Die Corona-Krise beschert Seelenfängern ein Hoch

In den Grotten von Lourdes geht der Verstand baden

Jonas Komposch

Corona-Fake-News können im Ex­tremfall tödlich enden. Eine Auswahl der gefährlichsten Behauptungen.

Marian Eleganti ist Weihbischof des mächtigen Bistums von Chur. Wegen des Lockdowns kann auch er von keiner Kanzel mehr predigen. Doch da entdeckte der Geistliche Youtube und wandte sich sogleich per Video an seine Schäfchen – und zwar empört! Denn im französischen Lourdes wagten es die Gesundheitsbehörden tatsächlich, auch die Pilgerstätte der «heiligen ­Bäder» zu schliessen. Unerhört für den Churer Gottesmann! Schliesslich habe sich dort noch kein einziger Wallfahrer irgendeine Krankheit geholt. Der Schöpfer selbst habe stets für Schutz gesorgt. Also sei das Baden in Lourdes auch jetzt, trotz Corona-Seuche, völlig unbedenklich. Zumindest für brave Christen. Denn, so Eleganti: «Glaubst du, so bleibst du, glaubst du nicht, so gehst du unter.»

Ähnlich argumentiert Prof. Dr. Friedhelm Jung, Dekan einer staatlich anerkannten evangelikalen Hochschule im deutschen Bonn. Er schreibt zu Corona: «Weil viele Menschen gottlos und in schwerer Sünde leben (z. B. Pornographie und Homosexualität), schickt Gott Strafen.» Mit solchen mittelalterlichen Reflexen sind die fundamentalistischen Christen nicht allein. Eiferer sämtlicher Religionen versuchen den Virus in ihren Dienst zu stellen. So auch Jamil Al-Mutaw, ein Imam, der im palästinensischen Gazastreifen einflussreich ist. Seinen Anhängerinnen und Anhängern bleute er ein, ­Corona sei ein Verbündeter im Kampf gegen Israel, und im TV-Sender der ­radikalislamischen Hamas behauptete er: «Dieser Virus ist ein Soldat Allahs!»

Rechte Foren behaupten, 5G-Technik sei schuld.

CORONA-LEUGNUNG

Eines muss man den Extrem-Religiösen allerdings lassen: Sie streiten die Existenz des Virus immerhin nicht ab. Das tun dagegen verschiedene Staatsoberhäupter, denen die Profite wichtiger sind als die Gesundheit der Menschen. So etwa Alexander Lukaschenko, der ewige Herrscher Weissrusslands. Er meinte lapidar: «Wir erleben diese ­Viren jedes Jahr!» Oder Jair Bolsonaro, der rechtsextreme Präsident Brasiliens. Er hatte bezüglich Corona noch im März von einer «Phantasie» gesprochen, dann von einem «Grippchen», und kürzlich posaunte er: «Der Brasilianer sollte ein Studienfach sein, er wird nie krank. Selbst wenn er in die Kanalisation eintaucht, passiert ihm nichts!» Dumm nur, dass ­Bolsonaro jetzt selbst an einem verdächtigen Husten leidet. Und dass sein Gesundheitsministerium noch nicht komplett gleichgeschaltet ist: Es hat bereits über 3000 brasilianische Corona-Tote gezählt. Und auch US-Präsident Donald Trump redete den Virus noch Anfang März klein: «Es ist wie ein Wunder, es wird ­eines Tages verschwinden. Bleibt einfach ruhig.»

Noch fahrlässiger handelte der britische Premier Boris Johnson. Er prahlte damit, auch Covid-19-Patienten die Hände geschüttelt zu haben. Das sei überhaupt kein Problem, und er werde es wieder tun. Dazu kam es nicht. Denn nun lag Johnson selber am Beatmungsgerät auf der Intensivstation.

Ringier-Publizist Frank A. Meyer
sieht die Täter in Wuhan.

LABOR-ALARM

Richtig irre geht es zurzeit in rechten Onlineforen zu und her. Wie wild verbreitet sich dort etwa die 5 G-Theorie. Sie behauptet, dass die neue Mobilfunktechnologie die Ausbreitung des Virus begünstige. Bereits ist es in Grossbritannien zu einer Welle von Brand­anschlägen auf 5 G-Funkmasten gekommen. Andere Verschworene sehen in Corona einen von «dunklen Mächten» – gemeint sind zumeist «die Juden» – herbeigeführten «Krieg gegen die Bürger», um eine «Neue Weltordnung» (NWO) zu installieren. Der Virus wird demnach als gezielt eingesetzte Biowaffe verstanden. In abgewandelter Form ist diese Theorie mittlerweile weit vorgedrungen. In den USA glauben laut einer Umfrage 29 Prozent der Bevölkerung, der Virus sei absichtlich in einem Labor hergestellt worden. Und in Deutschland glaubt jede und jeder dritte, dass Politiker und andere Führungspersönlichkeiten nur «Marionetten der dahinterstehenden Mächte» seien. Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht, dass die Schuldzuweisungen auch zwischen den Grossmächten ­gerade eskalieren. Schliesslich sind Sündenböcke praktisch, wenn man von hausgemachten Problemen ablenken muss.

Russische Staatsmedien meinen, den Virenursprung in den US-Labors gefunden zu haben. Und US-Präsident Donald Trump behauptet, China habe den Virus absichtlich freigesetzt. Genau das tut nun ebenso die deutsche «Bild-Zeitung», und im «Sonntagsblick» hetzte Ringier-Publizist Frank A. Meyer, die «Täter von Wuhan» hätten die Welt bewusst und vorsätzlich getäuscht.

Es brauche nun ein «China-Tribunal». Im Vergleich zu solch giftigen Unterstellungen nimmt sich eine kürzlich veröffentlichte Mitteilung der chinesischen Botschaft in Bern wohltuend nüchtern aus. Die Botschaft schreibt: «Nach wie vor sind wir der Überzeugung, dass übertragbare Krankheiten keine nationalen Grenzen oder gar Unterschiede zwischen Volksgruppen kennen. Sie sind ein Feind, mit dem die gesamte Menschheit konfrontiert ist. Es gibt ­einen einzigen Weg, diesen zu bewältigen: nämlich durch Kooperation der ­internationalen Gemeinschaft.»


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