Jahren deutliche Unterschiede nach Branchen und Qualifikationsniveau. Arbeitnehmende im Verkauf, in Dienstleistungsberufen, Bedienerinnen und Bediener von Maschinen sowie Hilfsarbeitskräfte sind doppelt so häufig krank wie Personen in akademischen Berufen und Führungskräfte. Und die ausgewiesenen Krankheitsabsenzen sind nur die Spitze des Eisbergs.

Was meinen Sie damit?
Das Stichwort heisst Präsentismus. Sehr viele Arbeitnehmende arbeiten trotz gesundheitlichen Beschwerden weiter. Die Produktionsverluste, die dadurch entstehen, werden als fast doppelt so hoch eingeschätzt wie die eigentlichen Kosten der Absenzen: Während Absentismus rund 18,6 Milliarden Franken kostet, schlägt Präsentismus mit geschätzten 33,7 Milliarden zu Buche. Dazu kommt: Wer krank arbeitet, steckt andere an und riskiert, dass die Krankheit chronisch wird. Verstärkt wird das durch Homeoffice und Smartphones, denn E-Mails und Whatsapp-Nachrichten lassen sich heute von überall beantworten, auch krank im Bett.

Wer trägt denn die Kosten dieser Entwicklung?
Vor allem die Kranken selbst. Wer krank geschrieben ist, bekommt über die Krankentaggeldversicherung in der Regel nur 80 Prozent des Lohns. Zudem haben viele Arbeitgeber in den letzten Jahren Karenztage eingeführt oder deren Anzahl erhöht. Das bedeutet: Tage ganz ohne Lohnersatz. Auch darum arbeiten viele Leute trotz Beschwerden weiter, weil sie es sich schlicht nicht leisten können, zu Hause zu bleiben und sich auszukurieren. Das Ausmass der Lohneinbussen wird bis heute statistisch nicht einmal systematisch erhoben. 20 Prozent weniger Lohn oder noch mehr ist für viele Haushalte existentiell, aber niemand misst es.

Die Arbeitgeberseite argumentiert, die Ursache für die steigenden Krankheitsabsenzen liege nicht an den Arbeitsbedingungen, sondern unter anderem an Ärztinnen und Ärzten. 
Das ist ein reines Ablenkungsmanöver. Anstatt Verantwortung für die angespannte Lage zu übernehmen, verstecken sich die Arbeitgeber hinter solchen Behauptungen. Dabei ist völlig klar, was nötig wäre: die Einhaltung von Arbeits- und Ruhezeiten, verlässliche Dienstpläne, eine ausreichende Personalplanung und die Reduktion von Zeitdruck. Genau in diesen Bereichen ist die Lage für viele Beschäftigte extrem angespannt.

KRANK SEIN KÖNNEN SICH NICHT ALLE LEISTEN: Gabriela Medici prangert das System an. (Foto: Keystone)

Wie steht die Schweiz im internationalen Vergleich da?
Nicht gut. Die Hälfte der Schweizer Unternehmen gibt an, dass Zeitdruck in ihrem Betrieb ein psychosoziales Risiko darstelle. Das ist mehr als im EU-Durchschnitt. Fast 30 Prozent sehen ein Risiko in langen oder unregelmässigen Arbeitszeiten, auch das ist deutlich mehr als in der EU. Auf Seiten der Beschäftigten musste 2021 über ein Drittel in der Freizeit arbeiten, um die Arbeitsanforderungen überhaupt zu erfüllen. Und rund die Hälfte musste die Arbeitszeiten kurzfristig auf Wunsch des Arbeitgebers ändern. Diese ständige Erreichbarkeit und die Konflikte zwischen Arbeit und Privatleben führen nachweislich zu einem schlechteren Gesundheitszustand. Die Gesundheit leidet übrigens besonders stark, wenn berufliche Anforderungen das Privatleben beeinträchtigen, weit mehr als umgekehrt.

