Das Phänomen Uhrmacherferien
Als Rimini voller Bieler war – und am Jurabogen tote Hose herrschte

Während 30 Jahren spielte sich in der ganzen Juraregion jeden Sommer etwas Spektakuläres ab: Orte wie Biel, Le Locle oder La Chaux-de-Fonds verwandelten sich in Geisterstädte, weil die dominierende Uhrenindustrie sämtliche Maschinen abstellte. Die Uhrmacherferien sind ein spezielles Stück Schweizer Industriegeschichte. 

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DAS REISEZIEL DER UHRMACHERINNEN UND UHRMACHER: Rimini an der italienischen Adriaküste im Jahr 1963. (Foto: Medienarchiv Wikipedia / Anidaat)

«Die Uhrmacherferien sind ein kleines Trauma für mich.» Reto Studer, heute 59, erzählt die Anekdote mit einem Lächeln. Es war in den 1970er Jahren, Juli, die langen Schulferien hatten begonnen. Mit seinen Eltern ging es mit dem Zug von Olten nach Grenchen. Eine Jurawanderung stand auf dem Programm. An der Bushaltestelle die erste böse Überraschung: Das Postauto auf den Grenchenberg fährt zurzeit nicht. «Also mussten wir zu Fuss dort hoch», erzählt Studer. Immerhin, der Weg führte an der Bäckerei vorbei, wo sich Familie Studer mit Proviant eindecken wollte. Aber: Das Geschäft hatte geschlossen. Sowieso: Das ganze Städtchen war wie ausgestorben. 
 
Was aus heutiger Sicht so tönt, als ob jemand die Anfangsphase der Coronapandemie aus dem Jahr 2020 schildert, war in den 50ern, 60ern und 70ern in Grenchen etwas Normales. Und nicht nur dort. Auch Biel, La Chaux-de-Fonds oder Le Locle waren im Sommer wie ausgestorben. Schuld an diesem Lockdown-ähnlichen Zustand war aber kein Virus, sondern die Uhrmacherferien. Dieser Begriff hält sich in den Gebieten in den Kantonen Bern, Solothurn, Neuenburg und Jura, wo die Uhrenindustrie angesiedelt ist, bis heute: Nichts los hier? Uhrmacherferien halt.

Wie alles begann

Ausserhalb dieser Region schien man sich nicht bewusst zu sein, welche Dimensionen es annehmen kann, wenn die Uhrenindustrie Sommerpause macht. Reto Studer und seine Familie hätten sich wohl damals sonst einen anderen Startpunkt für ihre Sommerwanderung ausgesucht. Und auch heute ist es schwer nachzuvollziehen, wie gross der Einfluss der Uhrmacherferien auf das Leben einer ganzen Region sein konnte.  
 
Ihren Ursprung haben die Uhrmacherferien im Jahr 1937. Damals unterzeichneten die Arbeitgeberverbände der Uhrenindustrie mit der Gewerkschaft Smuv (einer Unia-Vorläuferin) eine Vereinbarung. Die Branche war somit die erste in der Schweiz, die einen Gesamtarbeitsvertrag erhielt. Und dieser schloss den Anspruch auf 6 Tage Ferien ein – für diese Zeit beachtlich. 

Ferien für 90'000 Büezerinnen und Büezer 

Springen wir nun in die 50er Jahre. Der Feriensaldo der Büezerinnen und Büezer war gewachsen, und die Uhrenindustrie befand sich in der Blütezeit. Sie beschäftigte um die 90'000 Menschen, die allermeisten von ihnen arbeiteten in der Juraregion. Diese Dominanz hatte die Branche bis Anfang der 70er Jahre. Dann kam die sogenannte Quarz-Krise, die über 10 Jahre anhielt. In den frühen 80er Jahren, als Japan mit der Quarzuhr die hiesige Uhrenindustrie überholte, hatten schon zwei Drittel der Uhrenarbeiterinnen und -arbeiter ihren Job verloren, die Zahl der Beschäftigten fiel auf rund 30'000. Mit der Lancierung der Swatch gelang 1983 das grosse Comeback. Gegenwärtig zählt die Branche knapp 65'000 Beschäftigte.

