Editorial

Greta Gössi

Marie-Josée Kuhn

Marie-Josée Kuhn, Chefredaktorin work

Der Freisinn hat seine Frauen also doch nicht so gern, wie er einst behauptete. Der Rücktritt seiner Chefin zeigt das deutlich. Seit Wochen stand Petra Gössi im Sperrfeuer von rechts. Obwohl sie selber auch nicht im Verdacht steht, eine Linksliberale zu sein. Wer solche Parteikollegen hat, braucht wahrlich keine Feinde mehr. «Greta Gössi» verhunzten sie sie (Öko-Aktivistin Greta Thunberg lässt grüssen!), weil sie dem absaufenden Freisinn einen grünen Anstrich verpassen wollte. Die Parteibasis folgte ihr, doch die Schakale heulten. NZZ und die «Weltwoche» schrieben mit. Gössi hat kein Charisma! Gössi wird still, wenn sie laut sein sollte. Gössi kann nicht durchgreifen. Nicht diktieren. Wie dies Vorgänger Philipp Müller so exzellent konnte. Und vor allem: Gössi lächelt mit den Linken um die Wette. Das sei nicht liberal. Nicht liberal! Nicht liberal!!! Wie lange noch, Petra Gössi?

FDP? Wofür steht’s?

SPÄTE EINSICHT. Jetzt ist Gössi weg. Und sagt: «Nie in meiner Karriere, weder während des Studiums noch im Kantonsrat oder bei meiner Arbeit, war mein Geschlecht ein Thema. Nur die Leistung zählte. Seit ich Parteipräsidentin bin, ist das anders. Ich hätte das nie gedacht: Aber es spielt tatsächlich eine Rolle, dass ich eine Frau bin.» Späte Einsicht in alte Weisheiten: Von allen Parteifrauen hatten es die freisinnigen schon immer am schwersten.

Das sagt die Berner Historikerin ­Fabienne Amlinger. Sie hat die Geschichte der Frauenorganisationen von SP, CVP und FDP erforscht. Und erklärt den Grundwiderspruch der FDP-Frauen so: «Sie vertreten das liberale Credo: ‹Wer sich nur genug anstrengt, der schafft es auch.› Wenn eine Frau einen Posten also nicht bekommt, ist sie quasi selber schuld. Gleichzeitig haben diese Frauen immer wieder erlebt, dass sie, selbst wenn sie sich noch so reinknien, die männlich dominierten Strukturen nicht durchbrechen können.» Allzu lange lehnten die freisinnigen Frauen auch Quoten ab. Zur vollen Zufriedenheit der Männer. Das ewige ­Scheitern der FDP-Frauen hat also genau damit zu tun, dass für sie das «Geschlecht» kein Thema ist. So wie für Petra Gössi lange auch nicht.

FEUER UND FLAMME. «Lieber gleich berechtigt als später.» Das forderten die Frauen am 14. Juni. 100’000 fluteten am diesjährigen Frauenstreiktag die Strassen. Und sie sprachen vom Geschlecht. Von den Geschlechtern. Und von den geschlechtsspezifischen Diskriminierungen. Und wie! Laut, lustvoll und locker: «Feuer und Flamme fürs Patriarchat!» work war dabei und zeigt die tollen Bilder. Und die Frauen sprachen auch vom Klima. FDP? Wofür steht’s? Ah ja, klar: «Fuck the Planet!

Schreiben Sie einen Kommentar

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus.