Editorial

Zum ersten Mal

Marie-Josée Kuhn

Marie-Josée Kuhn, Chefredaktorin work

Die Greta-Wahlen haben uns Frauen ganz schön viele Zum-ersten-Mal-Erlebnisse beschert: Zum ersten Mal haben wir im Nationalrat 84 von 200 Sitzen. Und 12 Stände­rätinnen, davon 11 neue. Zum ersten Mal schicken sieben Kantone eine Frau nach Bundesbern. Obwalden und Zug hatten dort überhaupt noch nie eine. Baselland, Freiburg, Tessin, Wallis und Uri noch nie eine Ständerätin. Das ändert sich jetzt schlagartig. Dank der Schubkraft des Frauenstreiks. Mehr noch: Zum ersten Mal sind die Frauen in den Bundeshausfraktionen der Grünen und der SP in der Mehrheit. Und selbst die grösste Macho-Partei hat neuerdings einen Frauenanteil von 24 Prozent in ihrer Fraktion. Wiewohl die SVP im Stöckli zu 100 Prozent testosteron­gesteuert bleibt.

Der Cassis-Angriff ist politologisch.

GRÜNE BUNDESRÄTIN. So viele «zum ersten Mal» – und das im Jahr 2019! Nicht grad ein Pionierdatum für etwas, das selbstverständlich sein sollte: für die politische Gleichstellung der Frau. Fortschrittliche Frauen fordern diese schon seit mehr als 100 Jahren. Doch das Frauenstimmrecht kam erst 1971 in die Schweiz. Und mit ihm betraten erstmals elf Nationalrätinnen und eine Ständerätin das Bundeshaus.

Erst 1974 kam die erste Bundesrichterin (Margrith Bigler-Eggenberger). Erst 1977 kam die erste Nationalratspräsidentin (Elisabeth Blunschy, CVP). Erst 1983 kam die erste Regierungsrätin (Hedi Lang in Zürich, SP). Erst 1984 kam die erste Bundesrätin (Elisabeth Kopp, FDP). Erst 1987 kam die erste Bundeshaus-Fraktionschefin (Ursula Mauch, SP). Erst 1991 kam die erste Ständeratspräsidentin (Josi Meier, CVP). Und kommt jetzt zum ersten Mal eine grüne Bundesrätin?

GUT FÜRS KLIMA. Grünen-Chefin Regula Rytz will. Das ist gut. Gut für die Frauen, gut fürs Klima und gut für die Arbeitnehmenden. Denn Rytz war jahrelang Zentralsekretärin des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes mit den Schwerpunkten Arbeitsgesetz, Gesundheits­schutz und ­Personenfreizügigkeit. Im Unterschied zum (Rechts-)Aussenminister Ignazio Cassis hätte sie den Lohnschutz im Rahmenabkommen mit der EU nicht zum Abschuss freigegeben. Sie würde auch den Rohstoffkonzern Glencore nicht sauberschleimen. Dass Rytz seinen Sitz angreift, ist also polito-logisch. «Die Schande der Schweiz heisst Ignazio Cassis», schreibt auch Jean Ziegler in seiner work-Kolumne. Der Angriff auf den Tessiner ist aber auch arithmeto-logisch, wie work-Autor Clemens Studer vorrechnet. Cassis wäre übrigens nicht der erste bis­herige Bundesrat, der seinen Stuhl räumen müsste. 2003 traf dieser Schicksalsschlag CVP-Bundesrätin Ruth Metzler. Zum ersten Mal, seit es die Zauberformel gibt.

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