Die Geschichte der Ferien
Wie bezahlte Ferien erkämpft wurden

Seit wann gibt es eigentlich Ferien? Und wie sind sie entstanden? Ein Streifzug durch die Geschichte der Ferien.

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FERIEN WURDEN DEN BÜEZERINNEN UND BÜEZERN NICHT GESCHENKT: Aufnahme vom Campingplatz in Interlaken aus dem Sommer 1934. (Foto: Keystone)

Vier, fünf, vielleicht sogar sechs Wochen bezahlte Ferien pro Jahr – für die meisten Arbeitnehmenden in Mitteleuropa ist das heute selbstverständlich. Dabei ist diese Errungenschaft noch gar nicht so alt. Und sie wurde niemandem geschenkt, sondern musste fast überall erkämpft werden. 

Schweiz: Beamte bevorzugt

Schon 1879 erliess der Bund die erste Bestimmung zum Thema Ferien – doch sie galt nicht für alle. Sie betraf nur Kuraufenthalte der eigenen Beamten. Ein paar Jahre später kamen Ferienregelungen für Angestellte der städtischen Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerke hinzu. Wer in der Privatwirtschaft arbeitete, hatte bis zum Ersten Weltkrieg nicht viel zu erwarten in Sachen Ferien. Wenn eine Firma Ferien gewährte, dann nicht, weil sie es als ein Recht der Angestellten verstand, sondern, weil der Betrieb so grosszügig war, freie bezahlte Tage zu «schenken».

Neben den Gewerkschaften waren es vor allem Hygieniker und Ärztinnen, die ab Ende des 19. Jahrhunderts Ferien forderten, damit sich Körper und Geist erholen können, um Krankheiten zu vermeiden und den «Sauerstoffmangel» der Büroarbeit aufzuholen. So waren damit in erster Linie Angestellte gemeint, die geistige, kaufmännische oder administrative Arbeit erledigten. Bei körperlich tätigen Arbeiterinnen und Arbeitern wurde davon ausgegangen, dass sie genug Sauerstoff bekommen und deshalb nicht zwingend Ferien brauchen.

FERIEN GEGEN SAUERSTOFFMANGEL: Zwei Frauen auf einem Campingplatz bei Genf, aufgenommen im August 1960. (Foto: Keystone)

Transportpersonal setzt sich durch

Die erste grosse Berufsgruppe, der in der Schweiz ein Erfolg in Sachen Ferien gelang, war Anfang des 20. Jahrhunderts das schon früh gut organisierte Transportpersonal. Das Bundesgesetz zur Arbeitszeit beim Bahn-, Dampfschiff-, Post- und Zollpersonal trat 1920 in Kraft. Nach und nach bekamen auch Arbeiterinnen und Arbeiter Ferien, aber meistens kürzere als Angestellte.

Nach 1945 wurden Ferienansprüche mehr und mehr über Gesamtarbeitsverträge geregelt und schrittweise mit kantonalen Feriengesetzen verankert, die bei Volksabstimmungen angenommen wurden, zum Beispiel 1946 in Solothurn, 1947 in Glarus, Waadt und Genf und 1952 in Zürich. Wer also im «richtigen» Kanton arbeitete, bekam in der Regel zwei Wochen Ferien pro Jahr, die anderen gingen leer aus. Auf Bundesebene wurde der Ferienanspruch von mindestens zwei Wochen 1966 geregelt.

Erst 1984 revidierte das Parlament das Obligationenrecht und vereinheitlichte landesweit auf vier Wochen Mindestferien und fünf Wochen für Lernende und junge Erwachsene bis 20 Jahre. Mehrere Versuche, sechs Wochen für alle einzuführen, scheiterten bisher – zuletzt wurde eine entsprechende Volksabstimmung 2012 deutlich abgelehnt. 2025 kamen Vollzeitangestellte zwischen 20 und 49 Jahren laut Bundesamt für Statistik im Schnitt trotzdem immerhin auf 5,0 Ferienwochen, ältere und jüngere Angestellte auf 5,5 bis 5,6 Wochen – die besseren Bedingungen gehen in den meisten Fällen auf Gesamtarbeitsverträge zurück.

