«Nehmen Sie doch ein Dafalgan!»

Verkäuferinnen wissen, wie der Laden läuft. Und dass die Chefs sie mit Hilfe von Algorithmen aus­pressen wie Zitronen.

VERKÄUFERINNEN IN DER PROTESTPAUSE: In der Berner Marktgasse ging eine gute Dreiviertelstunde nichts mehr ausser Frauenpower. (Foto: Manu Friedrich)

Zum Beispiel Nadine Schmid*, Verkäuferin beim Modelabel Esprit. Laut Arbeitsvertrag ist sie «0 bis 100 Prozent» angestellt. Das heisst, Esprit kann sie nach Belieben einsetzen. Oder auch nicht. Für Schmid hat das Folgen. Obwohl Mitte zwanzig, wohnt sie noch bei der Mutter. «Ich möchte schon lange eine eigene Wohnung», sagt sie. «Aber ich muss froh sein, wenn ich Ende Monat die Rechnungen bezahlen kann.»

Schmid arbeitet für einen Stundenlohn von gerade einmal 22 Franken brutto. In den letzten drei Wochen hat sie fast nichts verdient. Eine Woche hatte sie Ferien, sagt sie work. «Die anderen zwei Wochen war ich zur Arbeit eingeteilt. Aber fast immer hat mir die Chefin kurzfristig wieder abgesagt.»

«Sie wollen ständig Stunden sparen, und sie setzen uns unter Druck.»

IMMER VERFÜGBAR

work hat zehn Verkäuferinnen aus der ganzen Schweiz ausführlich befragt. Sie arbeiten bei Coop, Migros, Aldi, ­Esprit, Beldona, Manor und Ikea (siehe Kasten). Das Beispiel von Esprit-Verkäuferin Schmid zeigt deutlich, was die Unia schon seit längerem kritisiert: Gerade in der Modebranche können viele Mitarbeitende von ihrem Job nicht leben. Bei Esprit sei nur etwa ein Drittel der Verkäuferinnen fest angestellt, sagt Schmid. Der Rest habe einen Vertrag wie sie, mit 0 bis 100 Prozent.

Nicht viel besser ist es bei der ­Unterwäschekette Beldona, wie Filialleiterin Sandrine Vuichard* berichtet. Dort seien die Verkäuferinnen (Stundenlohn: 24 bis 25 Franken brutto) in tiefen, variablen Teilzeitpensen angestellt: «Entweder 20 bis 40 Prozent oder 40 bis 60 Prozent.» Nicht genug, um eine Familie zu ernähren. Trotzdem müssen die Frauen möglichst von Montag bis Samstag verfügbar sein, können also daneben keinen zweiten Job annehmen.

Bei den Grossverteilern Coop, Migros und Aldi ergab die Umfrage ein anderes Bild. Abgesehen von einer Studentin, die als Aushilfe jobbte, waren alle Verkäuferinnen zwischen 70 und 100 Prozent angestellt. Zumindest bei Coop kein Zufall, denn laut GAV haben dort Aushilfen, die im Jahresdurchschnitt mehr als 50 Prozent arbeiten, Anrecht auf einen Fixvertrag.

6 Extra-Seiten zur Lage im Detailhandel

PERMANENT AM LIMIT

Coop- und Migros-Verkäuferinnen berichten dafür von einem anderen Problem: Sie seien bei der Arbeit permanent am Limit. Immer müssten sie drei oder mehr Aufgaben gleichzeitig erledigen: einkassieren, Warenkisten auspacken, Regale auffüllen, Kundinnenfragen beantworten und vieles mehr. Die work-Umfrage bringt jetzt ans Licht: Diese Überlastung des Personals ist gewollt. Mit Computer-Algorithmen holen die Grossverteiler aus ihrem Personal ständig den maximalen Profit heraus, bei minimalen Kosten.

Und zwar so: Woche für Woche gibt der Filialleiter ein, mit welchem Umsatz er rechnet. Abhängig davon erhält er vom System eine Anzahl Personalstunden, die er einsetzen darf. Und damit macht er dann den Einsatzplan.

