Angelica Balabanoff mischte im Landesstreik die Schweiz auf
Rebellin, Sozialistin, Feministin

Kaum jemand erinnert sich heute noch an sie: doch Lenins Weggefährtin Angelica Balabanoff war für das Schweizer Bürgertum ein brandrotes Tuch.

ANGELICA BALABANOFF: Mit der Aufdeckung der skandalösen Zustände in religiösen Arbeiterinnenheimen löste die Russin in der Schweiz einen Riesenskandal aus. (Foto: RH)

Zunächst war sie bloss ein «Fräulein». Dann eine «Anarchistin», später eine «berühmte Agitatorin» und schliesslich eine «gefährliche Bolschewistin». Diese Bezeichnungen widerspiegeln die Kar­riere von Angelica Balabanoff (1878 bis 1965). Für das Schweizer Bürgertum war sie Staatsfeindin Nummer eins. Im Landesstreik 1918 erreichte die Wut gegen die Russin ihren Höhepunkt. Kurz danach musste Balabanoff die Schweiz verlassen: Ausweisung! Sie habe «mit ihren Umtrieben die Sicherheit des Landes gefährdet». So der Bundesrat in seinem Beschluss vom 12. November 1918.

14 TAGE REICHTEN

Balabanoff war aber nur gerade zwei Wochen in der Schweiz. Im Oktober traf sie mit dem Zug in Zürich ein. In der ­Tasche einen Diplomatenpass des Roten Kreuzes. Ordentlich meldete sie sich beim Kreisbüro an. Sofort hefteten sich Geheimagenten an ihre Fersen. Die Schlapphüte überwachten sie rund um die Uhr. Im Hotel Central, wo sie ­logierte, wimmelte es von Spitzeln. Und von Provokateuren. Mehrmals baten sie Unbekannte um Geld: «Ich habe gehört, Sie seien so grosszügig …» Solche Schnorrereien waren Fallen. Sie sollten den ­Beweis erbringen, dass die Russin mit ­einer Menge Geld in die Schweiz gekommen war. Geld für die Revolution. ­Natürlich fiel Balabanoff nicht darauf herein. Dafür war sie viel zu gescheit.

«Diese Frau schiesst mit scharfen Worten gegen Religion und Kapital.»

Balabanoff stammte aus einer wohlhabenden Familie in Tschernigow (früher Russland, heute Ukraine). Sie studierte in Brüssel, weil Frauen in Russland nicht an die Uni durften. Dort lernte sie den Marxismus kennen. ­Sofort war sie von der Vision einer Gesellschaft ohne Ausbeutung, genannt Kommunismus, fasziniert. In Rom schloss sie sich den italienischen Sozialisten an und stellte sich ganz in den Dienst der Sache. Dank zahlreichen ­Vorträgen und Artikeln in Gewerkschaftskreisen wurde sie rasch bekannt. Balabanoff war rhetorisch begabt, sie konnte die Menschen fesseln. Und zwar in vielen Sprachen. Die nur 1,50 Meter grosse Rednerin lebte spartanisch und selbstlos, war immer auf Reisen, eine Nomadin des Sozialismus. Das machte Eindruck.

GEGEN RELIGION UND KAPITAL

1904 kam sie zum ersten Mal in die Schweiz. Und es gab gleich einen Skandal: Balabanoff deckte die infame ­Ausbeutung von jungen Italienierinnen in Ostschweizer Textilbetrieben auf (siehe Text unten). Von da an war sie für das helvetische Bürgertum ein brandrotes Tuch und ein Fall für die Polizei. Das zeigt ihre Akte im Bundesarchiv in Bern. Überall, wo sie einen ­Vortrag hielt, waren Spitzel dabei. Rapport nach Bern zur Bundespolizei: Diese Frau schiesse «mit scharfen Worten ­gegen Religion und Kapital». Sie fordere die Proletarier zur Befreiung auf. Und der Klassenfeind machte sie immer mehr zur Staatsfeindin.

