Die Schweiz ist bei den Impfstoffen vom Ausland ­abhängig. Das war nicht immer so.

Berna Biotech AG war renommiert, doch dem Bundesrat nichts wert

Jonas Komposch

Über 100 Jahre lang ­produzierte die Berna Biotech AG im ­bernischen ­Thörishaus ­weltweit gefragte ­Impfstoffe. Dann ­machte der Bundesrat 2005 ­einen schwerwiegenden Fehler.

WELTWEIT ERFOLGREICH: Laborant im Sars-Forschungsteam des Berner Impfstoffherstellers Berna Biotech, 2003. (Foto: Keystone)

300 Millionen Franken bewilligte der Bundesrat letzten August, um damit Corona-Impfstoffe einzukaufen. Doch der internationale Wettlauf um die begehrten Dosen ist so heiss, dass die Landesregierung ihren Kredit am 11. November um weitere 100 Millionen aufstocken musste. Von dieser stolzen Summe kommt aber nur ein kleiner Teil dem Schweizer Forschungs- und Werkplatz zugute. Der Löwenanteil fliesst direkt an ausländische Firmen. Etwa an das US-amerikanische Biotech-Unternehmen Moderna (Kaufvertrag über 4,5 Millionen Impfdosen), den britischen Pharmakonzern AstraZeneca (Kaufvertrag über 5,3 Millionen Dosen) sowie an dessen US-amerikanische Konkurrentin Pfizer, die mit der deutschen Partnerin Biontech kurz vor dem Impfstoff­durchbruch scheint (Reservation von 3 Millionen Dosen). Warum aber deckt ausgerechnet die Pharmanation Schweiz ihren Corona-Impfstoff-Bedarf über das Ausland?

«Bezüglich Impfstoffen sind wir von ein paar wenigen Standorten in Billiglohnländern abhängig.»

ABHÄNGIGKEIT UND MANGEL

Ganz einfach, weil hier nichts zu holen ist. Roche lässt seit je weitgehend die Finger von der zeit- und kostenintensiven Impfstoffentwicklung, Tabletten pressen scheint rentabler. Und auch Nov­artis taxierte seine Impfstoffsparte 2014 als zu wenig profitabel und verscherbelte sie an die englische Konkurrentin GlaxoSmithKline. Seither forscht nur noch eine Handvoll einheimischer Kleinfirmen an Impfstoffen. Ein Zustand, vor dem die ehemalige SP-Nationalrätin Bea Heim schon vor Jahren warnte. Zuletzt 2018 in einer Motion an den Bundesrat. Heute sagt sie: «Bezüglich Impfstoffen sind wir über die gesamte Kette von der Forschung und Entwicklung über die Produktion bis zur Versorgung von ein paar wenigen Produktionsstandorten in Billiglohnländern abhängig.»

Dies hat Folgen: Hiesige Ärztinnen und Ärzte kämpfen seit Jahren mit einem Mangel an wichtigen Impfstoffen. Laut dem Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) sind zurzeit sieben Impfprodukte kaum oder gar nicht erhältlich. Und das Bundesamt für Gesundheit (BAG) warnt, es komme «immer öfter» zu Lieferengpässen. Pikant dabei: Das war nicht immer so. Und noch pikanter: Das Problem, das die Bundesstellen klar benennen, hat nicht zuletzt ausgerechnet der Bundesrat ihnen eingebrockt.

Die Landesregierung suchte nämlich 2005 eine Lieferantin von 100’000 Impfstoffdosen gegen die Vogelgrippe H5 N1. Um diesen Auftrag bewarb sich auch die Berna Biotech AG aus Thörishaus BE. Sie war eine renommierte Impfstoffspezialistin, die aus dem 1898 gegründeten Schweizerischen Serum- und Impfinstitut Bern hervorgegangen war. Und die im Verlauf ihrer Geschichte ­bereits erfolgreich Impfstoffe gegen Pocken, Diphtherie, Cholera, Polio, Typhus, Hirnhautentzündung, Hepatitis B, die herkömmliche Grippe und – eine Seltenheit – auch gegen die virale Lungenkrankheit Sars hergestellt hatte. Und zwar für Kundinnen und Kunden aus der ganzen Welt.

Doch das Vogelgrippe-Angebot der heimischen Firma war besonders dem damaligen FDP-Gesundheitsminister Pascal Couchepin zu wenig attraktiv. Die Berna steckte nämlich in einer wirtschaftlich schwierigen Phase und hatte für eine Produktionsanlage um eine Investitionshilfe von 12 Millionen Franken gebeten. Zu viel, befand der Bundesrat und gab den Auftrag kurzerhand ins Ausland. Dazu SP-Politikerin Heim: «Damit liess der Bundesrat die angeschlagene Berna einfach im Regen stehen.»

VERPASSE CHANCE

Und genau das wusste die ausländische Konkurrenz zu nutzen. Kurz nach dem bundesrätlichen Korb kaufte die holländische Firma Crucell die Berner Traditionsfirma, baute 60 von 410 Stellen ab und liess sich dann wiederum selbst schlucken. Seither gehören die Überbleibsel der Berna zwei US-amerikanischen Pharmakonzernen.

Das ärgert Susanne Leutenegger Oberholzer noch heute. Sie hatte sich als SP-Nationalrätin bereits früh um die gesamtwirtschaftlichen Folgen einer Pandemievorsorge gesorgt. Heute sagt sie: «Verglichen mit den Folgekosten der Pandemie, sind 12 Millionen ein Klacks!» Schon damals sei klar gewesen, dass der Bundesrat kurzsichtig und volkswirtschaftlich unvernünftig gehandelt habe. Heute unterstreiche das die Pandemie schmerzlich. Von der verpassten Chance profitierten nun andere. Für die Ex-Nationalrätin ist daher klar: «Umso mehr braucht die Schweiz eine zielführende Strategie für die Impfvorsorge. Wichtig sind insbesondere staatliche Impulse für die Forschung an Hochschulen und Universi­täten.» Und sie fügt an: «Soll mir niemand mit ­angeblich fehlendem Geld kommen! Die Nationalbankreserven sind prall und ermöglichen pro­blemlos einen Forschungsfonds.»

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