work unterwegs in Katar, wo sich Scheichs von Migranten ein neues Land bauen lassen

Die im Schatten stehen in der tödlichen Sonne

Patricia D'Incau

Katar erfindet sich gerade neu. Als Sport-Emirat, als Touristen-Hochburg, als Kunst-Mekka. Eine work-Reportage.

KLOTZEN, NICHT KLECKERN. Hochhäuser bilden die Skyline von Doha. In der Mitte rechts: Der Doha Tower, Spitzname: Phallus-Turm. Alles gebaut von Arbeitsmigrantinnen und -migranten. (Fotos: Patricia D’Incau)

Der Stau löst sich. Naseem* gibt Gas. Mit 50, 80, 100 Kilometern pro Stunde jagt das Auto über den Asphalt. Der Teer ist so dunkel, als wäre er erst gestern gelegt worden. Vor dem Fenster fliegt die Welt vorbei: kleine Pärke, die Strandpromenade, der Hafen. Herausgeputzt und ausgestorben. «Die Hitze», erklärt Mila*, eine Filipina, Stadtführerin für einen Tag. 36 Grad sind es draussen, selbst im Herbst. Die Sonne brennt, das Atmen fällt schwer. Im Freien ist nur, wer muss.

WESTBAY

Naseem biegt ab. Zwischenstop: Al Bidda und Westbay, Katars Schaltzentrale. In der Mitte: der Doha Tower, Spitzname: Phallus-Turm. Mila lacht: «Schau, es ist eindeutig.» Im Herzen Katars steht ein 232 Meter hoher, 46stöckiger Penis.

Wo vor wenigen Jahren noch Wüste war, geschäften heute Ministerien und Banken, Immobilienkonzerne und Handelsorganisationen. Katar hält Anteile an der Credit ­Suisse und der Deutschen Bank. Am Rohstoffunternehmen Glencore und der russischen Ölgesellschaft Rossneff. An VW, Porsche und Siemens. Auch Schweizer Luxushotels stehen auf der Liste: Der «Bürgenstock» in Luzern und der «Schweizerhof» in Bern.

Lusail City: eine neue Stadt für die WM 2022.

Katar ist viermal kleiner als die Schweiz, aber überall dabei: 320 Milliarden Dollar soll der katarische Staatsfonds weltweit investiert haben. Das Bruttoinlandprodukt pro Kopf: fast 125 000 US-Dollar. Mehr Geld hat niemand. Öl und Gas haben den Zwergstaat reich gemacht. Wenn die Quellen versiegen, soll Katar nicht wieder in der Versenkung verschwinden. Deshalb erfindet sich das Land nun neu. Der Kopf dahinter: Tamim bin Hamad Al Thani, Emir und Alleinherrscher. Unter ihm soll Katar zur internationalen Touristendestination werden. Und Doha zur Welthauptstadt des Sports.

An dieser Zukunft wird gerade für 220 Milliarden Dollar gebaut: Apartmenthäuser für reiche Ausländer, Strassen und Schienennetze, acht Fussballstadien, sogar eine ganze Stadt: Lusail City, wo am 21. November 2022 die Fussball-WM angepfiffen wird.

Damit will das Emirat im Ausland Eindruck machen. Doch das Image ist ramponiert. Berichte von toten Arbeitern, desolaten Unterkünften und beschlagnahmten Pässen machen Schlagzeilen (siehe Box unten).

KATARA – THE PEARL

Raus aus Westbay, weiter westwärts, pflügen Männer in Leuchtwesten die Wüste um. Nepalesen und Bangalen, Inder und Pakistaner. Ein Helm auf dem Kopf, ein feuchtes Tuch vor dem Mund. Für rund sechs Franken Tageslohn bauen sie Katars Luxusprojekte.

MILLIONEN-JACHTEN: Jachthafen mit venezianischer Brücke auf der künstlich angelegten Insel «The Pearl».

Dazu gehört Katara, das Kulturviertel des Landes. 100 Hektaren Prunk. Wiege des Doha-Filmfestivals und des arabischen Literaturpreises. Galerien gibt es hier und eine Oper. Ein Amphitheater aus Marmor und ein Einkaufszentrum für Kinder. Gebaut als überdimensionales rotes Päckli mit goldener Schleife. Die Werbung verspricht pulsierendes Leben. Die Realität: eine Handvoll weisser Golfwägelchen, die einsam ihre Runden drehen. Vor dem italienischen Luxusrestaurant steht ein einziger Mensch, traditionelles weisses Gewand, weisser Turban, akkurater Bart: der erste Einheimische, ein Katarer.

