Niemand bekämpft Ferien so radikal wie die SVP – seit über 100 Jahren
Die grosse Anti-Ferien-Partei

VERLOGEN. Keine Partei bekämpft Ferien derart wie die SVP. Bild: zvg

Mit Sünneli-Plakaten wünscht die SVP «schöne Sommerferien». Ausgerechnet jene Partei, die sich seit je gegen Erholungszeit sperrte.

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VERLOGEN. Keine Partei bekämpft Ferien derart wie die SVP. Bild: zvg

Ferienzeit ist Velozeit, frohlockte der work-Redaktor und trat eines Julimorgens munter in die Pedale. Endlich raus aus der Stadt, fort vom alltäglichen Polit-Gezänk und hinein in die unschuldige Landschaft. Den Wind im Haar, die Sonne im Gesicht, alles schien perfekt.

Doch dann das: Ein halbes Dutzend SVP-Plakate schmückten den Dorfeingang einer malerischen Zürcher Gemeinde. Das Plakatsujet: ein gäggeligelbes SVP-Sünneli mit Schweizerfahne und Sonnenbrille; dazu in giftgrüner Schrift «Schöne Sommerferien. Ihre SVP». Und futsch war sie, die Landidylle. Stattdessen leuchtete der gelbgrüne Beweis, dass die Blocheristen sogar die Ferien für Propagandazwecke instrumentalisieren. Ausgerechnet die Ferien!

Zwar gibt es Geizhälse in allen Parteien. Doch niemand ist derart ferienfeindlich wie die selbsternannte Volkspartei. Sie trägt die Hauptschuld dafür, dass den Lohnabhängigen in der Schweiz noch immer bloss vier bezahlte Ferienwochen zustehen. Denn die SVP und die von ihr dominierten Gewerbeverbände brüllten 2012 am lautesten gegen die Gewerkschaftsinitiative «Sechs Wochen Ferien für alle». Diese könne die reiche Schweiz nicht verkraften, mehr Stress und Arbeitslosigkeit seien die Folge solcher «Zwangsferien». Weil auch die übrigen Mitte- und Rechtsparteien der SVP folgten, blieb es bei mickrigen vier Wochen. Noch weniger Ferien gibt es in Europa nur in Weissrussland, in der Ukraine und in Bosnien.

Reiseziele offenlegen

Doch die SVP ist nicht nur gegen mehr Ferien, sie will bestehende auch noch kürzen. So im Jahr 2017, als es der heutige Aargauer SVP-Regierungsrat Jean-Pierre Gallati auf eine Weihnachtswoche des Lehrpersonals abgesehen hatte. Oder wie im April 2020, als die Urner und Schwyzer Schulkinder ins Visier gerieten. Ihnen wollten die beiden SVP-Kantonalparteien ganze zwei Wochen Sommerferien abknöpfen, um angebliche Lernverluste durch Corona wettzumachen. Auch sonst funken die Rechtsaussen gerne in das seit 1948 verbriefte Menschenrecht auf Ferien. Zum Beispiel Partei-Tätschmeisterin Magdalena Martullo-Blocher. In ihrer Ems-Chemie müssen die Mitarbeitenden neuerdings ihre Reiseziele offenlegen und bewilligen lassen.

Ferien nur für Reiche

Noch dreister erscheint das Sommerferien-Plakat vor historischem Hintergrund. Denn lange waren Ferien der vermögenden Oberschicht vorbehalten. Und die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB, seit 1971 SVP) setzte alles daran, dass dies so blieb. Eidgenössische Fabrikinspektoren fanden 1910 heraus, dass nur 8 Prozent aller Arbeiterinnen und Arbeiter Ferien erhielten. Ein gesetzliches Minimum fehlte noch völlig. Besserung brachte erst der Landesstreik von 1918. Doch die BGB bekämpfte sogar die bescheidensten Initiativen für etwas arbeitsfreie Zeit: So 1920, als das Schweizer Verkehrspersonal per Bundesgesetz endlich ein paar Tage Ferien erhielt. Oder 1931 im Kanton Basel-Stadt. Erstmals in der Schweiz votierte dort eine Mehrheit der stimmberechtigten Männer für Mindestferien (6 Tage). Oder im Kanton Zürich, wo die Bürger 1952 einem gesetzlichen Ferienanspruch (6 bis 18 Tage) für alle zustimmten. Und noch 1969 war die BGB gegen drei Wochen Mindestferien in der Schweiz.

Ein einziges Mal dafür

Nur ein einziges Mal bekannte sich die SVP zu mehr Ferien. Nämlich just vor den Parlamentswahlen 1979, als die Partei die vorangegangenen Wahlschlappen endlich wettmachen wollte. Und hierfür der Arbeiterschaft Versprechen machte. Vier Wochen für alle verlangten nun plötzlich auch die Ferienfeinde. Und siehe da: Fünf Jahre später war die Vier-Wochen-Regelung Gesetz. Kann man aus der Geschichte lernen? Im mindesten so viel: Geht’s dem SVP-Sünneli schlecht, strahlen die Freundinnen und Freunde von Ferien umso mehr.

Anm. d. R.: Aus aktuellem Anlass publizieren wir diesen Artikel vom 21. August 2020 erneut.

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