Rechte Politiker wollen Anti-Mafia-Staatsanwalt stoppen. Der gibt nicht auf
Schreibt «Tod’s» unfreiwillig Geschichte?

Die Mailänder Staatsanwaltschaft jagt die Ausbeuter in den Lieferketten der Luxusmode. Unterdessen eilen rechte Politiker den Luxus-Konzernen zur Hilfe. Staatsanwalt Paolo Storari lässt sich nicht einschüchtern. Der Fall der Edel-Schuhmarke «Tod’s» zeigt seine neue Strategie exemplarisch.

GEGENWIND: Staatsanwalt Storari kämpft gegen Ausbeutung und gegen politischen Widerstand aus Rom.(Montage: work)

Zählt die Menschenwürde von Arbeitenden weniger, wenn sie nicht den teuren Luxusschuh nähen, sondern die Uniform der Verkäuferin? Auch um diese Frage kreisen die Mailänder Modeverfahren, die work in einer Serie nachzeichnete. Sie tönt auf den ersten Blick vielleicht nach Ethik-Diskussion oder Jus-Seminar. Doch sie stammt nicht aus einem Lehrbuch. Sie stammt aus einem konkreten Fall. Und der heisst Tod’s.

In den Mailänder Modeverfahren galt bisher eine klare Arbeitsteilung: Vor dem Strafrichter landeten die Betreiber der Hinterhoffabriken. Die Weltmarken kamen allenfalls unter gerichtliche Aufsicht. Doch Täterinnen waren Armani, Dior, Valentino, Loro Piana etc. im strafrechtlichen Sinn nie. «Bloss» Firmen, die schlampten und Ausbeutung zuliessen.

Zeitenwende im November

Seit dem 20. November 2025 ist das anders. An diesem Tag trägt die Mailänder Staatsanwaltschaft Tod’s als Unternehmen ins Register der Beschuldigten ein. Dazu namentlich drei Verantwortliche: Simone Bernardini, Mirko Bartoloni und Vittorio Mascioni. Laut italienischen Medienberichten sind sie zuständig für die Schuhproduktion, die industrielle Lieferkette und die Compliance. Der Vorwurf lautet «Caporalato», also illegale Arbeitsvermittlung und Arbeitsausbeutung. Und zwar nicht aus Schlamperei, sondern im Wissen um die lausigen Bedingungen für die Arbeitenden. Das Edel-Schuhhaus von Diego Della Valle ist berühmt für seine Noppen-Mokassins. Della Valle selbst ist nicht beschuldigt. 

Die Ermittler zählen 53 ausgebeutete Arbeitende in sechs Betrieben in den Provinzen Mailand, Pavia, Macerata und Fermo. Chinesische Migrantinnen und Migranten nähten dort Schuhoberteile für Tod’s und Uniformen für das Verkaufspersonal der Boutiquen. Stundenlohn: skandalöse 2,75 Euro. Bezahlt wurde teils pro genähtem Schuhoberteil, gearbeitet auch nachts und an Feiertagen, Weihnachten inklusive. Arbeitende schliefen in Räumen über der Fabrikhalle und mussten dafür rund 150 Euro Miete im Monat bezahlen, rund 55 Stundenlöhne.

Geprüft, gewarnt, weiterproduziert

Was diesen Fall von allen früheren unterscheidet: Die Warnsignale stammten aus Tod’s eigenem Kontrollsystem. Externe Prüfer, vom Unternehmen selbst beauftragt, meldeten bereits im Dezember 2023 gravierende Mängel bei einem Lieferanten in Monte San Giusto in der Region Marken. Ein Audit vom Mai 2024 hielt fest: Akkordlöhne, Bezahlung unter der Hälfte der GAV-Löhne, gestapeltes brennbares Material, entwürdigende Schlafräume. Als die Carabinieri zwischen November 2024 und Februar 2025 kontrollierten, fanden sie die Missstände immer noch vor. Im Oktober 2025 befragten die Ermittler den externen Auditor. Laut den Ermittlungsakten ignorierten die drei Manager die Ergebnisse von Audits bei 15 Lieferanten im Jahr 2023, bei 24 im Jahr 2024 und bei 28 im Jahr 2025.

Genau hier liegt der Kern des Verfahrens. Tod’s führt die Audits als Beweis an, dass es seine Kontrollpflicht erfüllte: Man habe die direkten Lieferanten regelmässig geprüft und vertraglich zur Einhaltung der Gesetze verpflichtet. Die Staatsanwaltschaft liest dieselben Papiere umgekehrt: als Beweis, dass die Zustände bekannt waren und trotzdem weiterproduziert wurde.

