US-Philosoph Jason Stanley über rechte Erinnerungspolitik
Der Kampf um die Geschichte

Rechte mögen keine Geschichte. Sie mögen nur ihre Geschichte. Jason Stanleys Familie floh vor den Nazis in die USA, er vor Trump nach Kanada. In seinem neusten Buch analysiert er, wie autoritäre Rechte rund um den Globus versuchen, die Geschichte umzuschreiben.

DIENT RECHTEN BIS HEUTE FÜR IHRE POLITIK: Wilhelm-Tell-Denkmal auf dem Rathausplatz in Altdorf UR. (Foto: Keystone)

Berlin, 1939. Eine junge Frau steht vor einem deutschen Gericht und soll erklären, warum ihre Familie das Land verlassen will. Sagt sie, Deutschland sei antisemitisch geworden, gefährdet sie sich selbst. Sagt sie, es gebe keine Probleme, bekommt sie vielleicht kein Visum. Sie wählt einen dritten Weg: Seit der Abdankung von Kaiser Wilhelm II. habe Deutschland für sie aufgehört zu existieren. Der Richter beginnt zu weinen. Sie erhält das Visum.
 
So erzählt es der Philosoph Jason Stanley in einem Interview (nachzulesen hier) von seiner Grossmutter Ilse Stanley, die zuvor, als Sozialarbeiterin getarnt, jüdische Häftlinge aus dem KZ Sachsenhausen herausgeholt hatte. Sein Vater floh 1939 als Kind aus Deutschland, die Verwandten seiner Mutter wurden grösstenteils in Sobibor ermordet. Stanley, 1969 in Syracuse geboren, lehrte bis 2025 Philosophie an der Yale University. Weil er sich in den USA unter Trump nicht mehr sicher fühlt, verliess er die USA und lehrt jetzt an der Universität im kanadischen Toronto. Mit «How Fascism Works» (2018), in über zwanzig Sprachen übersetzt, wurde er zu einem der einflussreichsten Faschismustheoretiker der Gegenwart. Das Buch erscheint nächsten Monat als deutsche Taschenbuchausgabe, ergänzt mit einem Essay der in Berlin lehrenden Schweizer Philosophin Rahel Jaeggi. 

Rechte Erfindungen

Jason Stanley neustes Buch «Erasing History» erschien 2024 in den USA und liegt jetzt als «Gefälschte Geschichte. Wie Faschisten die Vergangenheit umschreiben, um die Zukunft zu kontrollieren» auf deutsch vor. Der deutsche Titel ist etwas irreführend: Es geht Stanley weniger um gefälschte als um gelöschte Geschichte, also darum, wie Regierungen historische Erfahrungen aus dem öffentlichen Gedächtnis entfernen. Seine These:

Wer Macht dauerhaft sichern will, braucht mehr als die Kontrolle über die Gegenwart. Er muss auch bestimmen, wie eine Gesellschaft ihre Vergangenheit erzählt.

SPANNENDE ANALYSE: US-Philosoph Jason Stanley. (Foto: zvg/Yurii Stefanyak)

Autoritäre Bewegungen erfinden nationale Reinheit und Unschuld, blenden Gewalt, Rassismus und Kolonialismus aus und greifen deshalb zuerst Schulen, Universitäten und Museen an. Stanley entwickelte diese These, als ihm auffiel, wie unterschiedliche Regierungen demselben Muster folgen: Viktor Orbán attackierte die Central European University wegen «Genderideologie», Indiens Regierung erklärte protestierende Studierende 2019 zu «Antiindern», Florida entzog reihenweise Universitätsprofessoren im Zug seines «Stop Woke Act» die Weiterbeschäftigung.

Gefälscht oder gelöscht?

Stark ist Stanley, wo er diese Fälle nebeneinanderlegt und zeigt, wie ähnlich der Meccano funktioniert: Wer Kindern eine lückenlos heroische Nationalgeschichte beibringt, nimmt ihnen das Wissen, dass Widerstand und Wandel schon einmal möglich waren. Und macht sie unter anderem empfänglich für die Erzählung, nur noch ein starker Mann könne die Nation retten. Schwächer und kritisierbar ist seine Grundthese, Geschichte werde «gelöscht». Denn das hiesse, als hätte es einmal eine ehrliche Erzählung gegeben, die nun verschwindet. US-Kritikerinnen und -Kritiker haben nach Erscheinen des Buches richtigerweise eingewandt, die offizielle Geschichte vieler Gruppen in den USA sei nie ehrlich erzählt worden. Es gebe in diesem Sinne keine unschuldige Vergangenheit, die verloren geht, sondern eine alte Lüge, die sich fortsetzt. Und um deren Widerlegung sich die Auseinandersetzungen drehen.

