Neue Studie über die hässliche Kehrseite der flexiblen Arbeitszeit

Homeoffice & Co. sind Zeitfresser – vor allem für die Mütter

Ralph Hug

Mehr Stress und weniger Freizeit: Das sind die Folgen von flexiblen Arbeitszeitmodellen.

KEIN GEWINN: Mütter mit Homeoffice investieren pro Arbeitswoche knapp drei Stunden mehr in die Kinderbetreuung. Sie kommen auf 21 Stunden wöchentliche Kinderbetreuung, Mütter ohne Homeoffice auf 18 Stunden. (Foto: Getty)

Selbstbestimmt arbeiten, zu Hause arbeiten: Tönt sehr gut. Gleitzeit, Homeoffice und freie Zeiteinteilung versprechen viel. Doch solche Arrangements haben eine hässliche Kehrseite. Das legt jetzt eine Untersuchung des gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Instituts aus Deutschland offen. Ob flexibles Arbeiten wirklich einen Gewinn für die Familie oder nur mehr Stress bringt, ist nämlich umstritten. Wie nutzen Mütter und Väter ihre Zeit beim Arbeiten zu Hause? Tun sie mehr für die Kinder, haben sie mehr Freizeit? Diese Fragen beantwortet die Studie.

Flexibles Arbeiten ändert kaum etwas an der traditionellen
Rollenverteilung.

Die Böckler-Forscherin Yvonne Lott nahm das verlockende Versprechen «Arbeite, wann immer du willst» und seine Folgen genauer unter die Lupe. Dazu wertete sie die Daten des «Sozioökonomischen Panels» aus. Das ist eine Langzeitstudie, die von der deutschen Regierung mitfinanziert wird. Sie gibt Aufschluss über die Lage von Arbeitnehmenden und ihren Familien, indem diese jährlich neu über ihre Situation befragt werden. Lott fördert folgende Fakten ans Licht:

  • Mütter mit Homeoffice investieren pro Arbeitswoche knapp drei Stunden mehr in die Kinderbetreuung. Sie kommen auf 21 Stunden wöchentliche Kinderbetreuung, Mütter ohne Homeoffice auf 18 Stunden.
  • Mütter mit völlig selbstbestimmten Arbeitszeiten kümmern sich pro Arbeitswoche 1,5 Stunden länger um ihre Kinder als Mütter mit festen Arbeitszeiten.
  • Väter mit Homeoffice investieren dagegen im Schnitt nur knapp 13 Stunden pro Woche in die Kinderbetreuung.
  • Arbeiten Väter mit Gleitzeit und in völlig selbstbestimmten Arbeitszeiten, betreuen sie die Kinder unter der Woche sogar noch weniger.

Flexibles Arbeiten ändert also kaum etwas an der traditionellen Rollenverteilung. Doch besonders wichtig: Mütter und Väter arbeiten beide mehr – Mütter im Homeoffice im Schnitt eine Stunde mehr als Mütter ohne Homeoffice. Und Väter machen im Homeoffice sogar fast sechs Überstunden pro Woche. Das heisst, sie arbeiten gut zwei Stunden länger als Väter ohne Homeoffice. Bei Gleitzeit arbeiten Väter und Mütter zu gleichen Teilen mehr als mit festen Arbeitszeiten, nämlich im Schnitt knapp eine Stunde pro Woche.

Das Fazit von Forscherin Lott: «Flexible Arbeitsarrangements bedeuten kein Mehr an Freizeit.» Die schönen Versprechungen erweisen sich als Illusion. Das bestätigt die Zweifel der Gewerkschaften. Homeoffice heisst für Frauen nichts anderes, als dass ihre Doppelbelastung in Arbeit und Familie bleibt. Zudem leidet ohne feste Arbeitszeiten auch die Erholung, wie Lott herausfand. Denn mit Homeoffice, so die Statistik, schlafen Frauen im Schnitt zehn Minuten weniger als ohne. Und auch mit Gleitzeit fällt die Nachtruhe kürzer aus.

Was tun? Yvonne Lott fordert geschlechtergerechte Massnahmen sowie Arrangements, welche die Gesundheit fördern. Dazu gehören zum Beispiel Regeln wie jene, dass Mitarbeitende nachts keine Mails beantworten oder dass die Betroffenen nicht rund um die Uhr erreichbar sein müssen. Genau das fordert auch die Unia (siehe Box).

Yvonne Lott: Weniger Arbeit, mehr Freizeit? Wofür Mütter und Väter flexible Arbeitsarrangements nutzen. WSI-Report Nr. 47, März 2019, Hans-Böckler-Stiftung. Download: www.boeckler.de/wsi

Arbeit ohne Pausen verhindern

Im Nationalrat verlangt ein Vorstoss von Thierry Burkart (FDP), dass man im Homeoffice bis zu 17 Stunden am Tag arbeiten kann. Und Sonntags­arbeit soll ohne Bewilligung möglich sein. Das zeigt: Die Rechte bläst pausenlos zum Sturm aufs Arbeitsgesetz und damit auf den Schutz der Gesundheit. Die Unia kritisiert dies als skandalös und realitätsfremd. Sie verlangt im Gegenteil mehr Schutz angesichts der Digitalisierung von Jobs durch Homeoffice, Arbeit am Laptop (Clickworking) usw. Auch die Internationale Arbeitsorganisa­tion (ILO) warnt vor einer Arbeit ohne Grenzen.

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