Schnüffelstaat: Vor 30 Jahren flog der Fichen-Skandal auf

Im Visier der Schnüffler

Jonas Komposch

Von der heimlichfeissen Massenüberwachung im Kalten Krieg waren auch ­Tausende Gewerk­schaftsmitglieder be­troffen. Ganz besonders auch ­Migranten und Migrantinnen. Zwei Drittel aller Fichen betreffen sie. Die Schnüffler waren auch sehr ­interessiert ­an den teils pointiert linken Verbänden, die heute in der Unia aufgegangen sind. Vier bespitzelte Gewerkschaftsgrössen gaben work Einblick in ihre Fichen.

MIGRANTINNEN, LINKE, GEWERKSCHAFTER: Sie hatte der Spitzelstaat besonders im Visier. (Foto: Montage work)

Bruno Bollinger (66): Der Maiblitzer

BESPITZELT I: Bruno Bollinger. (Foto: ZVG)

Als «unmenschliche Ausbeuter» habe er die Arbeitgeber beschimpft und «zum Kampf gegen die Kapitalisten» aufgerufen. So rapportiert es Ende Oktober 1975 ein Spitzel der Zuger Kantonspolizei an die Schweizerische Bundesanwaltschaft in Bern. Das beschert dem 22jährigen Bruno Bollinger einen weiteren Fichen­eintrag.

BRANDGEFÄHRLICH. Bollingers Dossier ist ziemlich dick. Denn bereits als Lehrling fällt er der Polizei als «Führungsstabsmitglied» der «linksextremen» Jugendgruppe Maiblitzer auf, ausserdem als «Kommunenbewohner». Und nun agitiert der Elek­tro-Eicher nicht nur als Smuv-Gewerkschafter, sondern – und das macht ihn in den Augen der Staatsschützer brandgefährlich – auch als Mitglied der trotzkistischen Revolutionären Marxistischen Liga. Der Beobachtete macht aber nichts Illegales, sondern verteilt fleissig Flugblätter, organisiert Versammlungen und kandidiert schliesslich als junger Linker für den Nationalrat. Es ist eine Kampfkandidatur. Sein Gegenspieler von der FDP ist ausgerechnet sein Chef, der Konzernleiter von Landis & Gyr. Beide verpassen die Wahl, Bollinger wird entlassen. Die Polizei ist ohnehin erstaunt über die «Kandidatur des B.» So notiert sie: Bollinger «verhielt sich stets ruhig» und sei «nie als Drahtzieher agitatorischer Handlungen festgestellt» worden.

Ganz anderer Meinung ist die Armee, die seine Funktion als Telefonist plötzlich zu heikel findet und ihn umteilt. Zumindest auf dem Papier. Dazu Bollinger heute: «Real fand diese Umteilung gar nie statt! Das zeigt, wie stümperhaft ich fichiert wurde.»

Bruno Bollinger war Unia-Bildungs­verantwortlicher.


Zita Küng (65):Die Links-Szenige

BESPIZELT II: Zita Küng. (Foto: ZVG)

«Bisher trat die K. politisch nicht in Erscheinung», heisst es im ersten Ficheneintrag von Zita Küng. Trotzdem ist die damals 22jährige Musikstudentin aus Zürich für die Kriminalpolizei schon hochinteressant. Sie ist nämlich in eine Berner WG von «Pöchlern» gezügelt, von Mitgliedern der Linkspartei Progressive Organisationen der Schweiz (Poch).

KNACKEN IN DER LEITUNG. Der Telefonanschluss dieser verdächtigen WG ist angezapft. Und als die Zugezogene am 12. November 1976 einen Anruf mit «Zita Küng» entgegennimmt, hören die Schnüffler mit und notieren: «Identifikation der Vita King». Ihren Irrtum bemerken die Staatsschützer bald, denn Küng engagiert sich in der Dritte-Welt-Solidarität, in der Frauenbewegung und für die Poch, später als Zürcher Kantonsrätin oder als Sekretärin bei der Gewerkschaft Bau und Holz (heute Unia). Damit bleibt sie als «bekannte Aktivistin» der «Links-Szene» auf dem Schnüffel-Radar und gelangt – trotz legaler Tätigkeit – sogar in die «Extremistenkartei». Küng vermutet, dass sie überwacht wird: «Immer wenn es beim Telefonieren in der Leitung knackte, dachten wir, dass mitgelauscht wird.»

Die «totale Krise» habe sie erst gekriegt, als sie 1990 – damals bewarb sie sich gerade als stadtzürcherische Gleichstellungs­beauftragte – einen Teil ihrer Akte erhält: «Ich realisierte, wie viele völlig unpolitische Bekannte durch meine Überwachung ebenfalls fichiert wurden.» Schockiert hat Küng zudem ein Informationsschreiben des Militärdepartements über die individuelle Schutzbunkerzuteilung im Falle eines atomaren Kriegs: «Mich hätten sie in der Polizeihauptwache plaziert!»