Die Lügen der Schweiz

Von alten Lügen hat auch die Schweiz mehr als genügend. Und wer es wagt, diese Mythen wissenschaftlich zu widerlegen, bekommt massiven Gegenwind zu spüren. Schon lange vor der Trump’schen Säuberungswelle an den US-Unis griffen Rechtsnationalisten in der Schweiz alle an, deren Forschung nationale Mythen widerlegten.

Ein paar Beispiele aus den vergangenen vier Jahrzehnten – über all diese Fälle hinweg wiederholt sich ein Muster. Zuerst werden die Tatsachen bestritten, dann werden sie unter dem Druck der Fakten anerkannt, aber aus der Zeit heraus «gerechtfertigt». Und schliesslich werden die Forschenden selbst angegriffen und delegitimiert: als «selbstanklägerisch», «links», «ideologisch».

Die Entzauberung

Am Anfang stand die Entzauberung der heldenhaften Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Sie ist der Ausgangspunkt fast aller späteren Konflikte. Bereits 1983 rückte der Historiker Hans-Ulrich Jost in «Geschichte der Schweiz und der Schweizer» ab von der Erzählung einer kleinen Demokratie, die sich heroisch gegen die totalitäre Umwelt behauptet hatte, und zeigte stattdessen autoritäre Strömungen, Antisemitismus und enge Wirtschaftsbeziehungen zu den Achsenmächten. Schon das löste heftige Polemiken aus.

Richtig eskalierte der Streit Mitte der 1990er Jahre, als international Druck wegen nachrichtenloser Vermögen von Holocaustopfern und Nazigold entstand. 1996 setzte das Parlament einstimmig die Bergier-Kommission ein. Deren Schlussbericht von 2002 war für das alte Selbstbild verheerend:

Über 20’000 Flüchtlinge wurden an der Grenze zurückgewiesen oder ausgeschafft, die Schweiz kennzeichnete mit dem «J»-Stempel deutsche Pässe jüdischer Menschen nach Vorgabe der verbrecherischen Nürnberger Rassegesetze, und die Nationalbank wusste bereits ab spätestens 1941 detailliert über das Raubgold Bescheid.

Blochers Gegenoffensive

Die politische Gegenoffensive lief schon vorher an. Christoph Blocher warnte 1997 (also noch bevor die eigentlichen Ergebnisse überhaupt vorlagen) in seiner Rede «Die Schweiz und der Zweite Weltkrieg. Eine Klarstellung» vor einem Schulddiskurs gegen die eigene, im Kern anständige Schweiz. Ein Zürcher Gericht hielt später fest, die Rede habe unzulässig das antisemitische Stereotyp vom geldgierigen Juden bedient. Als 1999 der Flüchtlingsbericht erschien, sprach der damalige SVP-Präsident und spätere Bundesrat Ueli Maurer von «unhaltbaren Verzerrungen».

Als 2006 das Lehrmittel «Hinschauen und Nachfragen» die Bergier-Forschung für Schulen aufbereitete, drehte die SVP im Roten: Der damalige Nationalrat Luzi Stamm nannte es wegen seines «selbstanklägerischen Grundtons» schlimmer als den Bergier-Bericht, die Zürcher SVP sprach von «linker Geschichtsschreibung». Der Verlag wurde massiv angefeindet und erhielt gar Bombendrohungen.

Welches Jubiläum?

Aus der entzauberten Kriegsgeschichte wuchs bald der Streit um die Gründungsmythen. 1991, ausgerechnet im offiziellen Jubiläumsjahr «700 Jahre Eidgenossenschaft», zeigte der Historiker Georg Kreis in «Der Mythos von 1291», dass die erste gesamtschweizerische Bundesfeier zum Bundesbrief erst 1891 stattfand. Der Zürcher Mediävist Roger Sablonier nannte den Rütlischwur & Co. 2008 eine «Verfassungslegende»: eine Geschichte, mit der sich der liberale Bundesstaat des 19. Jahrhunderts eine ehrwürdige Vorgeschichte gab.Aus einem mittelalterlichen Bündnis-Dokument wurde im 19. Jahrhundert eine Gründungsurkunde, aus den Waldstätten die Urkantone, aus Rütli, Tell und Schwur eine nationale Ursprungserzählung. Mit dieser erfundenen Kontinuität machen nationalkonservative Kreise bis heute Politik.

Forschende und Politisierende

Im grossen Jubiläumsjahr 2015 (700 Jahre Schlacht bei Morgarten, 500 Jahre Schlacht von Marignano, 200 Jahre Wiener Kongress) wurde der Konflikt offen politisch. Thomas Maissen veröffentlichte «Schweizer Heldengeschichten – und was dahintersteckt». Er konfrontierte Aussagen unter anderen von Christoph Blocher und Ueli Maurer über Tell, Morgarten, Marignano, Neutralität und 1291 mit dem Stand der Forschung. Manche Medien sprachen von einem «Historikerstreit».