AUFBRUCH IN DIE SOMMERFERIEN: Aufnahme aus dem Zürcher Hauptbahnhof im Juli 1976. (Foto: Keystone)

Deutschland: Mit Ferien gegen Sozialdemokraten

Im 19. Jahrhundert gab es für Fabrikarbeiterinnen und -arbeiter keine Ferien. Sie schufteten sechs Tage die Woche, während 52 Wochen im Jahr, 16 Stunden am Tag. Kranksein? Freizeit haben? Beides nicht vorgesehen. Sonn- und Feiertage waren unbezahlt. Reisen, den Sommer geniessen und Kuraufenthalte waren ein Privileg des Bürgertums. Ab den 1880er Jahren gab es im Deutschen Kaiserreich die ersten Versuche, eine Ferienregelung einzuführen – diese kamen aber nicht aus der Arbeiterbewegung selbst, sondern von linksliberalen Unternehmern, die damit ein gutes Betriebsklima schaffen und den wachsenden Einfluss der Sozialdemokratie eindämmen wollten. 1903 dann ein Erfolg der Gewerkschaft: Der Zentralverband der deutschen Brauereiarbeiter handelte die ersten tariflichen Ferienregelungen aus: drei Tage pro Jahr. Ab 1918, mit der Weimarer Republik, setzten sich Ferienregelungen breitflächig durch. 

Österreich: Schon früh gesetzlich verankert

In Österreich gab es ab 1910 einen gesetzlich geregelten Ferienanspruch für Angestellte. Schon ab 1900 hatten die Gewerkschaften begonnen, Ferien in Kollektivverträgen zu regeln – 1911 wurden bezahlte Frei-Tage bereits in über 500 Verträgen verschiedenen Branchen erwähnt. Neun Jahre später schliesslich wurde das Arbeiter-Urlaubsgesetz von der Nationalversammlung verabschiedet. Von nun an gab es einen Rechtsanspruch auf ein bis zwei Wochen bezahlte Ferien pro Jahr. In den folgenden Jahrzehnten kämpften Gewerkschaften vehement für Urlaubsgeld, längere Ferien und die Gleichstellung von Angestellten und Arbeitenden. Seit 1986 gilt der gesetzliche Mindesturlaub von fünf Wochen. 

Frankreich: Forderungen der Streikenden

Für einen der wichtigsten Momente der Feriengeschichte sorgte Frankreich in den 1930er Jahren. Als der Front populaire unter Léon Blum im Mai 1936 die Wahlen gewann, kam eine gewaltige soziale Bewegung in Gang. Auf dem Höhepunkt der Streikwelle im Juni 1936 traten rund anderthalb Millionen Arbeiterinnen und Arbeiter in den Ausstand und besetzten reihenweise ihre Fabriken.

WICHTIGE BEWEGUNG: Le Front populaire war die Regierung der vereinigten linken französischen Parteien, die 1936 an die Macht kam. (Foto: Keystone)

Bezahlte Ferien standen ursprünglich aber gar nicht im Wahlprogramm der Linksparteien. Die Streikenden selbst nahmen das Thema auf die Agenda. Dank ihnen stimmte die Nationalversammlung schliesslich zwei Wochen bezahlten Ferien zu. In nur 73 Tagen soll die Volksfrontregierung 133 Gesetze, darunter auch die 40-Stunden-Woche und gesetzliche Mindestlöhne, verabschiedet haben. 

Acht Wochen Ferien für Lernende

Der rote Faden durch alle Länder ist derselbe: Ferien kamen nicht einfach so unters Volk, sondern sie wurden in Kollektivverträgen, an der Urne und durch Streiks erkämpft. Gerade hartnäckiger gewerkschaftlicher Verhandlungsarbeit für Gesamtarbeitsverträge verdanken heute viele ein paar Zusatztage über dem gesetzlichen Minimum. Die Unia setzt sich weiter für mehr Ferien ein, aktuell für acht Wochen Ferien für Lernende. In einer Petition kamen über 176 447 Unterschriften zusammen. Nun ist die Politik am Zug. Mehr zum Thema unter diesem Link.

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