Zita Küng war Geschäftsleitungsmitglied der Gewerkschaft Bau und Industrie (GBI).


Vasco Pedrina (69): Der Unauffällige

BESPITZELT III: Vasco Pedrina. (Foto: Unia)

Als Vasco Pedrina Anfang der 1990er Jahre einen Teil seiner Fichen erhält, ist er bereits Vizepräsident des Gewerkschaftsbunds (SGB) und als solcher vielbeschäftigt. Deshalb fordert er die kompletten Unterlagen über sich gar nicht erst an.

EXTREMISTEN-STERN. Heute sagt er: «Ich hatte keine Zeit, um in alten Aktenbergen zu wühlen.» Solche seien im Bundesarchiv aber bestimmt noch vorhanden. Wahrscheinlich ist das, weil auch Pedrinas Fiche mit dem Extremistenstern gekennzeichnet ist. Dieses Zeichen erhielten all jene «Subversiven», die im Kriegsfall als «innere Feinde» sofort interniert worden wären. Pedrina galt den Schnüfflern als «Extremist», seit er mit 21 Jahren an einem Schulungskurs der trotzkistischen Revolutionären Marxistischen Liga teilgenommen hatte. Der Extremistenstern hätte ihn beinahe den Job gekostet. Denn als der Jurist eine Stelle bei den SBB antritt und auch SEV-Mitglied wird, alarmiert die Politische Polizei sofort Pedrinas Chef. Er habe den berüchtigten «Valjean» eingestellt, so nenne sich Pedrina unter den «Linksextremen». Doch Pedrina darf bleiben, wird aber scharf überwacht, seine Wohnung beschattet. 1980 wechselt der Tessiner von den SBB zum SGB. Noch immer wird sein Tun genau beäugt. So berichtet die Berner Stadtpolizei 1987, Pedrina sei verantwortlich für den «Schulterschluss zwischen dem SGB und den sandinistischen Gewerkschaften ­Nicaraguas».

AUSGEPRÄGT SOZIAL. Wohl zum letzten Mal wird Pedrina im Jahr 1987 überprüft, kurz bevor er Zentralsekretär der Gewerkschaft Bau und Holz wird. Der Militärische ­Sicherheitsdienst notiert: «P. arbeitete bei den SBB. Sehr gute Qualifikation. ­Abgesehen von seiner ausgeprägten sozialen Einstellung in keiner Weise aufgefallen.»

Vasco Pedrina war Unia-Co-Präsident.


Bruno Cannellotto (81): Der Spitzelschreck

BESPITZELT IIII: Bruno Cannelotto. (Foto: ZVG)

Bruno Cannellotto ist 18, als er das ­Friaul in Italien verlässt und als Maurer-Saisonnier nach Wallisellen ZH kommt. Wie jeder dritte Ausländer gerät auch er ins Visier der Politischen Polizei und wird fichiert.

KOMMUNIST. Denn auch als «Gastarbeiter» engagiert sich Cannellotto für den Partito Comunista Italiano (PCI), die damals grösste Partei Italiens. Das ist zwar nicht verboten, doch mit hohen Risiken verbunden. «Ausschaffungen von PCI-Aktivisten waren an der Tagesordnung», sagt Cannellotto. Daher bleibt ihm und seinen Genossinnen und Genossen nichts anderes übrig, als möglichst clandestin zu politisieren. Doch die Polizei heuert italienische Spione an. Einen solchen enttarnt der Maurer einmal aus purem Zufall. Cannellotto: «Es gab da einen Römer, der perfekt Deutsch sprach und immer an unseren Versammlungen war. Doch eines Tages musste ich auf die Polizeiwache. Prompt begegnete ich da diesem Typen. Er war gerade dabei, den Polizisten eine Rede von mir zu übersetzen.»

V-LISTE. Im Jahr 1970 wird Cannellotto Funktionär der Gewerkschaft Bau und Holz und hilft mit, die italienischen Saisonniers zu organisieren. Das macht ihn für die Schnüffler nicht weniger suspekt. Der Kommunist wird als «Verdächtiger» auf die «V-Liste» gesetzt. Alle dort Registrierten wären im Kriegsfall, bei inneren Un­ruhen oder bei einem Generalstreik präventiv weggesperrt worden. So verfügte es die Bundesanwaltschaft zusammen mit dem Armeekommando. Der letzte Ficheneintrag über Bruno Cannellotto stammt vom 1. Mai 1987, verfasst vom Zürcher Kriminalkommissariat III: «Trat auf dem Helvetiaplatz als Redner auf. Es gab keine Störungen.»

Bruno Cannellotto war Funktionär der Gewerkschaft Bau und Industrie (GBI).


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