Jetzt haut Ethos-Präsident Ruedi Rechsteiner auf den Tisch:

«Vom Staat gerettet werden und dennoch Boni zahlen: Das geht doch nicht!»

Ralph Hug

Die Anlagestiftung Ethos schaut den Abzockern in den Chefetagen auf die Finger. Und setzt sich für eine ökosoziale Unter­nehmensführung ein. Ethos-Präsident und Ex-SP-Nationalrat Rudolf Rechsteiner sagt, warum.

ETHOS-PRÄSIDENT RUEDI RECHSTEINER: «Wenn die Swiss von einer grossen staatlichen Unterstützung profitiert, kann sie den Managerinnen und Managern keine Boni zahlen. Während einer Pandemie ist auf solche Entschädigungen zu verzichten.» (Foto: Keystone)

work: Ruedi Rechsteiner, es gab kürzlich drei grosse Aufreger. Fall eins: Die Swiss hat vom Staat einen Milliardenkredit erhalten, will tausend Stellen streichen und trotzdem ihren Managern noch Boni auszahlen …
Ruedi Rechsteiner: … das ist stossend. Es geht nicht, dass Firmen, die von einer grossen staatlichen Unterstützung profitieren, ihren Managern Boni auszahlen. Wenn die Swiss gerettet wird, kann sie keine Boni zahlen. Während einer Pandemie ist auf solche Entschädigungen zu verzichten. Sie liegen einfach nicht drin!

Warum hat Ethos nicht interveniert?
Es ist in erster Linie Sache des Bundesrats, solche Praktiken zu stoppen. Wir bei Ethos konzentrieren uns auf die Einflussnahme der Ak­tionäre. Wir sind keine politische Organisation im engeren Sinn, sondern operieren als Organ der Mitglieder, in erster Linie der Pensionskassen, die sich für nachhaltige Investitionen und gute Unternehmensführung einsetzen. Und das mit internationaler Reichweite.

Ruedi Rechsteiner: Ökonom und Atomgegner

Kaum einer hat sich für die erneuerbaren Energien so ins Zeug gelegt wie er, und das seit Jahrzehnten: Der Basler Ruedi Rechsteiner (62) war von 1995 bis 2010 SP-Nationalrat und politi­sierte davor und auch noch danach während vieler Jahre im Basler ­Grossen Rat.

DOZENT. Einen ­Namen machte sich der studierte Ökonom und Atomgegner auch als Pensionskassenspezialist. Er führt in Basel ein ­eigenes Beratungsbüro, lehrt an Hochschulen und ­präsidiert heute die Anlagestiftung Ethos sowie die Entwicklungsorganisation Swissaid.

Fall zwei: Der Zughersteller Stadler Rail ging letztes Jahr an die Börse, der Aktienkurs explodierte und stieg aufs Fünffache. Über Besitzer und SVP-Politiker Peter Spuhler und das Management ergoss sich ein Geldregen. Reine Abzockerei?
Bei Stadler wurden die Kadermitarbeitenden in den Börsengang einbezogen. Sie konnten sich Aktien reservieren und haben so von den Gewinnen profitiert. Die einfachen Mitarbeitenden konnten es nicht. Die Botschaft, die ein solches Vorgehen aussendet, lautet ja, dass ein ­einfacher Arbeitnehmer nichts Wesentliches zum Wert der Firma beigetragen habe. Das finde ich falsch. Besser wäre gewesen, wenn die Partizipation alle Beschäftigten umfasst hätte. Immerhin muss man Herrn Spuhler zugute halten, dass er nicht alles allein für sich behalten hat.

Fall drei: Bei der Ems-Chemie sind die Dividenden, die an die Besitzerfamilie Martullo-Blocher ausbezahlt werden, mittlerweile höher als die ganze Lohnsumme der Mitarbeitenden. Eine himmelschreiende Ungerechtigkeit?
Man kann das so sehen. Für mich stellt sich die Frage, wieso man bei derart hohen Gewinnen noch die Gewinnsteuern senkt. Ethos war im übrigen noch nie an einer Generalversammlung der Ems-Chemie. Frau Martullo gehört nicht zu den Kräften, die für einen Dialog offen sind. Mit Firmen, die von Familien kontrolliert werden – auch etwa mit der Familie Hayek von Swatch –, ist der Dialog manchmal schwierig.

Aber ansonsten setzen Sie ja ausdrücklich auf den Dialog mit Wirtschaftsführern. Wie ist es eigentlich so als Sozialdemokrat in den Teppichetagen der Grosskonzerne?
Die Treffen mit den Unternehmensverantwortlichen sind jeweils sehr gut vorbereitet. Ethos erstellt zuvor detaillierte Analysen und Berichte mit einem Rating. Die Gespräche finden vor Ort statt, sind diskret und dauern in der Regel etwa anderthalb Stunden. Man hört zu, und es wird diskutiert. Entscheidend ist, dass wir diesen Dia­log über Jahre hinweg pflegen und so ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit schaffen können.

