Medizinhistoriker Flurin Condrau über 200 Jahre Impf-Geschichte:

Wer hat eigentlich das Impfen erfunden, Herr Condrau?

Jonas Komposch

Während die Welt auf einen guten Corona-Impfstoff wartet, malen radikale Impfgegnerinnen und -gegner schon jetzt den Teufel an die Wand. Historisch gesehen sei das ganz normal, sagt der Zürcher Medizinhistoriker Flurin Condrau*.

FREUDIGES ERLEBNIS, DAMALS: Pflegerinnen lassen sich im Kinderspital Zürich gegen Pocken impfen, 1955. (Foto: Ullstein Bild)

work: Impfen gehört zu den erfolgreichsten Erfindungen der modernen Medizin. Doch ausgerechnet in der Corona-Pandemie scheint die Impfgegnerschaft erstarkt. Ist das nicht paradox?
Flurin Condrau: Ich bin mir nicht ­sicher, ob die Impfgegnerschaft heute stärker ist als sonst. Sicher entfacht sie gerade ein kommunikatives Feuer. Zum Beispiel in den sozialen Medien. Aber das sollten wir nicht überschätzen. Die Impfgegnerschaft ist nämlich so alt wie das Impfen selbst. Nehmen Sie zum Beispiel Jeremias Gotthelfs «Anne Bäbi Jowäger».

Der Heimatroman von 1843 …
… ist fast schon eine Werbeschrift für die Pockenschutzimpfung! Und eine Auftragsarbeit des Kantons Bern gegen die Kurpfuscherei. Das Anne Bäbi hat ja einen Sohn, der an Pocken leidet, und sucht vergebens Hilfe bei allen erdenklichen «Kurpfuschern» und «Quacksalbern». Die Rettung kommt erst durch den heldenhaften Kampf eines Arztes zustande, der Anne Bäbi rettet. Heute würde man sagen: Der Kanton Bern hat mit Hilfe Gotthelfs sehr überzeugend den Wert der Pockenimpfung und der akademischen Medizin kommuniziert.

Medizinhistoriker Flurin Condrau. (Foto: ZVG)

Die Impfkritik verhallte aber nicht.
Nein. Als zum Beispiel Bundesrat und Parlament 1882 nach den Cholerawellen (1830–1867) erstmals ein Epidemiengesetz einführen wollten, war der Widerstand riesig. Denn das Gesetz beinhaltete den Zwang zur Pockenimpfung. Das Referendum wurde ergriffen. Und in der Volksabstimmung schickten sagenhafte 79 Prozent der Männer das Gesetz bachab. Doch nur vier Jahre später holte der Bundesrat dasselbe Gesetz noch einmal hervor, diesmal einfach ohne Impfzwang: Es kam nicht einmal zu einem Referendum, das Gesetz trat in Kraft.

Wovor fürchteten sich die Impfgegner?
Einige Ärzte unter den Kritikern widersprachen den medizinischen Experten des Bundes. Denn diese plädierten für die Pockenschutzimpfung, die damals einzig bekannte Impfung. Doch ausgerechnet diese erste erfolgreiche Impfung basierte nicht auf wissenschaftlicher Forschung.

Sondern?
Auf Erfahrungswerten. Begonnen hatte in West­europa ja alles mit Lady Montagu, der Gemahlin des englischen Generalkonsuls in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul. Dort wurde sie im Jahr 1717 Zeugin, wie die Einheimischen ihre Kinder absichtlich und kontrolliert den Pocken aussetzten.

Eine Art «Pocken-Party»?
Genau! Man half etwas nach, indem man den Kleinen die Arme ein wenig aufritzte und die Stellen mit dem Inhalt von Pockenpusteln kontaminierte. Die lokale Tradition hatte seit langem erkannt: Je früher ein Mensch die Pocken hat, desto weniger gefährlich sind sie für diesen.