Doch das war es nicht, wie der Geschichtsprofessor Georg Kreis damals schon bemerkte. Denn auf der einen Seite standen professionelle Historikerinnen und Historiker, die im Detail durchaus unterschiedlicher Meinung waren. Auf der anderen standen Politikerinnen und Politiker, die aus mittelalterlichen Vorgängen unmittelbare Lehren für ihre antisoziale und isolationistische Politik ableiteten. Blocher lieferte 2018 in seiner 1.-August-Rede das Lehrbuchbeispiel: Er erklärte 1291 zur «Geburt» der Schweiz, warf «linken Historikern» vor, den Bundesbrief zunächst für unecht gehalten zu haben, und zog die Linie direkt zum Kampf gegen «fremde Richter» und die EU.

Kolonialisten ohne Kolonien

Als vorerst letztes Feld erreichte die Aufarbeitung den Kolonialismus. Die klassische nationale Verteidigung lautet: «Die Schweiz hatte gar keine Kolonien. Also was wollt ihr?» Sinngemäss antwortete der Bundesrat damit noch 2003 auf eine parlamentarische Anfrage zu Sklaverei und transatlantischem Sklavenhandel. Gleichzeitig musste er aber anerkennen, dass Schweizer Bürger und wirtschaftliche Akteure daran beteiligt waren. Die jüngere Forschung fragte deshalb, wie Schweizer Kaufleute, Banken, Textilindustrie und Plantagenbesitzer in koloniale Systeme eingebunden waren. Eine Studie der Universität Zürich zeigte 2020 zum Beispiel:

Der Grossvater des FDP-Übervaters Alfred Escher hatte in ein Sklavenschiff investiert, sein Vater handelte mit Kolonialwaren, und auf einer Kaffeeplantage der Familie auf Kuba schufteten über 80 versklavte Menschen.

Als die Stadt Zürich diese Geschichte 2023 in der Ausstellung «Blinde Flecken» zeigte, bestritt die SVP nicht länger durchwegs alle Fakten. Sie bekämpfte die Frage, was das mit der Schweiz von heute zu tun habe: «Linke Ideologie statt Wissenschaft». A propos Fakten bestreiten und Wissenschaft: Das «Historische Lexikon der Schweiz» hat verdienstvollerweise ein umfassendes Dossier zu den kolonialen Verflechtungen der Schweiz aufgebaut.

Kampf um Unis und Schulen

Wie der Kampf um die Geschichte konkret abläuft, zeigt Stanley am eigenen Land. An der University of Florida bestand beim ersten Durchlauf der neu eingeführten Pflichtüberprüfung für Festangestellte fast ein Fünftel der Professorinnen und Professoren die Prüfung nicht oder gab die Stelle vorher auf. Nicht weil sie plötzlich unqualifiziert gewesen wären. Die Durchfall- beziehungsweise Resignationsquote ist das direkte Resultat des «Stop Woke Act», der vorschreibt, wie über Rasse und Geschichte gelehrt werden darf. Der Bundesstaat Tennessee wiederum betreibt ein Meldesystem, über das Studierende Lehrpersonen denunzieren können, die Schwarze Geschichte oder LGBT-Perspektiven unterrichten. In beiden Fällen geht es nicht um falsche Fakten, sondern darum, wer überhaupt noch unterrichten darf und was als lehrbar gilt.

Es kann schnell gehen

Auch in der Schweiz ist die Schule längst ein Kampffeld der Rechten. Die SVP verlangte im Januar 2026 in einem neuen Positionspapier, «Genderthemen» und «Bildung für nachhaltige Entwicklung» aus der Volksschule zu verbannen, dafür mehr Diktate, tägliches Kopfrechnen und auswendig gelernte Gedichte. Was eine Gesellschaft Kindern heute zu wissen erlaubt, bestimmt mit, was diese Kinder in zwanzig oder vierzig Jahren für möglich halten. Und wie sie urteilen, wenn sie selber einmal vor eine schwierige Wahl gestellt werden. Am Ende des Gesprächs, aus dem die Eingangsszene stammt, sagt Stanley, solche politischen Verschiebungen kämen oft schneller, als man denke, von einem Tag auf den anderen. Und die wenigsten haben dann das Glück und die Chuzpe seiner Grossmutter.
 
Jason Stanley: Gefälschte Geschichte. Wie Faschisten die Vergangenheit umschreiben, um die Zukunft zu kontrollieren. 206 Seiten, Westend Verlag, ca. 30 Franken.

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