SGB-Präsidium: Das hat Kandidatin Barbara Gysi zu bieten

«Die Bewegung muss breiter werden»

Ralph Hug

Für Barbara Gysi ist die Gewerkschaftsbewegung zu ­einseitig aufgestellt und nur in gewissen Branchen stark. Etwa bei der ­Eisenbahn oder in der Industrie. Das möchte sie ändern, wenn sie gewählt wird.

KANDIDATIN. Barbara Gysi will die Gewerkschaftsbund-Präsidentin werden. Foto: Ursula Häne)

work: Barbara Gysi, machen Sie bitte ­einen kurzen Werbespot in eigener ­Sache: Warum sollen Sie die Delegierten am SGB-Kongress wählen?
Barbara Gysi: Weil ich mich mit aller Kraft für eine überzeugende Gewerkschaftspolitik für alle Lohnabhängigen in diesem Land einsetze. Ich will bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne erreichen. Sehr am Herzen liegt mir die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Ich bringe 25 Jahre politische und gewerkschaftliche Erfahrung mit und bin in Bundesbern sehr gut vernetzt. Das ist wichtig, weil es sich beim SGB-Präsidium ja auch um eine politische Aufgabe handelt. Und ich möchte die Leute in den politischen Prozess einbinden. Viele an der Basis sagten mir, dass sie dies in den letzten Jahren etwas vermisst hätten.

Und natürlich hat für mich die Frauen- und Lohngleichheitsthematik einen wichtigen Stellenwert. Als Frau habe ich hier einen breiteren Blick, und ich kann diese Aufgabe besser wahrnehmen. In bisher gewerkschaftlich schlecht abgedeckten Bereichen wie der Pflege und der Care-Arbeit habe ich ein grosses Repertoire, das ich einsetzen kann.

«In der Pflege und der Care-
Arbeit habe ich ein grosses
Repertoire.»

Was meinen Sie denn mit Repertoire?
Ich bin ausgebildete Sozialpädagogin und habe im Jugendheim und im Frauenhaus gearbeitet. Als Exekutivmitglied in Wil SG stand ich dem So­zialwesen vor. Daher kenne ich den Pflegebereich, die Spitex usw. sehr gut. Der Sozialbereich hat mich politisch und gewerkschaftlich geprägt. Ich bin auch im Initiativkomitee zur Pflegeinitiative und engagiere mich in der nationalrätlichen Ko­mmission für Sicherheit und Gesundheit (SGK) für genau diese wichtigen Themen.

Wann haben Sie zuletzt einen GAV verhandelt?
Da ich nie in einer Gewerkschaft angestellt war, konnte ich auch nie direkt verhandeln. Aber ich bin Präsidentin der Stiftung Heimstätten Wil, einer Behindertenorganisation mit 120 Mitarbeitenden. Als diese vom Kanton ausgelagert wurde, war es auch in meiner Position als Arbeitgeberin stets das Ziel, einen Gesamtarbeitsvertrag zu erreichen. Das gelang denn auch, der GAV ist seit 2018 in Kraft, und er ist erst der dritte im Sozialbereich in der Ostschweiz.

Und welches war der letzte Streik, den Sie geführt haben?
Wie gesagt, ich war nie in einer Gewerkschaft angestellt. Aber ich habe an mehreren Streiks teilgenommen. Ich habe noch den nationalen Frauenstreik von 1991 erlebt. Das war mein politischer Einstieg im Kanton St. Gallen. Bei einem nachbarschaftlichen Apéro kam meine Nachbarin direkt aus einer Streikvorbereitungs­sitzung und entdeckte das Frauenstreik-Plakat an meinem Küchenschrank. In der Folge haben sie und ich den Gewerkschaftsbund wiederbelebt. Später war ich an mehreren Protestaktionen dabei. Ich erinnere mich an eine Fahrt der Unia durch den Kanton St. Gallen im Jahr 2003 anlässlich des Kampfs um die Rente mit 60 auf dem Bau. Wir blockierten kurzzeitig eine Autobahneinfahrt in Buchs SG und ernteten wüste Beschimpfungen. Es folgten mehrere Protestaktionen gegen die passive Haltung des St. Galler Volkswirtschaftsdepartements in Sachen Lohnkontrollen bei den flankierenden Massnahmen. Ich habe diese teils in meiner Funktion als Präsidentin des kantonalen Gewerkschaftsbunds mitorganisiert.