Erzählen Sie uns doch, wie Sie ­überhaupt zu Ethos kamen. Sie sind zwar ein Pensionskassenspezialist, aber vor allem durch Ihr Engagement für die erneuer­baren Energien bekannt.
Ich bin 2018 in einer schwierigen Situation bei Ethos eingestiegen. Es gab damals im Stiftungsrat ein Zerwürfnis. Eine personelle Erneuerung stand an. Ich wurde von einem Headhunter für das Präsidium angefragt, weil ich seit Jahrzehnten sowohl über Pensionskassen wie über Nachhaltigkeit publiziert habe. Ich fühle mich sehr wohl mit dem Team von Ethos.

Das grosse Thema seit der Gründung von Ethos vor 23 Jahren sind nachhaltige
Investitionen. Kommt die Botschaft in­zwischen an?
Wir wollen den Konzernchefinnen und -chefs aufzeigen, wo es Defizite gibt, welche Alternativen bestehen und dass es richtig ist, sich an den Kriterien für eine gute, ökologische und soziale Unternehmensführung zu orientieren. Das muss langfristig gerade nicht bedeuten, dass die Rendite geringer wird, im Gegenteil: Gut geführte Unternehmen, die sich auf die Zukunft ausrichten, sind besser unterwegs. Und den Pensionskassen zeigen wir mit Vergleichszahlen, welche Unternehmen die Kriterien besonders gut erfüllen. Ethos nimmt in ihrem Auftrag auch Stimmrechte an den Generalversammlungen wahr.

Nennen Sie uns ein konkretes Beispiel, wo Ihr Einfluss etwas bewirkte.
Nestlé will über vierhundert Fabriken auf der ganzen Welt mit Strom aus erneuerbaren Energien versorgen. Wenn dies gelingt, wird der CO2-Ausstoss weltweit deutlich verringert. Dahinter verbirgt sich sehr viel. Denn solche Unternehmen können Druck auf säumige Staaten ausüben. Polen zum Beispiel muss nun von ­seinen umweltschädlichen Kohlekraftwerken wegkommen und erneuerbare Energien zulassen, sonst verweigern grosse Firmen neue Investitionen. Nestlé ist mit solchen Bestrebungen keineswegs allein. Der Druck engagierter Aktio­näre wirkt.

«Frau Martullo ist nicht offen für
einen Dialog.»

Früher sagten Unternehmer: Umweltschutz ist teuer und kostet. Hören Sie dieses Argument nicht mehr?
Der Handlungsdruck hat sich durch den Klimawandel erhöht. Solar- und Windenergie sind inzwischen wettbewerbsfähig. Die Auswirkungen des Klimawandels sind auch für die Investoren katastrophal; es droht dadurch eine Entwertung der Unternehmen und Immobilien. Wir leben aber in einer komfortablen Situation, was die Handlungsmöglichkeiten anbelangt.

Wie meinen Sie das?
Investitionen in neue Technologien können das Problem mit dem Klima mindestens zu einem grossen Teil echt lösen. Wir schaffen die Energiesystemwende – weg von Öl, Gas und Kohle, hin zu Wind- und Solarkraft – innert zehn Jahren, wenn wir das wollen. Die erneuerbaren Energien sind extrem schnell kostengünstig geworden, der Wechsel spart sogar Geld. Aber wir alle müssen nun vorwärtsmachen. Deshalb ärgert mich, dass ein Teil der Klimajugend das SVP-Referendum gegen das CO2-Gesetz unterstützt und die Chancen nicht versteht. Dieses Gesetz kann vielen Unternehmen bei der Umstellung helfen. Wir können nicht länger zuwarten, ein besseres Gesetz werden wir mit diesem Parlament nicht bekommen.

Kehren wir zur Abzockerei zurück. Werden in den Grosskonzernen nicht ­immer noch viel zu hohe Saläre bezahlt?
Die neoliberale Ideologie sagt, dass bei Unternehmen nur der Gewinn zähle. Was natürlich nicht stimmt. Aber diese Einstellung machte die Lohnexzesse erst möglich, die mit Barnevik bei ABB begannen und dann mit Ospel, Vasella & Co. Nachahmer fanden. Das ändert sich jetzt zum Glück graduell wieder. Die Kontrollmöglichkeiten der Aktionärinnen und Aktionäre wurden ausgebaut. Nötig ist eine echte Rückkehr zu gemeinsamen Werten. Dazu gehört auch das gesellschaftliche Engagement von Wirtschaftsvertretern. Es ist auch kein Tabu mehr, über eine Rückkehr zu einer stärker progressiven Besteuerung oder über eine Erbschaftssteuer zu sprechen, um den Sozialstaat tragfähig zu machen.

