Débutroman von Şeyda Kurt
Waghalsiger Seiltanz zwischen Realität und Fiktion

Der Débutroman von Şeyda Kurt ist keine entspannte Sofalektüre, sondern ein knallharter Realitätscheck für die Menschheit.

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HARTE KOST: Autorin Şeyda Kurt entführt die Leserinnen und Leser in eine Welt, in der totales Chaos herrscht. (Foto: PD / Harriet Meyer)

«Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster.» Dieses Zitat von Antonio Gramsci, Schreibkünstler und Mitgründer der kommunistischen Partei Italiens, hat die Autorin zum Titel inspiriert. Und das Zitat bringt den Débutroman von Şeyda Kurt perfekt auf den Punkt. Alles ist Chaos. Und in unseren Händen liegt es, ob diese Welt von Monstern in den Abgrund manövriert oder in einer Gemeinschaft zu einem besseren Ort wird.

Gleich auf den ersten Seiten skizzierte die Autorin den Handlungsort sorgfältig auf einer Karte. Zu sehen ist ein fiktives Stadtviertel. Dort steht eine alte Chemiefabrik, wo seit Jahren gestreikt wird. In der Nähe das Fitnessstudio «Muskelpalast Mc Burn», wo Faschos trainieren. Fitnessstudiobesitzerin Mira verteidigt ihre Kundschaft: «Aber auch Faschos zahlen Abos.» Und am anderen Ende des Quartiers die Kneipe «Roter Löwe», wo die Protagonistin Sanya arbeitet. Nach der Karte folgt eine kurze Beschreibung der wichtigen Charaktere. Und obwohl der Start in diesem Roman ganz logisch aufgebaut ist, bleibt man bei jedem gelesenen Kapitel etwas beängstigter zurück. 

Der Weltuntergang

In der Bibel wird die Welt in sieben Tagen erschaffen. Und im dystopischen Roman von Kurt geht sie in sieben Tagen unter. Eine Verschwörung, die auf Tiktok kursiert, versetzt das ganze Viertel – im Buch genannt der Sumpf – in ein Chaos. Auch bekannt als Drogensumpf, Elendsumpf oder Krawallsumpf. Was nach einem düsteren Ort klingt, wird im Roman ganz nüchtern als Gemeinschaft gezeichnet, die echte Solidarität lebt. Dazu gehört die Brigade «Karl Küpper». Menschen in roten Kampfanzügen machen täglich Patrouillen im Viertel. Kurt beschreibt ihre Mission:

Kein Obdachloser soll hungrig schlafen gehen, kein verlorenes Kind unbeachtet bleiben, keine Frau schutzlos in die Hände eines gewalttätigen Ehemanns geraten und kein Fascho sich sicher fühlen.

Die Namensgebung der Brigade kommt nicht von ungefähr. Karl Küpper war ein Kölner Karnevalist und bekennender Antifaschist. Als Büttenredner (Auftritt an der Fasnacht, ähnlich wie Schnitzelbänke) positionierte er sich öffentlich gegen Nazis.

Doch schon bald ist klar: Der angebliche Weltuntergang ist nur ein Gerücht, das erfolgreich im Viertel verbreitet wurde. Kurt enthüllt in einem Interview mit der ARD, was im Zentrum ihres Romans steht:

Die Angst ist das zurzeit mächtigste politische Instrument.

Realitätsnah

In «Zeit der Monster» geht es um wichtige Themen wie Marginalisierung, Armut, Faschismus, Ausbeutung, Diskriminierung, Polizeigewalt, queere Liebe und Feminismus. Doch die Themen werden nicht auf dem Silbertablett serviert, sondern müssen von der Leserschaft selbst entziffert werden.

Kurts Débutroman fühlt sich an wie ein waghalsiger Seiltanz zwischen Realität und Fiktion. Und hinterlässt am Ende grosse Fragen: Wann kommt die Zeit der Monster? Oder sind wir schon mittendrin? 

Köln-Kalk: Vorlage für den Roman

Nach ihren erfolgreichen Sachbüchern «Radikale Zärtlichkeit» und «Hass» publiziert die Schriftstellerin und Journalistin Şeyda Kurt mit «Zeit der Monster» zum ersten Mal einen Roman. Aufgewachsen ist Kurt in einer Familie mit kurdisch-türkischen Wurzeln in Köln-Kalk. Ein Stadtviertel, geprägt von der Chemieindustrie, Armut und Migration. Genau dort spielt auch ihr Roman. 

Şeyda Kurt: Zeit der Monster. Roman. 288 Seiten, Hanser-Verlag, Fr. 24.–

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