Doch zurück zur Blütezeit. Unter den vielen Uhrenfirmen und Zulieferern gab es eine Absprache: Sie alle machten zur gleichen Zeit Betriebsferien. Während zweier bis dreier Wochen im Sommer wurden sämtliche Maschinen, auf denen die vielen Teilchen der Schweizer Uhrwerke hergestellt wurden, abgeschaltet. Und päng: Auf einen Brätsch wurden 90'000 Büezerinnen und Büezer in die Ferien verabschiedet. 

DIE ARBEIT RUHT: Leere Produktionshallen in einer Uhrenfabrik in Biel im Juli 1960. (Foto: Keystone)

Die Sonderzüge nach Rimini

Die Uhrenindustrie setzte schon damals stark auf Arbeiterinnen und Arbeiter aus Italien. Diese reisten praktisch alle in die alte Heimat. Christina Christ arbeitete ab 1973 in den Produktionshallen der Marke Omega in Biel. Sie mag sich noch gut erinnern: «Am Freitag vor den Uhrmacherferien hatten alle ihre Koffer schon gepackt und das Auto beladen. Um 17 Uhr war Feierabend, und sie fuhren vom Parkplatz aus direkt los. Von da an war die Stadt komplett leer. Das war ein Spektakel.»

AUS DER BLÜTEZEIT DER UHRENINDUSTRIE: Fabrikarbeiterinnen bei Omega um das Jahr 1950. (Foto: Neues Museum Biel)

Nun, Autos waren zu dieser Zeit noch nicht so verbreitet wie heute, und auch die Schweizerinnen und Schweizer hatten Sehnsucht nach dem Süden. Das Reiseziel Nummer 1: Rimini. Es gab Sonderzüge, welche die Uhrenarbeiterinnen und -arbeiter mit ihren Familien von Biel direkt an die italienische Adriaküste fuhren. In der Bieler Chronik von 1957 ist vermerkt: «Beginn der Uhrmacherferien: Die SBB meistern den Auszug, vor allem Richtung Süden, mit 29 Extrazügen. Mehr als 20'000 Bieler benutzen diese Züge.» Wohlgemerkt: Biel zählte in diesem Jahr knapp 50'000 Einwohnerinnen und Einwohner. Das ist mehr als ein Drittel der Bevölkerung. Und so war es nicht nur in Biel. Die NZZ etwa vermeldet am 22. Juli 1952: «Im Zusammenhang mit den Uhrmacherferien mussten am Bahnhof von La Chaux-de-Fonds über das Wochenende 26 Sonderzüge abgefertigt werden. In Neuenburg betrug die Zahl der Sonderzüge 10 und in Le Locle 6.

AB IN DEN SÜDEN: Uhrenarbeiterinnen und -arbeiter besteigen im Juli 1960 in Neuenburg einen Sonderzug, der sie in die Ferien bringt. (Foto: Keystone)
DIE VORFREUDE IST GROSS: Eine Familie eilt im Juli 1960 in La Chaux-de-Fonds zu Beginn der Uhrmacherferien die Treppe zum Bahnhofperron hinauf. (Foto: Keystone)

Josiane Andres, heute 70jährig, ist in Biel aufgewachsen. Beide Elternteile arbeiteten in der Uhrenindustrie. «Seit ich zwölf war, sind wir jeden Sommer in den Uhrmacherferien mit dem Zug nach Rimini gefahren.» Jeweils am Samstag nach Betriebsschliessung sei es losgegangen. Von Rimini aus hätten sich die Massen dann in die umliegenden Ferienorte verteilt, sie war mit ihren Eltern jeweils in Rivazzurra. Sie erinnert sich:

Ich war nie allein, das war toll. Rimini war voller Bieler. Auch viele Freundinnen aus meiner Schulklasse waren da.

