SGB-Präsidium: Noch selten gab es eine derart hitzige Wahl

Der kleine Unterschied und seine grossen Folgen

Marie-Josée Kuhn

Gysi oder Maillard? Frau oder Mann? Schon früh im Wahlkampf lief die Debatte um die Nachfolge von SGB-Präsident Paul Rechsteiner auf der Gender-Schiene. Dabei spielte die West-Ost-Schiene eine mindestens ebenso wichtige Rolle.

DER NEUE: Barbara Gysi gratuliert Pierre-Yves Maillard. (Foto: Neil Labrador)

Pierre-Yves Maillard ist der neue oberste Gewerkschafter im Land. Er erreichte das absolute Mehr im ersten Wahlgang knapp mit 115 Stimmen. Gegenkandidatin Barbara Gysi erhielt 82 Stimmen, ein gutes Resultat und gleichzeitig eine Warnung an Maillard: Sollten er und der SGB mit der Gleichstellung innerhalb und ausserhalb der Gewerkschaftsbewegung jetzt nicht mit doppelter Kraft vorwärtsmachen, gibt es Krach. Noch mehr Krach als im Wahlkampf.

FRAU UND MANN

Als Nachfolge für Paul Rechsteiner kandidierten Barbara Gysi und Pierre-Yves Maillard. Hier die Präsidentin des Bundesper­sonalverbands (PVB), SP-Nationalrätin und Chefin des St. Galler Gewerkschaftsbundes. Dort der Waadtländer Gewerkschafter und SP-Regierungsrat. Sie wurde nominiert vom Bundespersonalverband und unterstützt vom VPOD und der SGB-Frauenkommission. Er wurde nominiert von der Unia und der Bähnlergewerkschaft SEV und unterstützt von der Gewerkschaft Medien und Kommunikation Syndicom.

Hier also die Frau. Dort der Mann. Und sehr bald stand nur noch diese eine Frage im Raum: Frau oder Mann? Dass es endlich Zeit sei für eine Frau. Dass eine Frau andere Sensibilitäten und einen anderen Stil einbringen könne. Dass Gysi einen partizipativen Führungsstil pflege, alle einbinden und allen ein Ohr schenke. So argumentierten viele Frauen und etliche Männer, die Gysi (54) unterstützten.

Und umgekehrt sagten sie über Maillard (50), er sei ein «Gewerkschafter von gestern», ein «hemdsärmliger Macho», der immer nur «ich, ich, ich» sage, kurz ein «alter Sack». Je mehr sich die Debatte auf solche Stilfragen verengte, desto hitziger wurde sie. Politische Positionen interessierten dagegen weniger, man und frau begnügten sich damit zu sagen, «beide sind gleich gut qualifiziert». So verschob sich denn alles auf die Symbolebene.

Maillard muss mit der Gleich­stellung jetzt vorwärts­machen, sonst gibt’s Krach, …

Und wer als Frau nicht für Gysi war, sah sich dem Vorwurf ausgesetzt, nicht frauensolidarisch zu sein. Eine wenig differenzierte Argumentation, wir Feministinnen waren in dieser Frage doch schon mal weiter. Die neue Frauenbewegung hat einst die Sprunghöhe gelegt: Frau allein ist noch kein Programm. Und Programm hatte Maillard deutlich mehr, auch mehr konkrete Wegbeschreibung zu den Zielen. Als Exekutivpolitiker in einem Kanton hat er zudem einen breiteren Leistungsausweis als Gysi als Exekutivmitglied in einer Kleinstadt.

Richtig, Maillards Sensibilitäten für die Sache der Frauen sind nicht dort, wo wir Feministinnen sie wünschten. Vor allem nicht im Feinstofflichen. Jedenfalls für Deutschschweizer Verhältnisse. Es ist auch ein Röstigraben-Phänomen: die führenden linken Westschweizer Männer haben von den Frauen offenbar weniger eins an die Löffel gekriegt, wenn sie das Männchen machten, als ihre Deutschschweizer Artgenossen. Auch bei SP-Chef Christian Levrat hat es da noch Luft nach oben. Kein Zufall also, dass vor allem SP-Frauen im Wahlkampf gegen Maillard ins Feld führten, es regiere in der Linken sowieso schon eine welsche Männerseilschaft: Levrat, Fraktionschef Roger Nordmann und Bundesrat Alain Berset. Jetzt dürfe das SGB-Präsidium nicht auch noch an einen von «denen» gehen. Dass das im Jahr 2019 noch so ist, kann eine schon echauffieren. Viele Frauen haben auch einfach genug von Jahrhunderten von Mansplaining: der Mann erklärt dem «Frauchen» die Welt.