Balabanoff war auch mit Streik­führer Robert Grimm und Rosa Bloch bekannt, welche die damaligen Hungermärsche organisierte. Zusammen mit Clara Zetkin organisierte sie internationale Frauenkongresse. Als Sekretärin der Zimmerwalder Bewegung brachte sie die linken Kriegsgegner als politische Kraft ins Gespräch. An der Konferenz in Zimmerwald BE hatte sie Lenin getroffen. Sofort erkannte der Revolutio­när ihre Qualitäten. Als die Oktober­revolution 1917 das alte Zarenregime hinwegfegte, zog Balabanoff nach Russland. Fortan war sie Lenins enge Vertraute, möglicherweise seine Geliebte und eine Art persönliche ­Gesandte. In seinem Auftrag pflegte sie die Kontakte zu den Arbeiterführern in Europa.

RECHTE RUBEL-LÜGE

Im Jahr des Generalstreiks kam Balabanoff in die Schweiz. Eigentlich wollte sie nach Italien weiterziehen. Aber die Bundesbehörden verwehrten ihr zunächst die Einreise. Ein Deal über die Ausreise von Schweizern, die im revolutionären Russland festsassen, ermöglichte dann doch ihre Ankunft in Zürich. Sogleich begann eine Hetzkampagne. Die reak­tionäre «Gazette de Lausanne» verbreitete das Gerücht, Balabanoff sei mit 10 Millionen Rubel in die Schweiz gekommen, um hier «die Revolution zu entfachen». Pure Fake News, doch viele glaubten es. «Lächerlich», schrieb Balabanoff dazu in ihrer Autobiographie «Mein rebellisches Leben». Die Rechte forderte ihre Ausweisung, doch der Bundesrat zögerte. Er ­befürchtete Proteste der SP und der Gewerkschaften. Diese hatten Bern wissen lassen, dass sie einen Rauswurf Balabanoffs nicht hinnehmen würden. Die Russin habe sich nichts zuschulden kommen lassen.

Balabanoff wurde verletzt, blutete am Arm und verlangte einen Verband. Sie erhielt keinen.

VOM MOB VERLETZT

Die Geheimprotokolle zeigen klar, wie der Bundesrat dem Druck der Rechten nachgab und einknickte. Eine üble Rolle spielte dabei die Bundesanwaltschaft. Sie hatte keinerlei Beweise für das ­angebliche Geld aus Moskau. Dennoch behauptete sie frech, solches sei «via Schweden» in die Schweiz gelangt. Die Bundesräte glaubten an diese Mär, ­sahen überall bolschewistische Subversion am Werk und beschlossen in Panikstimmung, Balabanoff los zu werden. Und mit ihr gleich alle «Bolschewiki», sprich die ganze russische Botschaft. Ein aufgehetzter Mob in Bern bedrohte und bespuckte die Diplomaten bei ihrer erzwungenen Abreise. Die zur Bewachung aufgebotenen Dragoner blieben passiv. Es kam zum Handgemenge. Balabanoff wurde verletzt, blutete am Arm und verlangte einen Verband. Sie erhielt keinen. Man verbot ihr auch ein Telefonat mit den Spitzen der Gewerkschaft.

Seither hatte Balabanoff in der Schweiz Einreiseverbot. Und zwar auch noch, als sie sich langsam von Lenin ­lossagte. Sie bewunderte zwar den zielstrebigen Machtmenschen und seine konsequente Haltung. Doch sie verurteilte auch seine Kompromiss- und Skrupellosigkeit. Die Diktatur der neuen ­Sowjetführung war ihr zuwider. Schliesslich schloss die Kommunistische Partei Balabanoff 1924 wegen «Rechtsabweichlertum» aus.

KRITIK AN LENIN

Zuflucht fand sie nach dem Zweiten Weltkrieg bei den Sozialisten in Rom – dort, wo ihr Aufstieg begann. Sie lebte in der italienischen Hauptstadt bis zu ihrem Tod im Jahr 1965. Im Alter von 90 Jahren schrieb sie noch eine luzide ­Analyse des Phänomens Lenin: Wie konnte jemand, der die Freiheit wollte, diese so stark ­unterdrücken, fragte sie. Die Antwort: Für Lenin habe der Zweck die Mittel geheiligt. Das aber sei der ­falsche Weg. Der Idee des demokratischen Sozialismus blieb Balabanoff bis zum Lebensende treu.