Den er aber laufend anpasst. Die 38jährige Coop-Verkäuferin Claudia Roth *: «Wenn der Umsatz tiefer ausfällt als geplant, schickt er gegen Ende der Woche Leute heim, um die Stunden zu senken.» Für die Verkäuferinnen heisst das: Wenn viel Kundschaft im Laden ist, gibt es viel zu tun. Wenn wenig Kundschaft im Laden ist, sowieso, weil dann auch weniger Mit­arbeitende da sind, so dass sie die anfallenden Arbeiten umso schneller erledigen müssen.

Auch bei Migros hätten die Chefs «ein Budget von Stunden», sagt Verkäuferin Sylvie Meyer * (62): «Sie wollen ständig Stunden sparen, und sie setzen uns unter Druck.»

KRANK ZUR ARBEIT

Kommt dazu: Reserven sind offenbar nirgends eingeplant. Wird auch nur eine Mitarbeiterin krank, gerät das System aus den Fugen. Wenn die Coop-Aushilfe Denise Zuber * (22) anruft und sich abmeldet, «ist die erste Reaktion meistens: ‹O Scheisse, jetzt müssen wir wieder Ersatz suchen.› Am Schluss liegt oft nicht mal ein ‹gute Besserung› drin.»

IMMER LÄNGER OFFEN

Die knappe Planung verschärft den Druck aufs Ladenpersonal. In Zubers ­Filiale arbeiten jeweils zwei Mitarbeitende. Sie weiss genau: «Wenn ich krank werde und die Chefin keinen Ersatz findet, hat die Kollegin alleine den Superstress.» Um ihr das zu ersparen, habe sie sich schon mehrmals krank zur Arbeit geschleppt, sagt sie. Noch plumper ist der Druck, von dem die Kleiderverkäuferin Nadine Schmid berichtet. Eine Filialleiterin habe kranke Mitarbeiterinnen regelmässig gefragt: «Kannst du nicht ein paar Dafalgan nehmen und trotzdem zur Arbeit kommen?»

Gleich drei Verkäuferinnen in der work-Umfrage berichten, die Stunden in ihrem Laden seien in den letzten Jahren ausgeweitet worden. Und alle drei sagen übereinstimmend: «Nein, mehr Personal wurde deswegen nicht eingestellt.» Klar ist: Die Ladenöffnungszeiten haben sich in den letzten Jahren stetig ver­längert. Läden, die morgens um neun aufmachen und abends um halb sieben wieder zugehen, gibt es kaum mehr.

Und die Kundinnen und Kunden? Königlich ist ihr Benehmen nicht immer, wie mehrere Verkäuferinnen berichten. Noch vergleichsweise harmlos sind Touristinnen und Touristen. Coop-Aushilfe Zuber lacht und erzählt: «Mich hat mal einer gefragt, warum ich ihm nicht seinen Einkaufskorb hinterhertrage.» Gar nicht lustig findet sie dagegen sexistische Sprüche, «häufig von älteren Männern, etwa: ‹das hätte ich so einer jungen Frau gar nicht zugetraut›».

Andere benützen die Verkäuferinnen, um ihren Frust abzulassen. Manor-Verkäuferin Sara Benz * kann davon ein Lied singen: «Eine Kundin kommt fast jede Woche in den Laden und ruft aus: Manor sei doof und habe nur blöde Verkäuferinnen.» Oder der Mann, der einen Stapel Kaschmir-Pullover umgeworfen habe, um das unterste Stück zu nehmen. Als sich eine Verkäuferin getraute, etwas zu sagen, bekam sie zu hören: Sie sei ja dafür angestellt, das wieder aufzuräumen.

Ein anderes Mal habe sie eine Kollegin weinend an einer Kasse stehen sehen, so Benz weiter: «Eine Kundin hatte ihr gerade gesagt, sie arbeite ja gar nicht und sie wisse gar nichts.»

Am schlimmsten sei es im Ausverkauf, sagen die Kleiderverkäuferinnen. Noch einmal Sara Benz: «In der Kabine lassen sie die Kleider am Boden liegen und trampeln noch darauf rum.» Das tut ihr weh. Es sei ja keine minderwertige Ware, sagt sie, nur heruntergeschrieben.

Mieser Lohn, Stress, kein Respekt. Das verdirbt vielen die Freude an der Arbeit. Stellvertretend Manor-Verkäuferin Benz: «Für mich stimmt’s schon lange nicht mehr. Es geht nur noch um die Zahlen, das Menschliche ist verloren gegangen.»