Zur Person: Barbara Gysi

Barbara Gysi wurde 1964 in Zürich geboren. Ihr Vater war kaufmännischer Angestellter, die Mutter Verkäuferin. Seit 1991 wohnt sie mit ihrem Partner hoch oben in der ­Altstadt von Wil SG. Die ausgebil­dete Sozialpädadogin war zuerst Mitglied beim VPOD und erst später bei der St. Galler SP. Ab 1993 ­machte sie Karriere: Parteisekretärin (1997), Kantonsrätin und Frak­tionschefin (1999), Stadträtin in Wil (2001) und schliesslich – als Nachfolgerin von Paul Rechsteiner – 2011 National­rätin. Seit 2012 ist sie auch Vize­präsidentin der SP Schweiz.

Lieblingsbuch: Ben Okri: «Die ­hungrige Strasse», ein Roman aus Nigeria.
Lieblingsfilme: die schrägen Filme von Jim Jarmusch («Down by law»).
Lieblingsschauspielerin: Martina ­Gedeck («Das Leben der Anderen», «Der Baader Meinhof Komplex»).
Lieblingstier: schwarzer Panther.
Lieblingsessen: indisch, natürlich auch richtig indisch scharf.

Was sagen Sie einer portugiesischen Reinigungsfrau, die denkt, dass ­Streiken in der Schweiz verboten sei?
Streiken ist nicht verboten, sondern es ist ein Recht. Das Problem ist, dass es nicht einfach ist, einen Streik durchzuführen. Viele Leute haben Angst, die Arbeitgeber setzten Druck auf und drohten mit Entlassung. Streik ist das letzte Mittel bei einer Eskalation. Beim Frauenstreik habe ich damals am Arbeitsplatz im Heim einfach gebummelt. Die Jugendlichen mussten sich den Zmorge selber machen. Ich würde der Reinigungsfrau auch sagen, dass ich sie beim Streik begleite, zum Zeichen der Unterstützung und der Solidarität.

Was ist heute das grösste Problem der Gewerkschaftsbewegung?
Sie ist einseitig aufgestellt und nur in ­gewissen Branchen stark. Etwa bei der Eisenbahn oder teils auch in der Industrie. Aber es gibt weite Bereiche, wo nur wenige organisiert sind. Der Umbruch mit der Digitalisierung, mit den vielen Freelancerinnen und Freelancern in ­ungesicherten Verhältnissen fordert uns heraus. Wir müssen vermehrt Junge organisieren, zum Beispiel mit einer gezielten Ansprache in den sozialen Medien.

Das geschieht ja bereits, doch die ­Anwerbung erweist sich oft als ­schwierig. Welche Massnahmen stellen Sie sich konkret vor?
Vielleicht müssten wir einmal über eine flächendeckende Solidaritätsabgabe reden. Ich weiss, das tönt utopisch, könnte aber ein Versuch sein, den Gewerkschaften die Mittel zu geben, die sie für ihre Aufgabe brauchen. Bei uns im Bundespersonalverband, den ich präsidiere, ist das ein Thema. Es gibt 35’000 Bundesangestellte, und nur ein relativ kleiner Teil davon ist gewerkschaftlich organisiert. Doch wir machen die Arbeit für alle.

