Editorial

Der Greta-Effekt

Marie-Josée Kuhn

Marie-Josée Kuhn, Chefredaktorin work

Es brauchte genau diese strenge Greta-Fokussierung auf eine Sache, um die weltweite Klimabewegung auszulösen. In ihrer legendären Rede am EU-Klimagipfel im polnischen Kattowitz sagte die 16jährige schwedische Schülerin so grosse Dinge wie: «Solange ihr euch nicht darauf konzentriert, was getan werden muss, sondern darauf, was politisch möglich ist, gibt es keine Hoffnung.» Und sie sagte es beinahe emotionslos und mit stoischem Blick – und ging viral. Weil Greta von einem anderen Stern ist. Mit ihren zwei Zöpfen, völlig ungeschminkt und unbeirrt, ver­körpert sie die Gegenwelt zur fiebrig ich-geilen und aufgespritzten Selfie-Whatsapp-Snapchat-Tinder-Welt. Greta schwimmt gegen den Strom der Stromlinienförmigkeit. Und Greta streut Hoffnung auf eine andere Welt: «Ob es euch passt oder nicht, die echte Macht liegt bei den Leuten!» Das ist ansteckend.

Eine CO2-freie Schweiz bis 2030 ist machbar.

KEIN FLEISCH, KEIN FLUG. Einer, der sich sofort anstecken liess, ist Fabian Uetz. work hat den 18jährigen Orgelbau-Lehrling zum Gespräch getroffen, zusammen mit fünf weiteren Klimastreik-Aktivistinnen und -Aktivisten. Fabian erzählt: «Ich sass in der Berufsschule in der Pause, und plötzlich war da Greta im Netz. Ich dachte mir ‹wow, die sagt was, die bewegt was›. Ein paar Tage später war ich an der Demo.» Etwas bewegen: Das wollen auch Fanny, Nadia, Patricia, Vesna und Jonas: «Wir wollen die Welt retten!» Nichts weniger als das. Weil es so nicht weitergehen kann. Jonas sagt: «Man versucht seit 30 Jahren, die Klima­erwärmung zu stoppen, und es hat nicht geklappt. Darum ist für mich klar: es braucht den Systemwandel.» Sind sie gegen den Kapitalismus? Teils, teils. Für den Verzicht? Ohne individuelle Verhaltensänderungen gehe gar nichts, sagen sie: kein Fleisch, kein Flug, kein Auto. Verbote? Warum nicht, «beim Rauchen ging es ja auch nicht anders». Sie wollen «achtsam» sein, mit dem Planeten und sich selber.

ROSA ZUKUNFT. Und wie halten sie es eigentlich mit dem öko­logischen Umbau? Dem technologischen Fortschritt? Mit dem Glauben an die Technologien versuche man bloss, «das System mit aller Macht am Leben zu erhalten», sagt Nadia. Mit ihrer Wachstumsskepsis ist sie nicht alleine. Eigentlich erstaunlich, wenn wir bedenken, wohin der ökologische Umbau zumindest Deutschland schon getragen hat: AKW aus, Solar- und Windparks an – und jetzt noch der Kohleausstieg. Die Klimastreik-Jugendlichen fordern «eine CO2-freie Schweiz bis 2030». Das ist machbar. Auch in der Schweiz. Wie das genau geht, zeigt unsere Umwelt-und-Technologie-Rubrik «Rosa Zukunft».

1 Kommentar

  1. Peter Bitterli

    Nicht schlecht, dieser brennende Erdball als initialer Blickfang. Noch ein Thema, das irgendwas mit „Streik“ zu tun hat, und worauf man nun also, da Streiken ja irgendwie links ist, nach den unsäglichen französischen Gelblingen auch noch zeitgeistig mit aufspringen kann.
    Sicher, sowas interessiert Hanspeter, Marco und Mirko aus Migros, Baustelle und Chemiewerk. Jedenfalls erregt es Funktionäre aus Gewerkschaften und Parteien aus deren Dunstkreis. „Mit ihren zwei Zöpfen, völlig ungeschminkt und unbeirrt, ver­körpert [die altgediente Chefredaktorin] die Gegenwelt zur fiebrig ich-geilen und aufgespritzten Selfie-Whatsapp-Snapchat-Tinder-Welt.“ Aber sicher doch. Greta schwimmt vielleicht in Wahnträumen verkehrter Welten gegen den Strom der Stromlinienförmigkeit. Frau Kuhn tut es nicht.

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