GRÜSSE AN DIE DAHEIMGEBLIEBENEN: Postkarten aus Rimini. (Montage: work)

Geschäfte machen dicht

Die Sommerwochen in Biel aber waren trist. In der Stadt und der ganzen Region herrschte tote Hose. Das spürte auch das Gewerbe. Viele Läden und Restaurants machten in dieser Zeit ebenfalls dicht. Durchstöbert man Zeitungen aus dieser Zeit, gibt es zig Annoncen, die Bezug zu den Uhrmacherferien nehmen: Der Smuv etwa verkündet, dass sein Sekretariat in Biel in dieser Zeit geschlossen bleibe. Und die Post von Le Locle teilt mit, dass der Schalter nur halbtags geöffnet habe. Ebenso verkünden Schuhmacher und Metzger aus der Region die «fermeture annuelle». Eine Zeitungsmeldung von 1974 nimmt das Thema auf. Es geht um die Uhrenhochburgen La Chaux-de-Fonds und Le Locle, in denen ein Novum verkündet wurde: «Erstmals ist zwischen den Ladenbesitzern der beiden Städte ein Abkommen abgeschlossen worden, damit während der Uhrmacherferien einige Geschäfte offen bleiben.» 

SCHLIESST SICH DER UHRENINDUSTRIE AN: Eine Kioskfrau Juli 1960 in Neuenburg. (Foto: Keystone)

Der Anfang vom Ende

Das Phänomen der toten Städte während der Uhrmacherferien begann Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre abzuflauen. Die Branche steckte in der Krise, die Zahl der Beschäftigten hatte drastisch abgenommen. Deshalb richteten sich auch weniger Betriebe aus anderen Branchen nach der Uhrenindustrie. Und einer der grossen Player, die Uhrenfabrik Rolex, hatte 1979 die Uhrmacherferien abgeschafft. Zehn Jahre später titelten die Zeitungen dann definitiv vom «Ende einer langen Tradition». Denn 1989 verkündete Swatch-Gründer Nicolas Hayek, dass die «etwa 5000 Beschäftigten bei der ETA ihre Ferien wie in anderen Unternehmen über das ganze Jahr verteilen können». Auch weitere Gesellschaften seines SMH-Konzerns würden sich anschliessen. Hayek wurde mit den Worten zitiert:

Es gibt keinen Grund, dass ein ganzer Industriezweig gleichzeitig Ferien macht, während unsere Konkurrenz weiterarbeitet.

HAT SICH VON DEN UHRMACHERFERIEN VERABSCHIEDET: Swatch-Gründer Nicolas Hayek. (Foto: Keystone)

Dieser Entscheid hatte weitreichende Auswirkungen. Viele der zahlreichen Zuliefererbetriebe stellten ebenfalls ihr Feriensystem um. 

Und heute?

Offiziell gibt es die Uhrmacherferien nach wie vor. Die «Convention patronale», also der Arbeitgeberverband der Uhrenindustrie, legt diese fest. Heuer dauern die dreiwöchigen Betriebsferien vom 20. Juli bis zum 7. August. Viele kleinere und mittlere Firmen aus der Uhrenindustrie halten sich nach wie vor daran, wie Raphaël Thiémard erklärt. Er arbeitet für die Unia und war lange Zeit für die Uhrenindustrie verantwortlich. Thiémard lebt in La Chaux-de-Fonds und sagt: «Hier spürt man es schon, wenn Uhrmacherferien sind.» Aber anders als früher sei La Chaux-de-Fonds nicht mehr gleich eine «ville morte».
 
Und für alle, die eine Jurawanderung planen: In Grenchen fährt der Bus den ganzen Sommer über täglich auf den Grenchenberg. Sie können sogar ruhigen Gewissens ohne Proviant anreisen. work konnte in der Uhrenstadt keine Bäckerei ausfindig machen, die in den nächsten Wochen Betriebsferien macht. 

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