Brauchen wir eine zweite Abzocker­initiative?
Für mich ist es dringlicher, die Lücken im geltenden Gesetz zu schliessen. Heute können Pensionskassen, die in Fonds investiert haben, ihr Stimmrecht nicht wahrnehmen. Dabei ist es doch primär Aufgabe der Aktionärinnen und Aktionäre, eine Firma zu kontrollieren. Absolute Lohnobergrenzen sind relativ schwierig zu regulieren. Lohnexzesse wie früher gibt es heute weniger, und es gibt einen Trend zu Mindestlöhnen. Wenn Novartis oder Nestlé ihren Sitz in die USA verlegen würden, wären die Spitzenlöhne noch höher, und dort hätten wir dann weit weniger Einfluss. Da ist mir eine ­verschärfte Kontrolle durch das Aktionariat lieber.

Haben Konzerne überhaupt einen ­Anreiz, sich bei den CEO-Salären zu ­mässigen?
Die Unternehmen bewegen sich nicht im luftleeren Raum. Sie sind auf die Akzeptanz der Gesellschaft angewiesen. An den Generalversammlungen beanstanden wir stets zu hohe Saläre, und damit sind wir nicht allein. Die Einsicht wächst, dass es für die Unternehmen selber schädlich ist, wenn es innerhalb des Konzerns zu grosse Lohnunterschiede gibt.


Das sagt der Ethos-Präsident zu den Initiativen: 2 x Ja am 29. November!

KONZERNVERANTWORTUNGS-INITIATIVE
work: Wir stimmen demnächst über die Konzernverantwortungsinitiative ab. Sie stellt ethische Fragen des wirtschaftlichen Handelns ins Zentrum. Ein klarer Fall für Ethos?
Ruedi Rechsteiner: Wir sind Mitglied im Trägerverein der Initiative. Das Bewusstsein wächst, dass Konzerne für ihr Tun Verantwortung tragen. Selbst Freisinnige sagen mir hinter vorgehaltener Hand, dass man diese Initiative eigentlich nicht ablehnen könne. Ich beobachte, dass Themen wie Ökologie, Klimaschutz oder Menschenrechte in vielen Schweizer Unternehmen durchaus präsent sind. Gewisse Konzernchefs haben mich mit ihren Ambitionen positiv überrascht. Aber wenn Sie Hunderte Zulieferer haben, ist die Kontrolle anspruchsvoll.

KRIEGSGESCHÄFT-INITIATIVE
work: Von der zweiten Initiative in der Abstimmung wird weniger gesprochen. Sie will die Finanzierung von Kriegsgeschäften verbieten. Nationalbank und Pensions­kassen dürften nicht mehr in Firmen investieren, die Kriegsmaterial herstellen. Was meint Ethos dazu?
Ruedi Rechsteiner: Manche Pensionskassen meiden Rüstungs­firmen schon seit vielen Jahren. Zum Beispiel Basel-Stadt oder Zürich. Und das geht ganz ohne Renditeverluste. Es wurde mehrmals nachgerechnet: Auch beim Ausschluss von Kohlefirmen nimmt die Rendite keinen Schaden. Das Anliegen der Initiative ist legitim und bringt den Pensionskassen keine Nachteile.

Das will die Konzern-Initiative: Firmen haftbar machen

Die Konzernverantwortungsinitiative (KVI) will, dass Schweizer Konzerne für ihre Schäden im Ausland haften. Sie müssen für Menschenrechtsverletzungen oder Umweltverschmutzung ihrer Tochterfirmen geradestehen. Betroffene sollen in der Schweiz ­Klage einreichen und Wiedergutmachung verlangen können.

UNIA SAGT JA. Einfache Zulieferer sind von der Haftung ausgeschlossen. Ebenso ausgenommen sind KMU, ausser sie seien im Rohstoffhandel tätig, der als Hochrisiko­sektor gilt. In andern ­Ländern wie Gross­britannien oder Kanada existieren bereits Haftungsklauseln für Konzerne, wie sie jetzt die Konzernverantwortungsinitiative für die Schweiz fordert. Sie wurde 2016 von einem grossen Bündnis von Entwicklungs-, Menschenrechts- und kirch­lichen Organisationen eingereicht. Die Unia unterstützt das ­Volksbegehren und ruft zu ­einem Ja am 29. November auf.


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