Stadtführerin Mila erzählt auf der Weiterfahrt: «Die meisten Katarer schlafen den ganzen Tag.» Von 2,7 Millionen Menschen, die in Katar leben, sind nur gerade 300’000 Staatsangehörige. Die anderen: Arbeitsmigrantinnen und -migranten, meist aus Indien und Nepal, Bangladesh und Pakistan. Von den Philippinen und immer mehr auch aus Westafrika. Sie halten Katar am Laufen, durften das Land bis vor kurzem nicht ohne ­Erlaubnis verlassen. So lange, bis sie ihren ­Arbeitsvertrag erfüllt hatten. In der Regel: 2 bis 5 Jahre. Das ist Teil des «Kafala»-Systems, oder wie Gewerkschaften lange kritisiert haben: moderne Sklaverei. Die Einheimischen profitieren. «Sie müssen nicht arbeiten», sagt Mila. Und wenn sie es doch tun, dann als Beamte oder als CEO. Eher eine Alibifunktion. Denn: Unternehmen, die in Katar Geschäfte machen wollten, mussten bis vor kurzem einen einheimischen Co-Chef haben.

Katarer sind reich, so oder so. Der Staat kümmert sich. Gratis Bildung, gratis Gesundheitsversorgung im In- und Ausland, keine Steuern. Auch Familienzuwachs wird belohnt. Mila erzählt: «Wenn das Kind ein Junge ist, bekommt die Familie ein Stück Land und einen Landrover geschenkt.» Und bei Mädchen? Mila lacht: «Die sind etwas weniger wertvoll.»

Naseem steuert «The Pearl» an. Die Perle. Eine künstliche Insel, aufgeschüttet am nordöstlichen Zipfel von Doha. Luxuswohngegend mit Jachthafen, Hochhäusern mit geschwungenen Fenstern, bunten Häuserzeilen und venezianischen Brücken. Menschen in gelben und grünen Westen putzen die Fenster und fegen die Strassen. Migranten, die das Viertel vorbereiten. Für die Nacht, wenn die katarische Jeunesse dorée kommt, um ihre Ferraris und Porsches auszuführen.

CORNICHE

Auf der anderen Seite der Bucht gibt es weniger Luxus. Der Abend bricht an, Fischer sitzen am Hafen, vom Golf her weht ein leichter Wind. Die Corniche, die sieben Kilometer lange Strandpromenade, beginnt sich zu füllen. Es sind vor allem Männer. Arbeiter, die Feierabend haben. An der Corniche spielt ihr soziales Leben. Denn: Hiersein kostet nichts.

DURCHHALTEPAROLE: Abends an der Corniche können die Arbeiter ein bisschen Mensch sein.

Zwölf Männer jagen einem Fussball hinterher. Ayub* und Sayan* spazieren vorbei. Jungengesichter, leichter Bartwuchs. Anfang zwanzig sind die beiden. Aus Nepal, wo 40 Prozent der Bevölkerung in Armut leben. Nach Katar gekommen sind sie mit der Hoffnung auf Arbeit und Geld. Gelandet sind sie in einer Dreizimmerwohnung, mit rund 30 anderen Männern.

Ähnlich wie Mubarak*, der ein Stück weiter auf einem Mäuerchen sitzt. Er ist älter, schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch. Mal als Bauarbeiter, mal als Maler. Egal, wie heiss es ist: Pausen gebe es auf dem Bau nicht und auch kein Trinkwasser. Trotz Temperaturen von bis zu 50 Grad im Sommer.

«Ich bin seit 16 Jahren hier», erzählt er. Seine Tochter hat er bisher ein einziges Mal gesehen. Die Besuche zu Hause, in Bangladesh, lassen sich an einer Hand abzählen. Denn: Jede Reise kostet Geld, das die Familie anderweitig gebrauchen kann. Um mehr zu verdienen, geht Mubarak Risiken ein. Früher hatte er einen festen Arbeitsvertrag, heute sucht er seine Aufträge selber. Das ist illegal. Wer in Katar arbeitet, muss an einen Arbeitgeber gebunden sein. Wird er erwischt, wird er ausgeschafft. Das nimmt Mubarak in Kauf – für ein paar katarische Riyal mehr Tageslohn, die er bei Verhandlungen rausschlagen kann. Und für ein Stück Freiheit. In der Stadt zu wohnen, zum Beispiel. Und abends an die Corniche gehen zu können, während sich die anderen Bauarbeiter am Strassenrand versammeln.

Die Arbeiter leben in Barackendörfern.

Mit Helm und Leuchtweste unter dem Arm warten sie dort auf den Bus, der sie in die Wüste bringt. In eines der Barackendörfer, in denen sie zu Tausenden wohnen. Nicht Monate, sondern oft Jahre. Jene, die Glück haben, haben Internet, um mit der Familie zu telefonieren. Den anderen bleiben ein paar Stunden Schlaf, bis es wieder weitergeht unter der brennenden Sonne. Mit dem Bau an Katars glänzender Zukunft.

Dank Gewerkschaften: Endlich Sicherheit auf den WM-Baustellen

Mehr als 7000 tote Bauarbeiter würde es bis zur Fussball-WM 2022 geben. Das rechnete der Internationale Gewerkschaftsbund (IGB) vor drei Jahren vor. Danach ging es in kleinen Schrittchen vorwärts. Zumindest auf den Stadion-Baustellen. Die Arbeitssicherheit ist gestiegen, die Löhne werden bezahlt, Büezer können ihre Rechte einfordern. Und: Ausländische Gewerkschaften führen Inspektionen durch. Dank einem Abkommen zwischen der Internationalen Baugewerkschaft (BHI) und dem Supreme Committee, das für den Bau der WM-Infrastruktur zuständig ist. Und das ausgerechnet in Katar, wo Gewerkschaften bis heute verboten sind. Ein Erfolg!