* Namen geändert

work-Umfrage: Wo drückt der Schuh im Verkauf?

work wollte es genau wissen: In ausführlichen Interviews be­fragten wir zehn Verkäuferinnen zu den drängendsten Problemen im Detailhandel. Die Stichprobe umfasst die Deutsch- und die Westschweiz und die verschie­denen Branchen des Detail­handels: Lebensmittel (Coop, ­Migros, Aldi), Kleider (Esprit, ­Beldona), Warenhäuser (Manor) und Möbel (Ikea). Die jüngste Teilnehmerin war 22 Jahre alt, die älteste 62. Die telefonischen Befragungen fanden in der ­ersten Februarwoche statt.

NUMMER DREI. Mit mehr als 300’000 Mitarbeitenden ist der Detailhandel die drittgrösste Branche in der Schweiz, hinter Bau und Gesundheit. Zum Vergleich: Im ganzen Finanzsektor arbeiten nur halb so viele Menschen wie im Detailhandel.

Rund die Hälfte der Mitarbeitenden in der Branche arbeiten ­Teilzeit. Das trifft vor allem ­Frauen. Denn obwohl die Männer total nur einen Drittel der ­Arbeitskräfte stellen, besetzen sie mehr als die Hälfte der Vollzeitstellen.


Nonstop-Verkauf:Elf Stunden an der Kasse

Damit die Kasse stimmt, sparen die Detailhändler am Personal. Das bringt sogar einzelne Führungskräfte auf die Palme.

Das Papier, das work vorliegt, hat Sprengraft. Alleine in der Region Bern registrierte Coop 475 Verstösse gegen das Arbeitsgesetz in einem Monat. Vor allem wegen des Überschreitens der erlaubten Höchst­arbeitszeit pro Woche. Und weil ­Arbeitsbeginn und -ende mehr als 14 Stunden auseinanderlagen. Der Coop-Personalchef rechtfertigte die Gesetzesverstösse: Wenn Mitarbeitende kurzfristig ausfielen, müssten halt die anderen mehr arbeiten. Wie wenn Krankheit nicht ein vorhersehbarer Faktor im Personalmanagement eines Grossunternehmens wäre. Arnaud Bouverat von der Unia kritisiert: «Coop und die anderen Detailhändler kalkulieren mit zu wenig Personal» (work berichtete).

Klar ist: Der Detailhandel ist heute so stark unter Druck wie noch nie. Die Umsätze schrumpfen, während Onlinehändler wie Amazon, Zalando & Co. munter zulegen.
Ausbaden müssen das die Mitarbeitenden.

Die Chefs sparen, bis die Leute krank werden.

SPARDRUCK. Das bestätigen auch einzelne Kadermitarbeitende. Eine langjährige Migros-Führungskraft, sie war unter anderem 12 Jahre lang Fachleiterin Kasse und Kundendienst, sprach im «Sonntagsblick» Klartext: «Bei immer längeren Öffnungszeiten müssen wir mit einem immer kleineren Team immer mehr Stunden abdecken.» Der Spardruck beim orangen Riesen sei ins Unerträgliche gewachsen – «bis die Leute krank werden».

Die Mitarbeitenden sässen «bis zu elf Stunden an der Kasse», so die Kaderfrau weiter. Mitsprache bei den Dienstplänen, wie es das Gesetz vorsieht? Fehlanzeige. «Die Filialleitung bestimmt, wer wann arbeitet.»

Ein Ikea-Teamleiter doppelte nach: Seit zwei Jahren seien die Fi­lialen «notorisch unterbesetzt», die Mitarbeitenden permanent überlastet und immer häufiger krank. Doch von der Firmenleitung habe er immer nur die gleiche Antwort erhalten: «Wir müssen sparen.»

Lesetipp: Im Buch Damit der Laden läuft schildern Verkäuferinnen und Verkäufer ungeschminkt ihren Alltag. Herausgegeben von Elisabeth Joris und Rita Schmid, Rotpunktverlag, 2019, CHF 15.–. Unia-Mitglieder können kostenlos bestellen unter info.tertiaer@unia.ch.

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