Es braucht genügend Ressourcen, um neue Mitglieder in den Gewerkschaftswüsten zu gewinnen. Wie wollen Sie als SGB-Präsidentin vorgehen?
Der SGB ist ein Dachverband. Als Präsidentin ist mein Gestaltungsspielraum begrenzt. Wir müssen das im Dialog mit den verschiedenen Verbänden erarbeiten, ihre Überlegungen einholen und berücksichtigen. Wenn es eine landesweite GAV-Pflicht gäbe, würde es anders aussehen. Leider sind die politischen Mehrheiten nicht so. Ich bin ja mit dem freisinnigen Gewerbedirektor Hans-­Ulrich Bigler in der Finanzkommission. Den erlebe ich als schlimmen Personalfeind. Es ist mir unverständlich, dass die ­Arbeitgeber nicht auch ein Interesse daran haben, dass ihre Angestellten geschützt sind. Dass das Gewerbe die flankierenden Massnahmen nicht aktiv verteidigt, ist einfach nicht nachvollziehbar, denn sie profitieren auch ­davon.

«Ich hoffe, dass der AHV-Steuerdeal durchkommt.»

Die Wirtschaft ist im Umbruch, Jobs verschwinden, neue Berufe entstehen. Sagen Sie uns bitte, wie die Gewerkschaften darauf reagieren sollen.
Eine grosse Herausforderung für die ganze Wirtschaft ist die Digitalisierung. Wir müssen dafür sorgen, dass die Arbeitnehmenden eine intensive Weiterbildung und Umschulung erhalten, damit sie mithalten können. Das ist gerade für die älteren Beschäftigten zentral. Beim digitalen Umbau sind Staat und Arbeitgeber gefordert. Ich habe dazu auch zwei Vorstösse für einen Weiterbildungsfonds für über Fünfzigjährige eingereicht. Weiter finde ich, dass die Gewinne durch die Digitalisierung zwingend in Form von Arbeitszeitverkürzungen an die Arbeitnehmenden verteilt werden sollten. Ich könnte mir gut vorstellen, dass wir da eine Volksinitiative lancieren könnten.

Im Service public häufen sich die Angriffe von rechts. Sie zielen auf den Abbau
und die Verschlechterung der öffentlichen Leistungen. Ihr Rezept dagegen?
Auch hier gilt es, die massiv unter Druck stehenden Arbeitsbedingungen zu verteidigen. Ein Beispiel: Wir konnten beim Bundespersonal den Anspruch auf einen Teuerungsausgleich retten, den die Bürgerlichen aus dem Gesetz streichen wollten. Wenn das gelungen wäre, so wäre dies ein verheerendes Signal an die Kantone und Gemeinden, aber auch an die Unternehmen gewesen. Wir müssen Privatisierungen und Auslagerungen stoppen, welche die Arbeitsbedingungen aushöhlen.

Die Gewerkschaften wehren sich schon lange dagegen. Aber nun wächst auch noch der Druck, zum Beispiel auf die Spitäler.
Für mich gehört das Gesundheitswesen zum Service public. Wir dürfen es nicht zulassen, dass internationale Ketten Spitäler aufkaufen, um Gewinne zu machen. Das neoliberale Denken in öffentlichen Unternehmungen ist schlimm, Postauto lässt grüssen. Wir haben immer noch ein extremes Lobbying der ­Privatwirtschaft in diese Richtung. Wo öffentliche Leistungen im Spiel sind, muss ein Gesamtarbeitsvertrag Pflicht sein. Dazu gehören auch die Medien und die Information. Multimillionäre dürfen nicht bestimmen, was wir in der Schweiz lesen. Ein Grundinformationsangebot für alle soll gewährleistet sein. Die Schweizerische Nachrichtenagentur SDA sollte staatlich mitfinanziert und für alle zugänglich sein. Genauso wie der Wetterbericht von Meteoschweiz muss ich auch SDA-Meldungen jeder Zeit abrufen können.

