Serie: Kampf gegen die Mailänder Mode-Mafia, Teil 3
Die Imperien schlagen zurück

In lombardischen Werkstätten stossen die Carabinieri auf chinesische Arbeiter ohne reguläre Verträge, Akkordlöhne und schwere Sicherheitsmängel. Von dort führen die Spuren direkt zu den Modekonzernen. Vor Gericht kassiert Staatsanwalt Paolo Storari eine Niederlage, dabei zeigt der Fall «Loro Piano», dass seine Methode wirkt. Doch die postfaschistische Regierung Meloni will ihm das schärfste Werkzeug aus der Hand schlagen.

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BEWEISE REICHEN NICHT: Die Ausbeutung steht fest. Die Profiteure bleiben verschont. (Montage: work)

Am 14. Juli fällt die Entscheidung. Das Mailänder Überprüfungsgericht (Tribunale del Riesame) lehnt die gerichtliche Kontrolle über die Modekonzerne Dama (Paul & Shark) und Alberto Aspesi definitiv ab. Storaris Rekurs gegen den Ermittlungsrichter, der seine Zwangsmassnahme gestoppt hatte (siehe Teil 2 dieser Serie), ist gescheitert.

Amtlich anerkannte Ausbeutung

Die Richter anerkannten in ihrer ausführlichen Begründung zwar unumwunden, dass die Betreiber der Werkstätten Menschen auf kriminelle Weise rekrutierten und ausbeuteten. Sie kamen jedoch zum Schluss, es gebe keine Beweise dafür, dass diese «kriminellen unternehmerischen Entscheidungen» der Subunternehmer «direkt auf ausdrückliche Anweisungen oder operative Entscheidungen der Auftraggeber» zurückgingen.

Selbst ein bei den Hausdurchsuchungen beschlagnahmtes Notizbuch der Werkstattbetreiber reichte den Richtern nicht als Beweis aus. In diesem Buch fanden sich detaillierte technische Produktionsanweisungen, Angaben zur Rechnungsstellung und die direkten Kontaktdaten zahlreicher Angestellter von Dama sowie einzelner Aspesi-Mitarbeiter. Für das Gericht fällt all dies jedoch in den normalen Rahmen einer Geschäftsbeziehung zwischen einem Auftraggeber und einem Zulieferer. Dass die Modehäuser die Ausbeutung aktiv dirigiert hätten, sei nicht bewiesen. Die Mitarbeitenden der Modemarken hätten vor Ort ausschliesslich das Produkt und dessen Verarbeitungsqualität kontrolliert. Eine intensive Produktkontrolle sei rechtlich jedoch noch lange keine operative Steuerung der Arbeitsorganisation und des Personals des Zulieferers.

Die Folge dieses Entscheids: Die brutale Ausbeutung am Ende der Kette ist amtlich belegt, doch die juristische und strafrechtliche Verantwortung der grossen Modehäuser bleibt vor den Gerichten vorerst ungeklärt.

Ein Staatsanwalt gibt nicht auf

Storari lässt sich davon nicht bremsen. Nur zwei Tage nach der Niederlage, am 16. Juli, lässt er bei neun Modegigantinnen sämtliche Auditberichte und Lieferantenlisten einsammeln (siehe Teil 1 dieser Serie). Man kann diese zeitliche Nähe für einen Zufall halten. Plausibler ist: Storari gibt nicht auf. Scheitert der Durchgriff von oben vor Gericht, baut die Staatsanwaltschaft den Beweis eben von unten neu auf. Audit für Audit, Lieferantenvertrag für Lieferantenvertrag.

Dass die Methode wirkt, zeigt der Fall Loro Piana, der vor einem Jahr für Schlagzeilen sorgte (work berichtete). Ein Mailänder Gericht stellte die LVMH-Tochter für ein Jahr unter gerichtliche Verwaltung. In den Werkstätten ihrer Lieferkette schufteten Nähkräfte bis zu 90 Stunden die Woche für einen Bruchteil des Tariflohns und schliefen neben den Maschinen. Beschuldigt war Loro Piana damals ebenso wenig, wie es heute Chanel oder Bulgari sind. Aber beim Kontrollieren der eigenen Lieferkette hatte das Management systematisch versagt. Also zog ein staatlicher Verwalter in die Chefetage ein.

Aufsicht wirkt

Jetzt, keine zwölf Monate später, ist er wieder ausgezogen. Vorzeitig. Im April hob das Gericht die Massnahme auf. Loro Piana hatte unter Aufsicht durchgegriffen: rund 2400 Audits seit Anfang 2024, über 100 Lieferanten und Subunternehmer aus der Kette geworfen, mehr externe Prüfgesellschaften, mehr unangemeldete Kontrollen vor Ort. Wenige Tage vor Loro Piana war bereits die Taschenproduzentin Valentino Bags Lab aus der Aufsicht entlassen worden. Die Staatsanwaltschaft war beide Male einverstanden.