LANGE GESCHICHTE: Vom Kampf gegen die Pocken…

Und diese Tradition brachte Lady Montagu nach England?
Es dauerte ein wenig, aber gegen Ende des 18. Jahrhunderts begann sich dieses Wissen im britischen Königreich auszubreiten, aber, durchaus zeitgemäss, ohne wissenschaftliche Begleitung. Auch der eigentliche Impfpionier, Edward Jenner, war «bloss» ein Landarzt. Ihm fiel auf, dass Melkerinnen besonders selten an den echten Pocken erkrankten. Jenner vermutete, dies hinge mit den für Menschen harmlosen Kuhpocken zusammen. Und so begann er mit dem Sekret von Kuhpockenpusteln zu experimentieren – mit Erfolg. Von «vacca» (lateinisch für Kuh) stammt denn auch der Begriff «vaccination» (englisch für Impfung).

Quasi das Tier in dir …
Ja, wobei sich genau davor auch viele Menschen fürchteten. Es kursierten etwa Gerüchte, dass zu einem Hybridwesen mutiere, wer tierische Sub­stanzen eingespritzt bekomme. Passend dazu gab es schrecklich geniale ­Illustrationen. Von Menschen mit Kuhköpfen etwa oder von infizierten Stieren, die Kinder fressen. Diese Angst gleicht jener, die heute beispielsweise in ­Japan offenbar in Bezug auf Transplantationen existiert.

«Nazis hielten die Impfpflicht für eine bös­artige jüdische Erfindung.»

Es gab doch auch vernünftigere Impfkritik!
Durchaus. Im späten 19. Jahrhundert war die Impfkritik hauptsächlich eine soziale Kritik. In England lautete ein Slogan etwa: «Sanitation not Vaccination». Also «Hygiene statt Impfung». Man war der Meinung, dass eine bessere Gesundheitsversorgung für alle und hygienischere Wohn- und Arbeitsverhältnisse das Impfen überflüssig machen würden. Diese Haltung war nicht zuletzt auch in der Arbeiterbewegung stark. Offenbar ging es bei der damaligen Impfflicht doch auch um das Wohl der bürgerlichen Oberschichten, die die Ungeimpften gerne einfach ins Gefängnis stecken ­wollten.

Heute ist Impfkritik nicht mehr Sozialkritik?
Die neuere Impfgegnerschaft gleicht eher einer Art «Bildungsopposition». Impfgegnerinnen und -gegner stammen oft aus einem urbanen, gutsituierten Milieu. Ihren Ursprung hat diese Entwicklung in der Kontroverse um die Impfung gegen Mumps, Masern und Röteln (MMR). Der englische Arzt Andrew Wakefield behauptete 1998, die MMR- Impfung würde bei Kindern Autismus hervorrufen. Das wurde zwar schnell widerlegt, weil Wakefield offenbar mit den Daten geschummelt hat. Doch der Schaden war angerichtet, und das Gerücht der Schädlichkeit der MMR-Impfung hat sich leider gehalten. Denn gerade eine Impfempfehlung für Kinder sehen sogenannt bildungsnahe Schichten oft kritisch.

… bis zur Ausrottung der Fuchstollwut in der Schweiz 1998.

Das ist doch ihr gutes Recht!
Sicher, nur sind sie im Fall von MMR halt einem Schwindler auf den Leim gegangen, der jetzt Berufsverbot hat. Aber grundsätzlich halte ich eine gewisse kritische Haltung gegenüber ärztlichen Empfehlungen und Gesundheitsinstitutionen ja durchaus für nicht falsch. Es ist ja auch nicht so, dass unser Gesundheitswesen, übrigens das zweitteuerste der Welt, keine Mängel hätte. Und es gibt ja auch immer wieder Skandale wie etwa jüngst um einige Chefärzte des Unispitals in Zürich, die viel Vertrauen gekostet haben. Und um einen alten Spruch der Impfgegner des 19. Jahrhunderts aufzunehmen: Ganz abgesehen von Impfempfehlungen ist es mit der öffentlichen Gesundheitspflege in der Schweiz und damit zusammenhängend mit Präventionsarbeit vergleichsweise schlecht bestellt. Kommt dazu, dass die im Parlament bestens vertretene Pharmaindustrie vor allem in Bezug auf die Preisbildung kaum reguliert wird. Mit Folgen zum Beispiel für die Medikamentenpreise, die bei uns etwa doppelt so hoch sind wie in Deutschland.