Das Schweizer Arbeitsrecht verlangt ausdrücklich, dass der Arbeitsablauf so gestaltet sein muss, dass Gesundheitsgefährdungen vermieden werden. Warum genügt die Praxis oft nicht?
Weil die gesetzlich vorgeschriebene systematische Analyse der Arbeitsbedingungen massiv vernachlässigt wird. Gerade einmal 46 Prozent der Schweizer Firmen führen regelmässig Risikobeurteilungen durch. Das ist der tiefste Wert in ganz Europa, im EU-Schnitt sind es 77 Prozent. Schweizer Unternehmen greifen seltener Massnahmen zur Stressprävention und ziehen deutlich seltener Arbeitsmedizinerinnen und -mediziner zu Rate als Betriebe in der EU. Dabei ist die arbeitspsychologische Forschung eindeutig: Strukturelle Massnahmen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen sind wirksamer als Appelle an das individuelle Verhalten oder Stressmanagement-Kurse. Viele Betriebe setzen aber genau auf letzteres. Sie schieben damit die Verantwortung auf die Beschäftigten ab.

Das Arbeitsgesetz wirkt also vor allem auf dem Papier gut? 
Das Arbeitsgesetz wird schlicht nicht konsequent vollzogen. Gemessen an der Anzahl der Unternehmen mit mehr als drei Angestellten, werden Firmen von den kantonalen Arbeitsinspektoraten heute im Schnitt alle 20 Jahre kontrolliert. In den letzten Jahren wurden pro Jahr durchschnittlich gerade einmal 40 Unternehmen gebüsst, weil sie die Arbeitszeiten nicht einhielten. Im Bereich des Gesundheitsschutzes waren es noch weniger. Weit weniger zurückhaltend sind dieselben Behörden hingegen bei der Bewilligung von Nacht- und Sonntagsarbeit. Die Ausnahmebewilligungen liegen heute auf einem deutlich höheren Niveau als vor 15 Jahren. Und der Bundesrat hat im letzten Jahrzehnt mehr als 20 Änderungen der Arbeitsgesetzverordnung beschlossen, wodurch entscheidende Schutzbestimmungen laufend ausgehöhlt wurden.

Sie haben im Februar an der SGB-Jahresmedienkonferenz gesagt «Arbeitsbedingungen, die krank machen – 2026 muss sich das ändern». Was muss passieren, damit die Arbeit weniger krank macht? 
Die Verantwortung liegt primär bei den Arbeitgebern. Diese müssen ihre Pflichten endlich wahrnehmen. Konkret heisst das: ausreichend Personal, ergonomische Arbeitsplätze, strikte Einhaltung der Arbeits- und Ruhezeiten und eine Planung der Arbeitszeiten unter Einbezug der Beschäftigten. Wir fordern ausserdem die Offenlegung der Präventionsbudgets, systematische Risikobeurteilungen und verbindliche strukturelle Massnahmen. Diese müssen gemeinsam mit den Mitarbeitenden erarbeitet werden, nicht von oben verordnet. Parallel dazu braucht es eine Vollzugsoffensive der Behörden. Die Kantone müssen genügend Arbeitsinspektorinnen und -inspektoren einstellen, um Betriebe künftig alle zwei Jahre zu kontrollieren. Wer seine Pflichten nicht erfüllt, muss sanktioniert werden. Und das Seco sowie die Kantone müssen ihre Bewilligungspraxis für Nacht- und Sonntagsarbeit transparent publizieren, das heisst einschliesslich Angaben darüber, wie viele Beschäftigte in welchen Branchen betroffen sind.

Im Parlament passiert aktuell das Gegenteil: Die bürgerlichen Parteien fordern unter anderem 17-Stunden-Arbeitstage und noch mehr bewilligungsfreie Sonntagsarbeit. Wie passt das zusammen?
Die Absenzen steigen, die Invaliditätswahrscheinlichkeit nimmt zum ersten Mal seit 20 Jahren wieder zu, und das Parlament diskutiert ernsthaft, den Schutz der Gesundheit der Arbeitnehmenden weiter zu schwächen: Das passt überhaupt nicht zusammen! Die Gewerkschaften bekämpfen diese Verschlechterungen entschieden. Wenn nötig auch mit Referenden.

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