Die PR-Abteilungen der Modekonzerne feiern den Abzug der Verwalter als Sieg. Sollen sie. Für Storari ist er es erst recht. Denn die gerichtliche Verwaltung ist keine Strafe. Sie soll Konzerne dazu zwingen, ihre Lieferketten endlich so streng zu kontrollieren, wie sie es in ihren Ethikbroschüren seit je behaupten. Bei Loro Piana und Valentino ist genau das passiert.

Der Gegenangriff in Rom

Während die Justiz in Mailand erste Erfolge feiert, formiert sich ein paar Hundert Kilometer südlich in Rom ein mächtiger politischer Gegenangriff. Denn die Lobby der italienischen Modeindustrie hat längst erkannt, wie gefährlich Storaris systemischer Ansatz für ihr lukratives Geschäftsmodell ist. Und sie hat Verbündete in der postfaschistischen Regierung Meloni gefunden.

LUXUSLOBBY: Melonis Regierung stellt sich hinter die Modeindustrie. (Bild: Keystone)

Am 15. Juli – exakt einen Tag, bevor die Carabinieri in Mailand mit ihren Herausgabeanordnungen vor den Portalen von Chanel, Bulgari & Co. stehen – tagt im Wirtschaftsministerium in Rom der sogenannte «Tavolo della Moda», der offizielle runde Tisch der nationalen Modeindustrie. Das Treffen findet diesmal in historischer Grossbesetzung statt: Italiens Wirtschafts- und Industrieminister Adolfo Urso von der postfaschistischen Regierung empfängt seinen französischen Amtskollegen Sébastien Martin. Im Zentrum der Zusammenkunft steht ein ehrgeiziges Projekt: Die beiden Minister planen eine «europäische Allianz für die Mode», um die globale Dominanz der europäischen Luxusgüterindustrie gegen internationale Konkurrenz abzusichern. Brisant: Italien und Frankreich sind exakt jene beiden Heimatländer, aus denen praktisch sämtliche Luxuskonzerne stammen, die in Storaris Mailänder Ermittlungsakten auftauchen.

Anti-Mafia-Gesetz unter Beschuss

An diesem prunkvollen Tisch erfahren die Vertreter der grossen italienischen Textilgewerkschaften Filctem (CGIL), Femca (CISL) und Uiltec (UIL) zum allerersten Mal und ohne jegliche Vorwarnung, was die Regierung hinter den Kulissen tatsächlich aufgleist: Das Wirtschaftsministerium bereitet eine Gesetzesänderung vor, mit der Artikel 34 des Anti-Mafia-Gesetzes grundlegend eingeschränkt werden soll. Artikel 34 ist exakt jene scharfe Rechtsnorm, auf die Staatsanwalt Paolo Storari sein entschiedenes Vorgehen gegen die Mode-Konzerne stützt. Die Regierung von Giorgia Meloni will jetzt die Hürden für die Verhängung einer gerichtlichen Aufsicht über grosse Auftraggeber massiv erhöhen. Die Konzerne sollen künftig vor schnellen Eingriffen der Staatsanwaltschaft geschützt werden, wenn ihre Zulieferer gegen Arbeitsgesetze verstossen.

Gewerkschaften empört

Die Vertreter der Textilgewerkschaften reagieren empört auf den Plan aus dem Wirtschaftsministerium. Sie bezeichnen das Vorgehen der Regierung in gemeinsamen Erklärungen als «extrem gravierend». Anstatt das schärfste juristische Schwert gegen die mafiösen und ausbeuterischen Strukturen in Norditalien stumpf zu machen, fordern die Gewerkschafter genau das Gegenteil: eine gesetzlich erzwungene, vollständige Transparenz der gesamten Lieferketten, eine massive personelle Aufstockung der Arbeitsinspektorate und ein verbindliches, staatlich überwachtes Zertifizierungssystem für alle Zulieferfirmen der Modebranche. Und dies alles, so Filctem, Femca und Uiltec unmissverständlich, «ohne jede Entlassung der Modemarken aus ihrer rechtlichen und wirtschaftlichen Verantwortung».

Stromzähler und Storari machen weiter

Der Stromzähler in der Gewerbehalle in Pero weiss von alledem nichts. Er kennt weder die Mailänder Gerichtsentscheide noch den Artikel 34 des Anti-Mafia-Gesetzes. Er weiss nichts von Auditberichten und nichts von den politischen Ränkespielen am «Tavolo della Moda». Er hat mit lautloser Präzision einfach nur aufgezeichnet, dass die Maschinen liefen und der Strom durch die Leitungen jagte, als die Menschen in der Fabrik längst hätten frei haben müssen.

Die grossen Modehäuser kontrollieren in den Werkstätten dieser Welt akribisch jede Naht, jede Lederfärbung, jeden Reissverschluss und die exakte Platzierung des Logos. Staatsanwalt Paolo Storari wird nicht aufhören, lautstark zu fragen, warum in den glänzenden Konzernzentralen niemand wissen wollte, wo und wie die Frau schlief, die genau diesen Schriftzug angenäht hat.

Bisher erschienen: Teil 1 «Kronzeuge Stromzähler» (29. Juli 2026), Teil 2 «Wasser im Mörser zerstampfen» (30. Juli 2026).

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