Neue Konvention der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) fordert:
Fertig mit Übergriffen am Arbeitsplatz!

Die neue Anti-Gewalt-Norm der ILO soll Belästigungen und Gewalt am Arbeitsplatz stoppen.

HÄNDE WEG! Die neue ILO-Konvention verlangt, dass die unterzeichnenden Länder gesetzliche Verbote gegen alle Formen von Gewalt und Belästigung
am Arbeitsplatz erlassen. (Foto: Keystone)

Sexuelle Belästigungen am Arbeitsplatz sind eine Tatsache. Dies zeigt eine Umfrage der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) in den 187 Mitgliedsländern. Deshalb soll jetzt eine Anti-Gewalt-Norm in Kraft treten. Der Titel ist Programm: «Der Gewalt und den Belästigungen in der Arbeitswelt ein Ende setzen». Die neue Anti-Gewalt-Norm wäre nicht nur ein passendes Geburtstagsgeschenk, feiert die ILO mit Sitz in Genf doch dieses Jahr ihren hundertsten Geburtstag (work berichtete). Es wäre auch das richtige Signal nach den weltweiten Demonstrationen und Kampagnen wie #MeToo und vor dem Schweizer Frauenstreik am 14. Juni.

STEINIGER WEG

Corinne Schärer ist Leiterin der Unia-­Abteilung Politik. Sie sagt: «Eine solche Konvention wäre ein Meilenstein.» Schärer gehört der schweizerischen ­tripartiten Kommission aus Sozialpartnern und Staat an, die an der Ausarbeitung beteiligt ist. An ihrer Jubiläumskonferenz vom 10. bis 21. Juni in Genf entscheidet die ILO über das Geschäft.

«Eine solche Konvention wäre ein Meilenstein.»

Vier Jahre lang arbeiteten die ILO-Gremien an der weltweiten Norm gegen Gewalt und Belästigung am Arbeitsplatz. Der Weg erwies sich als steinig. Lange stritten sich die Ausschüsse über die Definition von Gewalt und Belästigung und mit welchen Mitteln diese am schnellsten aus der Welt zu schaffen seien. Trotz gegenteiligen Beteuerungen waren die Widerstände gross. Laut Unia-Fachfrau Schärer haben die Arbeitgebervertreter vieler Länder die Beratungen von Anfang an mit einer Unmenge von Gegenanträgen verzögert. Die Sitzungen hätten oft spätabends ohne Ergebnis abgebrochen werden müssen.

Auch afrikanische Staaten wehrten sich. Sie wollten Schwule und Lesben nicht explizit im Text erwähnen, weil sie keine Vielfalt der Geschlechter anerkennen. In manchen Ländern werden andere sexuelle Orientierungen sogar polizeilich verfolgt. Diese Staaten drohten mit Verhandlungsabbruch. Um die Konvention zu retten, ist jetzt nur noch allgemein von «schutzbedürftigen Gruppen» die Rede. An der ILO-Konferenz werden aber dazu noch hitzige Debatten erwartet.

HISTORISCHE CHANCE

Der vorliegende Entwurf verlangt, dass die unterzeichnenden Länder gesetz­liche Verbote gegen alle Formen von Gewalt und Belästigung erlassen und dabei einen geschlechterorientierten Ansatz verfolgen müssen. Das heisst, dass Frauen als Opfer ins Zentrum ­rücken, dass sie aber umgekehrt nicht die einzigen Opfer sind. Zudem müssen die Regierungen Programme ausarbeiten, damit die Verbote nicht toter Buchstabe bleiben. Auch Schulungen, Prävention und Sensibilisierung gehören dazu.

Die Schweiz hat an der ILO-Jubi­läumstagung in Genf den Vorsitz. Unia-Frau Schärer sagt: «Es bietet sich uns damit die historische Chance, ein Bollwerk gegen Gewalt und für menschenwürdige Arbeit zu errichten.»

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