Ein Einkommen reicht heute häufig nicht mehr, um eine Familie durchzubringen. Zum Teil tun es nicht mal zwei Einkommen. Was kann man da tun?
Mit der Mindestlohnkampagne haben wir viel erreicht. Aber das reicht nicht. Wir brauchen eine neue Kampagne zur Anhebung der tiefen Löhne, vor allem der Frauen. Man muss von einem Lohn leben können. Klar sind soziale Massnahmen wichtig, wie eine Begrenzung der steigenden Prämienbelastung, eine bessere Prämienverbilligung, höhere Kinderzu­lagen sowie unter Umständen Ergänzungs­leistungen für Familien. Grundsätzlich aber müssen wir alles daransetzen, dass die Löhne raufgehen. Es geht nicht, tiefe Löhne durch staatliche Beihilfen zu ermöglichen.

«Ich möchte die Leute in den politischen Prozess einbinden.»

Unter solchen Tieflöhnen leiden vor allem die Frauen …
Wenn wir Beruf und Familie besser vereinbaren wollen, müssen wir die Angebote für die Kinderbetreuung erhöhen und vor allem billiger machen. Dass Frauen diskriminierende Löhne haben, hat auch damit zu tun, dass sie weniger gefördert werden, mehrfach belastet sind und mehr Unterbrüche im Beruf, weniger Weiterbildung und damit weniger Aufstiegsmöglichkeiten haben. Der SGB muss sich viel mehr mit der nichtbezahlten Haus- und Pflegearbeit befassen. Das war bisher zu wenig auf dem Radar.

Jede erwerbstätige Frau wird im Schnitt um 7000 Franken pro Jahr geprellt, nur weil sie eine Frau ist und wir keine Lohngleichheit haben. Wie kann man das ändern?
Sicher nicht mit einer so dürftigen Vorlage, wie wir sie jetzt im Parlament haben. Wir müssen den Verfassungsgrundsatz endlich durchsetzen, und zwar mit einem griffigen Gesetz. Es braucht flächendeckende Kontrollen, nicht nur beschränkt auf Grossbetriebe. Bei der Lohndiskriminierung der Frauen geht es nicht bloss um die unerklärbaren Lohndifferenzen. Die erklärbaren Lohnunterschiede sind ja noch grösser, und diese sind ein strukturelles Problem. Wir müssen die zu tiefen Löhne in den sogenannten Frauenberufen wie Pflege, Verkauf usw. bekämpfen. Diese müssen rauf.

Die ehemalige SGB-Co-Chefin ­Christiane Brunner plädierte im work für
ein ­Frauenstreiksekretariat im SGB. Einverstanden?
Ja, da bin ich unbedingt dafür. In den Regionen haben wir nur bedingt Kapazitäten. Der SGB hat ein grosses Interesse daran, bei einem Frauenstreik 2019 eine wichtige Rolle zu spielen. Es braucht wahrscheinlich zwei Personen für die deutsche, eine für die Westschweiz und eine für das Tessin. Die Frage ist, wie wir diejenigen Frauen – und auch Männer – erreichen, die finden, es müsse etwas geschehen, die aber bisher nicht gewerkschaftlich organisiert sind.

Sind Sie für den AHV-Steuerdeal, der in den Gewerkschaften umstritten ist?
Ich habe Ja gestimmt. Es war teils schwierig für die Gewerkschaftsbasis, das nachzuvollziehen. Meine Lehre daraus ist, dass man die Leute besser einbinden muss. Manche fühlten sich vor vollendete Tatsachen gestellt und reagierten wütend. Es ist positiv, dass die AHV 2,1 Milliarden mehr erhält. Wir haben dann Luft bei der Altersreform, ohne dass es Abstriche bei der AHV gibt. Diese soziale Kompensation ist sehr viel wert. Es wäre eine Illusion zu glauben, bei einem Nein erhielten wir letztlich mehr und es gebe keinen Abbau. Die Frauen mit einem höheren Rentenalter wären die Leidtragenden. Ein Nein würde auch den Steuerwettbewerb in den Kantonen noch mehr anheizen. Die Folge wären weitere Sparpakete. Ich hoffe, dass die Vorlage durchkommt.


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