A propos Deutschland: Warum waren aus­gerechnet die Nazis derart impfskeptisch?
Kaiser Wilhelm führte ja schon 1874 die Impfpflicht im Deutschen Reich ein. Und zwar aus militärischen Überlegungen. Man war der Meinung, der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 sei auch deshalb gewonnen worden, weil die deutsche Armee gegen Pocken geimpft war, die französische aber nicht. Daran knüpft die sozialdemokratisch geprägte Weimarer Republik 1918 nahtlos an. Sie hatte eine proaktive und positive Vision des Impfens als zentrales Element der auch sonst stark aufgestellten Gesundheitsfürsorge. Die Nazis aber lockerten die Impfpolitik. Aus Abgrenzung zur Weimar Demokratie, aber vor allem, weil sie die grösste Gefahr für den «Volkskörper» in einer «rassischen Kontamination» sahen. Dazu passt das Injizieren von «artfremden» Stoffen schlecht. Zudem waren viele Nazis Anhänger der Naturheilkunde, die das Impfen grundsätzlich ablehnte. Andere hielten die Impfpflicht schlicht für eine bösartige jüdische Erfindung.

Sehen Sie diesbezüglich Parallelen zu den aktuellen Corona-Demos? Dort sind ja Slogans wie «Impfen macht frei» sehr populär.
Der Erfolg der Corona-Leugner basiert wie jener des Nationalsozialismus wesentlich auf Verschwörungstheorien. Also auf der Schuldzu­weisung gegen Personengruppen, die gar nicht verantwortlich sind. Wenn nun Corona-Leugnerinnen und gewisse Impfgegner sich «Judensterne» anheften, sich «wie Sophie Scholl im ­Widerstand» fühlen oder den Behörden «Nazi-­Methoden» vorwerfen, dann meiner Meinung nach aus politischem Kalkül heraus.

Nämlich?
Um die Begriffe vollständig zu verwässern und so zu besetzen, dass sie nicht mehr gegen sie selbst verwendet werden können. Wenn man zum Beispiel Angela Merkel plötzlich als «Nazi» bezeichnen kann, spielt es keine Rolle mehr, dass die eigene «coronaskeptische» Gruppe tatsächlich mit Rechtsextremen durchsetzt ist. Sicher ist die Corona-Leugnerschaft eine bunte Mischung aus verschiedenen gesellschaftlichen Spektren. Was diese Mischung aber eint, ist eine Krise des Vertrauens in die moderne Medizin. Übrigens eine Erscheinung, die in der Geschichte eher der Normalfall ist. Nicht die gegenwärtige Vertrauenskrise ist meiner Meinung nach besonders speziell, sondern die 1950er und 1960er Jahre, die goldene Ära der Medizin mit ihren vielen beeindruckenden Innovationen und einer Bevölkerung, die alles mittrug und kaum etwas in Frage stellte.

Wie kann die Medizin aus der Vertrauens­krise finden?
Eine gewisse Opposition gegen die Impfungen wird wohl immer bleiben. Ich finde das auch nicht grundsätzlich schlimm, ist es doch die Konsequenz unserer liberalen Gesellschaft. Doch grundsätzlich muss sich die Medizin besser erklären. Sie hat einen Kommunikationsauftrag. Die jetzige Impfskepsis ist teils auch eine Konsequenz von schlechter Vermittlung über Jahrzehnte. Ohne breit abgestützte politische Regulierung der Pharmaindustrie in der Schweiz wird es ebenfalls schwierig: Auch hierzulande wollen viele Menschen wissen, wer womit wie viel verdient! Das ist einfach auch eine Frage der Transparenz. Vielleicht wird es auch Zeit, dass in der Schweiz grundsätzlicher über Gesundheitspolitik diskutiert wird. Im Moment ist alles dermassen kompliziert, dass sich eigentlich niemand so richtig damit befassen will. Das kann in einer Demokratie auf Dauer nicht wirklich gut gehen.

* Flurin Condrau (55) ist Professor für Medizingeschichte am Institut für Biomedizinische Ethik und Medizin­geschichte der Universität Zürich. Bis 2011 lehrte der Zürcher mit Bündner Wurzeln an Universitäten in München, Sheffield und Manchester.


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