Neuer GAV für die Schweizer Uhrenindustrie

Die Uhrenbüzererinnen und -büezer haben einiges erreicht!

Iwan Schauwecker

Heute hat die Unia mit den Arbeitgeberverbänden in Neuenburg den neuen GAV der Uhrenindustrie unterzeichnet. Raphaël Thiémard war früher Uhrmacher bei Tissot und leitete als Branchenverantwortlicher der Unia die mehrmonatigen Verhandlungen.

ERFOLGREICH: Die Unia gewinnt in der Uhrenindustrie immer mehr Mitglieder. (Foto: Unia)

Schweizer Uhren stehen für Qualität und Luxus, für das Bild einer Schweiz mit verlässlicher und fein kalibrierter Mechanik. Der Unia-Uhren-Mann Raphaël Thiémard sagt: «Das Image ist für die Uhrenmarken total wichtig, sie geben jährlich hunderte von Millionen Franken für Werbung aus.» Deshalb seien sie bei den GAV- und Lohnverhandlungen auch immer wieder zu Konzessionen bereit. Zudem sei die Branche gewerkschaftlich gut organisiert, mit vielen engagierten Uhrenarbeiterinnen und -arbeitern.

KAMERAS UND BARRIEREN

«Doch der Zugang zu den Betrieben wird für uns zu einem immer grösseren Problem,» sagt Thiémard. Bei jeder neuen Fabrik oder auch bei Umbauten würden zusätzliche Kameras und Sicherheitsschranken eingebaut.

BRANCHENKENNER: Unia-Mann Raphaël Thiémard weiss, wo es noch Verbesserungen braucht. (Foto: Unia)

Thiémard sagt: «Letzthin war ich für eine Flyer-Aktion bei Rolex in Genf, wo die meisten Angestellten direkt mit dem Auto in die Tiefgarage fahren.» Der Kontakt und das Gespräch mit den Leuten sei in solchen Fällen kaum mehr möglich. Die Unia wollte deshalb eine Garantie für Zugang zu den Mitarbeitenden im neuen GAV verankern. Mit dieser Forderung ist die Unia allerdings erfolglos geblieben, obwohl dies gemäss internationalem Recht der ILO zugesichert wäre. «Wir müssen mit jedem einzelnen Unternehmen weiterhin mühsam verhandeln, wo und wie wir Zugang erhalten,» sagt Thiémard.

GRENZGÄNGERINNEN MACHEN SWISS MADE

Viele Schweizer Uhrenfabriken befinden sich in der Nähe der Landesgrenze in Genf, im Jura und im Tessin. Entsprechend hoch ist auch der Anteil der Grenzgängerinnen und -grenzgänger. Im Tessin gebe es Unternehmen mit 99 Prozent Grenzgängerinnen, 90 Prozent davon Frauen. Die Löhne sind dort oft so tief, dass sich in der Schweiz wohnhafte Personen kaum auf diese Jobs bewerben. Thiémard sagt: «Auch wenn ich insgesamt stolz auf diesen neuen GAV bin, haben wir in der Branche weiterhin tausende Personen, die nicht durch den GAV geschützt sind und miese Löhne haben.» Vor allem bei temporär Angestellten und bei Zulieferbetrieben, die nicht dem GAV unterstellt sind, werde die Unia auch in Zukunft genau hinschauen.

EXPANSION VON ROLEX

Und auch bei Rolex, Richemont und Swatch werde es erfahrungsgemäss zu Konflikten über die korrekte Anwendung des GAV kommen, da diese Firmen die mit Abstand grössten Arbeitgeber der Branche sind. «Rolex macht inzwischen über 10 Milliarden Franken jährlichen Umsatz und damit fast die Hälfte der ganzen Industrie,» sagt Thiémard. Und Rolex wächst weiter, zum Beispiel im Kanton Freiburg wo der Luxuskonzern eine neue Megafabrik mit 2000 Mitarbeitenden in Bulle (FR) plant.

Uhren-GAV: Die wichtigsten Neuerungen

Etwa 55’000 Personen aus über 500 Unternehmen sind vom Uhren-GAV geschützt. Der neue Vertrag für die Uhrenindustrie und Mikrotechnik gilt bis 2028. Die wichtigsten Fortschritte: Drei Wochen Vaterschaftsurlaub und 19 Wochen Mutterschaftsurlaub. Bei den Krankenkassenbeiträgen zahlen die Arbeitgeber neu monatlich 195 Franken, 20 Franken mehr als bisher. Die Mindestlöhne werden schweizweit zwischen 1,6 Prozent und 3,56 Prozent erhöht. Die Uhrenarbeiterinnen und -arbeiter und die Unia forderten in den Verhandlungen die Reduktion der Wochenarbeitszeit auf 36 Stunden pro Woche, Lohngleichheit und die Ausweitung des Geltungsbereichs des GAV auf temporäre Arbeiterinnen und Arbeiter. Davon wollten die Arbeitgeberverbände allerdings nichts wissen. (isc)

1 Kommentar

  1. Goran Trujic

    Die monatelangen Verhandlungen tragen endlich Früchte.
    Gratulation an die ganze Verhandlungsdelegation!
    Jetzt muss nur noch die Mehrheit dieser 55’000 Personen einsehen, dass ohne die Unia dieser GAV nicht zustande gekommen wäre und sich organisieren. Denn nur mit einem guten Organisationsgad können auch in der Zukunft solch gute Arbeitsbedingungen erreicht werden!

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