90 Jahre Spanischer Bürgerkrieg
Maurer Attilio Campi: Von Franco-Schergen kaltblütig erschossen

Er galt lange Zeit als verschollen. Doch jetzt ist klar: Franco-Schergen haben den Maurer Attilio Campi aus dem Aargau 1936 kaltblütig ermordet. Das hat ein Verwandter herausgefunden.

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JUGEND IN DER SCHWEIZ: Der junge Attilio Campi (1908–1936) im Jahr 1920 im Alter von 12 Jahren. (Foto: zvg)

Warum kämpfte der 28jährige Maurer Attilio Campi als Freiwilliger gegen Franco im Spanischen Bürgerkrieg (1936–1939)? Und wie kam er dort um? Diese Fragen liessen den ehemaligen Kreuzlinger Sozialamtschef Alfred Saam (77) aus Arbon TG nicht mehr los: «Ich wollte wissen, was wirklich geschehen ist.» Attilio ist ein Onkel von Saams Frau und Unia-Mitglied Claudia Campi. In der Familie sei kaum darüber gesprochen worden. Immer lag ein Schleier über dem Tod von Attilio. Jetzt kam die brutale Wahrheit ans Licht. 

SIE WISSEN, WAS GESCHAH: Alfred Saam und Claudia Campi in ihrem Heim in Arbon TG. (Foto: Ralph Hug) 

Flucht vor dem Geheimdienst

Grossvater Campi war um 1900 aus der italienischen Provinz Varese als Maurer in die Schweiz eingewandert. 1908 geboren, wuchs Attilio im aargauischen Gränichen in einer sozialdemokratischen Arbeiterfamilie auf. Er jobbte als Maurer und hatte sieben Geschwister. Sie waren arm – und links. Als Büezer wussten sie, wo die Macht liegt. Attilio war ein guter Handwerker, aufmüpfig und ging keinem Streit aus dem Weg. 
 
1935 wies ihn die Schweiz wegen Bagatelldelikten aus. Man wollte offensichtlich einen missliebigen Migranten los werden. Vermutlich war dies der Grund für seine Politisierung und seine Annäherung an die Kommunistische Partei. Er wurde zum Mussolini-Gegner und musste damit rechnen, in die Fänge der faschistischen Polizei zu geraten. Mussolinis Geheimdienst Ovra schrieb ihn zur Verhaftung aus. Da bot sich plötzlich Spanien an. Als rechtsextreme Generäle im Sommer 1936 gegen die junge Republik putschten, eilten Tausende von antifaschistischen Freiwilligen nach Spanien. Auch Attilio. Er fuhr mit seinem Büezerkollegen Arturo Mignani Richtung Süden. Auch Mignani war Maurer und stammte aus der Region Varese.

Brigadist in Spanien

So wurde der 28jährige Attilio Brigadist. Er kam in die XIV. Internationale Brigade, wo viele Italiener dienten. Als «Commandante di Sezione» führte er bei den Kämpfen in Südspanien einen Zug an. Was dann im Dezember 1936 in der Nähe von Córdoba passierte, war lange unklar. Doch Afred Saam wollte genau wissen, was damals mit dem Onkel seiner Frau geschah: Er reist nach Spanien, klopft Archive ab und kontaktiert Fachleute wie Professor Francisco Moreno Gómez, einen örtlichen Historiker. Attilio war in der 1. Kompanie des 9. Bataillons eingeteilt. Dieses sollte an der Front am Berg Cerro de la Nava bei Córdoba die franquistischen Truppen zurückdrängen. Doch sie gerieten in einen Hinterhalt. Attilio kam mit vierzig anderen Kämpfern ins Provinzgefängnis. 

