Arm, hungrig und missbraucht: Migrantinnen und Migranten in Katar erleben den Horror. Aber ein neues Gesetz gibt Hoffnung.
Der stille Aufstand der mutigen philippinischen Hausangestellten

Mehr als 170’000 Migrantinnen und Migranten arbeiten in Katar als Haus­angestellte, Gärtner und Chauffeure. Vor allem Frauen aus Süd- und Südost­asien. Lange waren sie ihren Chefs schutzlos ausgeliefert. Jetzt wehren sie sich.

DER MADAME HINTERHER. In Katar kümmern sich Migrantinnen um das Wohlbefinden der Familien. Unter unmöglichen Bedingungen. (Foto: Shutterstock)

Nieva* (48), Philippinen:

«Meine Schwiegertochter ist als Hausangestellte hier. So wie ich. Ich mache mir grosse Sorgen um sie! Ihre Madame schreit sie an, die Kinder schlagen sie. Und an ihrem freien Tag wird sie in ein anderes Haus gebracht, um zu arbeiten. Zu einer Schwester der Madame. Dort muss sie putzen, waschen, bügeln. Stundenlang. Sie ruft mich an und sagt: ‹Mama, kannst du mir Essen bringen? Ich bin so müde und hungrig.› Um 1 Uhr nachts! Die Küche wird abgeschlossen, damit sie sich nichts zu Essen holen kann. Es ist schrecklich.

Die Madame rückt den Ausweis einfach nicht heraus.

Vor kurzem hatte sie einen Unfall. Sie war müde, hatte wenig gegessen, es war heiss. Sie wurde ohnmächtig. Durch den Sturz hat sie sich das Steissbein geprellt. Nach ein paar Stunden im Spital wurde sie zurück ins Haus geschickt. Nur mit einem Panadol und einer Salbe. Sie musste sofort wieder arbeiten. Sie hatte keine Wahl.

Weil die Schmerzen geblieben sind, habe ich sie zu einem Privatdoktor gebracht. Das hat mich 350 Riyal gekostet – ich verdiene 1500 Riyal (rund 400 Franken) im Monat. Aber das war es mir wert. Ich wollte wissen, was los ist.

Bis jetzt hat meine Schwiegertochter keine Gesundheitskarte und keine Identitätskarte. Die Madame hat sie ihr einfach nicht gegeben. Das ist sehr gefährlich. Denn: Wer ohne ID in eine Polizeikontrolle gerät, wird bestraft.

Wie meine Schwiegertochter behandelt wird, ist verboten. Sie muss jetzt einen Ausweis haben. Sie muss Zeit haben, um sich auszuruhen, sie muss Ferien haben. Das steht jetzt endlich im Gesetz. Wir müssen das durchsetzen.»


Saya* (49), Philippinen:

«Ich bin vor 15 Jahren nach Katar gekommen. Das war hart. Meine Kinder waren noch zu klein, um zu begreifen, warum ihre Mutter weg ist. Aber es ging nicht anders. Wir brauchen das Geld.

Vielen Frauen hier geht es ähnlich. Zusammen mit ein paar Freundinnen habe ich deshalb eine Facebook-Gruppe gegründet. So helfen wir einander. Und wir versuchen, das neue Gesetz bekanntzumachen.

Online sind die Frauen vernetzt.

Aber wir schaffen es nicht, alle zu erreichen. Es gibt viele, die im Haus eingesperrt sind und ihr Smartphone abgeben müssen. Oft bekommen die Frauen zu wenig Lohn und zu wenig Essen. Manchmal werden sie auch einfach wieder nach Hause geschickt. Ihre Chefs sagen ihr, sie würden ins Einkaufszen­trum gehen, und fahren stattdessen an den Flughafen. Dort wird die Frau in das nächste Flugzeug gesetzt. Von einem Moment auf den anderen steht sie da, ohne Arbeit und ohne Lohn. Nur mit dem, was sie am Leib trägt.

Viele Hausangestellte werden auch misshandelt. Vor einiger Zeit hat sich eine junge Frau bei mir gemeldet. Sie wurde von ihrem Arbeitgeber zum Oralsex gezwungen. Sie wollte sich das Leben nehmen. Ich habe die philippinische Botschaft informiert. Alles lief im stillen ab. Denn: Hier in Katar müssen wir vorsichtig sein bei dem, was wir tun. Auch ich könnte ausgeschafft werden.

Später habe ich von dieser jungen Frau die Nachricht erhalten: ‹Ich bin wieder zu Hause. Ich danke dir so sehr.› Ich konnte helfen. Das macht mich glücklich. Vielleicht habe ich ihr das Leben gerettet.»

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