Das Werbeverbot

Tod’s-Gründer und -Hauptaktionär Della Valle wehrt sich lautstark. Die ethischen Werte seien «unsere Fahne», liess er ausrichten. Wer bei Tod’s von «Caporalato» rede, erzähle «eine Dummheit». Und überhaupt: Staatsanwalt Storari solle doch persönlich vorbeikommen und sich die Tod’s-Betriebe anschauen, bevor er urteile. Storari beantragte derweil eine neuartige Sanktion: Tod’s soll sechs Monate lang keine Produkte bewerben dürfen. Wie weit das Verbot reichen würde – alle Produkte, alle Kanäle, nur Italien? – ist öffentlich nicht bekannt. Verhandelt wurde darüber bis heute nicht abschliessend. Die erste Anhörung war auf den 3. Dezember 2025 angesetzt, wurde auf den 23. Februar 2026 verschoben und dann nochmals auf den 20. April. Storari war damit einverstanden. Denn Tod’s räumt auf: Trennung von vier Subunternehmen, externe Fachleute, überarbeitete Verfahren, Schulungen für das Einkaufs- und Kontrollpersonal. Alles Dinge, die der Konzern bis dahin zwar versprach, aber nie umsetzte, schienen jetzt plötzlich zu gehen. Am 20. April sollte der Richter beurteilen, ob das genügt. Doch er entschied, noch nicht zu entscheiden. Das Verfahren dauert an.

Zwei Verfahren, zwei Schauplätze

Der Fall läuft doppelspurig, und das sorgt für Verwirrung. Da ist erstens das Strafverfahren in Mailand gegen Tod’s und die drei Manager. Dorthin gehört auch das beantragte Werbeverbot. Dieses Verfahren läuft seit Oktober 2024 und ist nicht abgeschlossen. Und da ist zweitens das Präventionsverfahren nach Artikel 34 des Antimafia-Gesetzes: die Frage, ob Tod’s wie zuvor Loro Piana unter gerichtliche Verwaltung gestellt wird. In diesem Verfahren ist niemand beschuldigt. Hier verlor Storari eine Runde: Am 19. November 2025 entschied die Kassation, zuständig sei nicht Mailand, sondern Ancona, der zuständige Gerichtsstand für den Konzernsitz in der Region Marken.

Einen Tag später trug Storari Tod’s ins Register der Beschuldigten ein. Das Unternehmen jammerte prompt über das «beunruhigende Timing». Die Akten liegen nun bei der Staatsanwaltschaft Ancona. Ob sie die gerichtliche Verwaltung beantragt, ist offen. Klar ist: Der Kassationsentscheid war kein Freispruch. Er beantwortete nicht, was Tod’s wusste. Sondern bloss, welches Gericht das dereinst beurteilen darf.

Der Schutzschild aus Rom

Storaris Methode ärgert die Luxus-Konzerne enorm. In Rom fanden sie Verbündete. Zwei Senatoren der postfaschistischen Fratelli d’Italia wollten die grossen Marken per «Gütesiegel» von der Haftung für ihre Lieferketten befreien. Wer die «Filiera della moda certificata» vorweist, haftet nicht mehr dafür, was in den Werkstätten seiner Subunternehmer geschieht. Die Gewerkschaften nannten das Ding beim Namen: einen Schutzschild gegen Ermittlungen. Am 22. Oktober 2025 winkte der Senat die Vorlage durch. Es gab einen öffentlichen Aufschrei und einen Appell von über 40 Organisationen. Im Januar 2026 strich die Abgeordnetenkammer den Artikel wieder aus dem Gesetz.

Doch die Regierung Meloni brachte ein halbes Jahr später den Text wieder zurück. Dieses Mal als Einschränkung von Artikel 34 des Antimafia-Gesetzes, jener Norm also, auf die Storari sich stützt. Die Textilgewerkschaften erfuhren davon am 15. Juli 2026 am Modetisch im Wirtschaftsministerium, einen Tag vor Storaris Zugriff bei den neun Modehäusern. Sie nennen den Vorgang «extrem gravierend»(work berichtete).

Blaupause für Chanel & Co.?

Der Fall Tod’s erklärt auch, weshalb Storari am 16. Juli bei neun weiteren Modehäusern ausgerechnet die Auditberichte der letzten zwei Jahre einsammeln liess. Bei Tod’s machten die eigenen Audits aus dem Kontrollsystem ein Beweismittel: Der Konzern bestellte die Berichte als Schutzschild. Der Staatsanwalt Storari liest sie als (Ein-)Geständnis. Ob aus Chanel, Moncler, Bulgari und den anderen sechs Modehäusern neue «Fälle Tod’s» werden, entscheidet sich auch daran, welche Lesart sich vor den Gerichten durchsetzen wird.

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