An die Wand gestellt

Die Akten zeigen nun, dass die Gefangenen an die Guardia Civil überstellt wurden, Francos faschistische Polizei. Die machte kurzen Prozess: Sie stellten alle im Friedhof San Rafael an die Wand, erschossen und verscharrten sie. «Ein weiterer Beweis für Francos Kriegsverbrechen», urteilt Professor Moreno. Der Historiker engagiert sich wie viele andere gegen das Beschweigen und Vergessen der Vergangenheit. Denn reaktionäre Kräfte wollen 90 Jahre nach dem Bürgerkrieg noch immer jede Aufklärung über den franquistischen Massenmord verhindern. Immerhin: Auf dem erwähnten Friedhof steht jetzt eine Tafel mit den Namen derer, die für Freiheit und Demokratie ihr Leben liessen. Unter ihnen: Attilio Campi aus der Schweiz.

SIE KÄMPFTEN FÜR DEMOKRATIE: Alfred Saam zeigt im Friedhof von Córdoba auf eine Ehrentafel, auf der auch der Name von Attilio Campi eingraviert ist. (Foto: Joe Brägger)

Der Spanische BürgerkriegEin Schlüsselereignis des 20. Jahrhunderts

Italien faschistisch, Deutschland faschistisch, Portugal und Österreich ebenso: So bedrohlich sah es 1936 in Europa aus. Und jetzt auch noch Spanien? Nein, das darf nicht sein! Als reaktionäre Generäle, unter ihnen Francisco Franco, am 17. Juli 1936 die erst fünf Jahre alte spanische Demokratie wegputschen wollten, war das für Antifaschistinnen und -faschisten in aller Welt ein Signal: zu den Waffen! In Spanien begann der erste grosse bewaffnete Kampf gegen den Faschismus. 

GEGNER DER DEMOKRATIE: General Franco (mitte) mit General Cavaleanti (links) und General Mola (rechts) am 1. Oktober 1936. (Foto: Keystone)

Kämpfende Gewerkschafter

Ungefähr 35'000 Freiwillige aus mehr als fünfzig Ländern eilten nach Spanien, um die Republik zu unterstützen. Viele auf heimlichen Transportwegen, die die Kommunistische Internationale (Komintern) organisiert hatte. Es kamen aber Leute aus verschiedensten politischen Lagern, von Libertären und Sozialisten bis zu Liberalen, und sehr viele aus den Gewerkschaften und der Arbeiterschicht. Auch einige Frauen waren dabei. Sie kämpften in den Internationalen Brigaden, in den Kolonnen des legendären Anarchistenführers Buenaventura Durruti oder im republikanischen Heer gegen Franco. 

UNTERSTÜTZER IN DER SCHWEIZ: Demonstrierende halten am 1. Mai 1935 in Bern ein Transparent mit der Aufschrift «Kauft Nelken fuer die Spanienhilfe!» hoch. Mit dem Erlös dieser Verkaufsaktion wurden die republikanischen Kräfte in Spanien unterstützt. (Foto: Keystone)

40 Jahre Terror

In Katalonien brach nach dem Putsch eine soziale Revolution aus, die weiter ging als jede andere bisher bekannte. Doch nach drei Kriegsjahren, im Mai 1939, siegte der kleinwüchsige, brutale Franco aus Galicien. Er errichtete eine fast 40jährige Terrorherrschaft mit über einer halben Million Toten. Hitler und Mussolini hatten ihn massiv mit Waffenhilfe und Soldaten unterstützt. Die berüchtigte Legion Condor, die das Städtchen Guernica in Schutt und Asche legte, war nur ein kleiner Teil davon. Wohl noch wichtiger war, dass die europäischen Demokratien England und Frankreich Spanien im Stich liessen, indem sie ein Waffenembargo verhängten. Den konservativen Regierungen war der Faschismus lieber als ein «Sowjetregime», das sie ganz zu Unrecht in Spanien befürchteten. 

LANGE HERRSCHAFT: General Franco (rechts) und Prinz Juan Carlos (links) an einer Militärparade 1968 in Madrid. (Foto: Keystone)

Ganz unrühmlich die Schweiz: Sie anerkannte Franco noch während des laufenden Kriegs als neuen Staatschef Spaniens an, auf Betreiben von Bundesrat Giuseppe Motta, einem erklärten Mussolini-Fan. So war der Spanische Bürgerkrieg auch der Beginn des Zweiten Weltkriegs. Und gleichzeitig der Anfang eines langen antifaschistischen Kampfes, der bis heute andauert. 

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