ZÜRICH UND GENF

Doch die Frau-Mann-Schiene verdeckte in diesem Wahlkampf eine andere: die Ostschweiz-Westschweiz-Schiene. Beide sind miteinander verbunden. Östlich von Olten kennen Maillard nur wenige. Schon für Zürich ist das Waadtland fernes Frankreich. Umgekehrt ist ebenfalls gestrickt: Maillard ist zwar mit einer Deutschschweizerin verheiratet, doch trotz Fortschritten ist sein Deutsch noch ausbaufähig.

… noch mehr Krach als im Wahlkampf.

Kommt dazu: Die jungen Feministinnen in der deutschen Schweiz orientieren sich seit der Wahl von Trump vor allem am US-amerikanischen Feminismus. Dieser versteht sich als bunte Regenbogenbewegung mit Gender-Sternchen. In der alle Geschlechter ihren Platz haben: Frauen, Lesben, Schwule, Bi- und Transmenschen. Damit bricht die neue Frauenbewegung in der Tradition der US-Philosophin Judith Butler mit der normierenden Zweigeschlechtlichkeit von Mann und Frau, die so viele Lebensformen diskriminiert. Und zeigt, dass das Geschlecht keine biologische, sondern eine soziale Kategorie ist. Sie visualisiert dies mit dem Gender-Sternchen. Damit ist diese neue Frauenbewegung auch ein Kind der Identitätspolitik. Sie wird hierzulande teils mit fast heiligem Eifer geführt.

Derweil hat die feministische Debatte ennet der Sense immer noch einen eher egalitären Zungenschlag, mit festem Blick auf die reale Gleichstellung in Politik und Gesellschaft. Klassenkampf und Geschlechterkampf haben sich dort weniger stark auseinandergelebt.

Sagen wir also so einem welschen linken Mann 45plus, es gebe jetzt 60 Geschlechteridentitäten zur Auswahl, wie das der deutsche Lesben- und Schwulenverband kürzlich ausgearbeitet hat, und er sei ein Neandertaler, das nicht zu wissen, schaut er uns bloss gross an. Als müsste er nach Bern reisen für eine Sitzung, aber ohne Übernachtungsgutschein fürs Hotel. Weil er ja ins Ausland muss und abends nicht heimkann. Ich weiss, ein Klischee. Das Beispiel ist aber nicht erfunden. Was ich sagen will: Bern und Lausanne liegen manchmal weiter auseinander als 1 Stunde 12 Minuten mit den SBB. Und erst recht Zürich und Genf.

TESTOSTERON UND KÜSSE

So überlegt es sich ein gut erzogener Deutschschweizer Linker heute eher zweimal, ob er eine Frau zur Begrüssung berühren und küssen soll oder nicht. Maillard aber schritt auf die Bühne, wo sich Gysi und er den Fragen des Kongresses stellen mussten, ging auf sie zu – und küsste sie. Auf die Wange, so, wie sich das im Westen unter Genossinnen und Genossen gehört.

Da meinte meine Sitznachbarin am Kongresstisch der Medien, übrigens eine Deutschschweizerin: «Ui, die Fans von Gysi sagen jetzt sicher: ‹Schaut nur dieser Macho, immer auf Testosteron, typisch!›» Beide dachten wir blitzartig an EU-Kommissionspräsident Juncker und an ein bestimmtes Foto.

In diesem Moment kam mir mein Onkel Marcel selig in den Sinn. Ein Büezer aus Carouge. Immer, wenn Marcel uns besuchte, trug er einen schwarzen Ledermantel und einen Seehundsschnauz. Und er rauchte Kette ohne Filter. Wenn er also rauchnend wieder mal vor der Tür stand und ich vor ihm, tief unten, dann hob sein starker Arm mich auf Schnauzhöhe hoch, verküsste er mich herzhaft – und setzte mich wieder auf den harten Boden der Wirklichkeit. Das ist mir für immer geblieben, denn das tat nur er. Bei den Deutschschweizer Onkeln musste ich nur die Hand geben: «Ds schöne Handeli, gäu!»

Und nein, liebe Feministinnen, das ist kein Freibrief für mangelndes feministisches Bewusstsein bei linken Männern im allgemeinen und in der Westschweiz im besonderen. Aber: Multikulti ist eben nicht immer easy. Auch nicht innerhalb der Willensnation Schweiz.

Doch nun kommt der Frauenstreik. Und die Gewerkschafterinnen geben schon mächtig Gas: «Rot vor Wut, blau vor Wut, schwarz vor Wut: rouge de colère, bleu de colère, noir de colère!»


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