Die Geheimprotokolle zum Landesstreik

Der Bundesrat sieht dunkelrot

Ralph Hug

Im Bundeshaus war klar: Es steht die Revolution vor der Tür. Das zeigen die für geheim erklärten Protokolle des Bundesrates von 1918.

VERBLENDUNG: Im Bundeshaus diskutierten die Politiker über die angebliche Gefahr einer von «russischen Agitatoren» angefachten Revolution. (Foto: Szene aus dem Theater 1918.ch / Eve Lagger)

«Kein Auszug, da geheim»: Was der Bundesrat im Vorfeld des Landesstreiks beriet, sollte niemand erfahren. Die Protokolle waren streng ­geheim. Heute liegen sie im Bundesarchiv. Wer sie liest, begegnet einem Bundesrat in Panik. Er wähnte die Revolution vor der Tür. Über die wahren Gründe der Wut des Volkes – Hunger, Arbeitslosigkeit, Verbitterung, Ohnmacht, Unterdrückung – verlor man wenige Wochen vor dem Streik kein Wort mehr. Es ging nur noch um Militär, Polizei und Repression.

Munitionsdepots geräumt. Statt der Unzufriedenheit der Schweizer Lohnabhängigen sahen die Männer – alle durchweg freisinnig-konservativ – ausländische Agitatoren am Werk. Die Bundesanwaltschaft klärte ab, «in welcher Weise gegen die russischen Agenten und Unruhestifter, welche unter dem Deckmantel von russischen Kurieren in die Schweiz kommen, vorgegangen werden kann». Gemeint waren Leute wie die Russin Angelica Balabanoff (siehe: «Angelica Balabanoff: Rebellin, Sozialistin, Feministin»). In den Protokollen ist ständig von «Brutstätten der Revolution» und «bolschewistischen Umtrieben» die Rede. Das Militär räumte schon heimlich die Munitionsdepots in den Städten – damit sie nicht dem «Feind» in die Hände fielen.

WILLES WAHN. Zu den grössten Scharfmachern zählte General Ulrich Wille. Er wollte bereits am 2. November ­Zürich militärisch besetzen lassen. Sein Plan war, vier Infanterieregimenter und sämtliche Dragonerschwadronen aufzubieten. Diese sollten auch in Bern, Luzern, Winterthur und Schaffhausen «üben». Auf Antrag von Armeeminister Camille Decoppet verschob der Bundesrat das Aufgebot. Die Lage sei zwar ernst, aber nicht dringlich. Man hatte Angst, diese Provokation könnte mehr Schaden anrichten als nützen. Schon tags darauf doppelte Wille nach und verlangte Rückkommen auf den Beschluss. Er habe Meldungen «vom ­Anwachsen der revolutionären Bewegung und von der Anlage von Munitionsdepots».

Der Bundesrat geriet vor dem Landesstreik in pure Panik.

Am 6. November beugte sich der Bundesrat dem Druck von rechts und beschloss das Truppenaufgebot. An derselben Sitzung entschied er auch, die Sowjetmission auszuweisen und den diplomatischen Kontakt abzubrechen. Rechtskreise hatten schon lange gegen die russischen Diplomaten gehetzt und sie als Drahtzieher eines bevorstehenden bolschewistischen Umsturzes angeprangert. Ohne jegliche Beweise. In Tat und Wahrheit hatten die Russen mit dem Generalstreik wenig bis nichts zu tun. Trotzdem herrschte im Bürgertum eine antikommunistische Angstpsychose und Hysterie. Man bangte um die Privilegien.

DRUCK. Die Akten zeigen ausserdem, dass auch Frankreich Druck machte. Der französische Gesandte beschwerte sich bei Bundespräsident Felix Calonder, die Schweiz gehe zu wenig gegen die Bolschewisten im Land vor. Man sei «zu schüchtern und furchtsam». Er kolportierte die Mär, die Bolschewiki hätten 50 Millionen Franken in die Schweiz gebracht und wollten von hier aus «die Revolution inszenieren». Er drohte gar, dass Frankreich die Grenze zur Schweiz mit einem Kordon absperren werde. Das war dann aber selbst für Calonder zu viel. Er rapportierte den ­Bundesratskollegen, dass er den ­Gesandten beruhigt und ihm versichert habe, der Bundesrat tue seine Pflicht, er könne aber nicht «auf alle unsinnigen Gerüchte hin» Massnahmen treffen.

Alle Bundesräte sahen den Umsturz im Anrollen. Es gab aber doch auch Unterschiede. Als Hardliner trat besonders Bundesrat Gustave Ador auf, ein Rechter aus Genf, und als Bremser Vizepräsident Eduard Müller, ein Freisinniger, der in Bern die Arbeitslosenfürsorge einführte. Ador wollte die Sowjetmission schon früh rauswerfen. Müller hingegen dachte taktisch und wollte Provokationen vermeiden: «Die Jungburschen (Vorreiter der Juso. Red.) warten nur einen günstigen Anlass ab, um los­zuschlagen.» Er wollte auf Nummer ­sicher gehen und zuerst das Militär aufbieten. Was dann auch geschah.


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