Genosse Mussolini

MUSSOLINI: Foto
der Schweizer Polizei von 1903.

Ausgerechnet die Sozialistin Balabanoff hat den Faschisten Mussolini gross ­gemacht. Aber wider Willen. Balabanoff traf Benito Mussolini 1904 in ­Lausanne. Da war der spätere ­Gewaltherrscher noch Sozialist. Und
ein abgerissener Emigrant, der sich als Hilfsarbeiter am Genfersee ­herumtrieb. Grossspurig geis­selte Mussolini die Schweizer ­Sozialisten, sie seien zu schlapp und müssten ­radikaler werden. Das gefiel Balabanoff. Sie taten sich zusammen und traten an Versammlungen auf. Balabanoff lieh ihm marxistische Literatur zum Studium. Später rühmte der selbsternannte Duce, erst Balabanoff habe ihn zu einem politischen Menschen gemacht. 1931 rechnete Balabanoff in einem scharfsinnigen Buch mit dem italienischen ­Faschismus und seinem grössen­wahnsinnigen Führer ab.


Balabanoff entlarvte Ostschweizer «Fabrik-Klöster» Arbeiten, Gehorchen, Schweigen

Der Skandal um die Arbeiterinnenheime war der Start von Angelica Balabanoffs Karriere als Gewerkschafterin.

Ein Brief brachte den Stein ins Rollen. Darin schilderten Elvezia Paretti (14) und Ida Pasi (21) ihren Eltern die schrecklichen Zustände im Arbeiterinnenheim Murg SG. Dort wohnten die ­beiden jungen Italienerinnen unter Aufsicht von katholischen Ordensschwestern. Nach der ­elfstündigen Plackerei in der Spinnerei mussten sie beten und bis zum nächsten Morgen schweigen. Der Lohn wurde ihnen ­abgenommen, Briefe und Pakete konfisziert. Beide flehten die ­Eltern an, sie herauszuholen. Notfalls mit der Polizei.

Der erschütternde Brief ­gelangte zu Angelica Balabanoff. Die Sozialistin (siehe Text oben) arbeitete damals als Gewerkschaftssekretärin in der Schweiz. Die italienischen Sozialisten hatten sie 1905 nach St. Gallen ­geschickt, um die vielen Landleute auf dem Bau und in der Industrie zu betreuen. Balabanoff stiess auf sklavenähnliche Zustände: Zu Hunderten hatten die Ostschweizer Textilbarone junge Mädchen aus Italien und dem Tessin rekrutiert und beschäftigten sie zu Hunger­löhnen. Privatsphäre gab es für die Arbeiterinnen im Heim keine. Widerspenstigen drohten die Schwestern, sie kämen in die Hölle.

Nach der Plackerei mussten die Mädchen beten und schweigen.

PERFIDES SYSTEM. Balabanoff erkannte das perfide System sofort. Sie nannte die Heime «klerikal-kapitalistische Strafanstalten». Ganz marxistisch, geisselte sie die «Allianz von Kapital und ­Kirche» zum Zwecke der Ausbeutung von Arbeitskräften. Ihre ­Artikelseri im St. Galler Linksblatt «Vorbote» trug den Titel «Von der Ausbeutung der jugendlichen Arbeiterinnen in den religiösen Arbeiterinnenheimen der Schweiz». Und sie löste einen Skandal aus. Es folgten landesweit amtliche Untersuchungen. Das zynische Argument, man müsse mit dem strikten Regime die Moral der Arbeiterinnen schützen, geriet ins Wanken. Doch Behörden, Kirche und Politik vertuschten und verschleppten die Sache. Die berüchtigten Heime verschwanden erst in der grossen Textilkrise nach dem Ersten Weltkrieg.

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