MEHR RECHTE. Für die Büezer ausserhalb der WM-Stadien ist die Lage noch immer prekär (siehe unten). Rechtlich gibt es nun aber Verbesserungen. Ende Oktober wurde das Ausreiseverbot gestrichen. Bis dahin durften Arbeiter Katar nicht ohne Erlaubnis verlassen, als Teil des «Kafala»-Systems. Seit kurzem gibt es eine neue staatliche Stelle für Beschwerden. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) ist seit April in Doha ­vertreten. Und: Erstmals haben auch Hausangestellte Rechte. Unia-Frau Rita Schiavi freut sich: «Der gewerkschaftliche Druck hat gewirkt!» Die Unia hat die BHI-Arbeit in Katar von Beginn an unterstützt. Finanziell, aber auch vor Ort (work berichtete: rebrand.ly/PolierSchwitter). Für Schiavi ist klar: «Jetzt müssen sich Arbeiter in Katar auch endlich organisieren dürfen.»


Arbeiten in Katar: Ein Kranführer und ein Stromer sagen, wie’s ist

TAG UND NACHT. Arbeitsmigranten bauen an Katars goldener Zukunft. (Foto: Patricia D’Incau)

Amal*, Kranführer aus Indien:

«Die letzten sieben Jahre habe ich für QDVC gearbeitet. Das ist ein internationales Bauunternehmen. Die Arbeitsbedingungen waren verhältnismässig gut, denn: QDVC hat eine Vereinbarung mit der Internationalen Baugewerkschaft. Wir haben Sicherheitstrainings bekommen. Und wir konnten Probleme ansprechen.

«Ich fühle mich wie im Gefängnis.»

Früher zum Beispiel hatten wir keine fest­geschriebenen Löhne. Dagegen konnten wir uns wehren. Mein Vertrag mit QDVC ist aber ausgelaufen. Jetzt arbeite ich für ein katarisches Unternehmen. Die Arbeit ist gefährlicher und der Lohn tief. Ich verdiene 800 Riyal (rund 220 Franken) im Monat. Für einen Zehn-Stunden-Arbeitstag, sechs Tage in der Woche. In unserem Camp wohnen etwa 3000 Arbeiter. Wir haben keine Freizeitmöglichkeiten, nicht einmal Sport machen können wir. In den Zimmern ist es eng: Zehn ­Arbeiter schlafen in einem Raum. Laut Gesetz ­dürften es eigentlich nur vier sein. Aber als wir das angesprochen hatten, wurde uns gedroht: ‹Wenn ihr euch beschwert, dann ­kommen noch zwei weitere Arbeiter zu euch ins Zimmer.› Und das ist passiert. Sie ­haben ein weiteres Bett reingestellt.

Du kannst nichts offen ansprechen. Du musst einfach damit leben. Wenn du dich beschwerst, dann riskierst du, aus­geschafft zu werden. Ich fühle mich wie im Gefängnis.»

Dany*, Elektriker aus Nepal:

Ich bin nach ­Katar gekommen, weil ich in Nepal zwar einen Job be­kommen hätte, aber immer nur für eine ­kurze Zeit. Es ist nicht so, dass die Arbeit hier besser ist – aber ich habe wenigstens einen festen Vertrag.

Organisiert hat das eine Agentur, die Arbeiter im Ausland anwirbt. Sie besorgt dir ein Visum, dafür zahlst du etwa 600 bis 700 Dollar. Das heisst: Noch bevor du in Katar ankommst, hast du schon Schulden. Die musst du dann zuerst einmal abbezahlen. Mein Durchschnittslohn hier ist etwa 1090 Riyal (rund 300 Franken) pro Monat. Es gibt aber eine Menge Arbeiter, die nur 650 Riyal (rund 177 Franken) bekommen.

«Viele bekommen ihren Lohn nicht. Es gibt auch Tote.»

Vielen Kollegen geht es psychisch nicht gut, sie sind deprimiert, haben grosse Probleme und bekommen ihren Lohn nicht. Es gibt auch Tote. Im Sommer sind in unserem Camp mehrere Arbeiter an einem Herz­infarkt gestorben. Einer ist schlafen gegangen und einfach nicht mehr aufgewacht. Ein anderer ist nach der Arbeit zusammengebrochen. Ob das mit der Hitze zu tun hatte, ­wurde nicht untersucht. Es heisst einfach: Das war ein natürlicher Tod.

Ein weiterer Arbeiter ist im Spital gestorben. Ich bin dorthin gegangen, danach zur Botschaft und zu verschiedenen Organisationen. Um sicherzustellen, dass sein Körper nach Nepal zurückgeführt wird, zu seiner Familie. Zumindest das konnte ich noch für ihn tun.»

* Alle Namen sind der Redaktion bekannt.


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